Hagen. Butterkuchen für alle heißt es am morgigen Sonntag im Hagener Senioren-Schlösschen, denn es gibt einen ganz besonderen Geburtstag zu feiern: Bewohnerin Marta Meyer wird 104 Jahre alt.
Während es Kaffee und Kuchen und vielleicht auch ein Schlückchen Sekt für die Bewohner des Seniorenheims gibt, feiert die Familie im kleinen Kreis. "Es wird ganz besinnlich", sagt Manfred Niesner, einziger Sohn der Jubilarin. Bis vor wenigen Jahren habe seine Mutter noch rege am Leben teilgenommen - doch ihre völlige Erblindung vor drei Jahren machte eine Vollpflege notwendig, nachdem sie bereits vor mehr als zehn Jahren das Augenlicht auf einem Auge verlor.
Geboren im Jahre 1908 in Bad Schwarzbach im ehemaligen Schlesien, liegt ein nicht immer sorgenfreies Leben hinter ihr. Zu einer Zeit, in der eine Französin als erste Frau in einem Flugzeug mitflog, die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr erstes offizielles Länderspiel absolvierte und das Ford-Automobil "Modell T" in Produktion ging, lebte die Familie in einfachen Verhältnissen. Mit drei Geschwistern wuchs Marta Meyer in einem kleinen Häuschen auf.
Auf zwei Morgen Land wurde das Notwendigste angebaut, zwei Ziegen versorgten die Familie mit Ziegenmilch, der Marta Meyer an ihrem 100. Geburtstag ihr langes Leben zuschrieb.
Schon im Kleinkindalter schlug das Schicksal zu, 1910 brachte die weltweite Grippe sie an den Rand des Todes. Marta Meyer überstand die Krankheit, und auch der Erste Weltkrieg ging für die Familie glimpflich aus. Nach ihrer Schulzeit nahm sie eine Stelle im Haushalt einer Familie an, wie es damals für junge Frauen üblich war. "Gerne erinnert sich meine Mutter an ihre Jugendjahre, die wohl zu ihren glücklichsten gehören", erzählt Manfred Niesner. Mit Begeisterung berichte sie auch heute noch von den gesellschaftlichen Aktivitäten - und wie gern sie zum Tanzen ging. 1933 heiratete sie ihren ersten Mann Franz Niesner und zog nach Greiffenberg, wo sie eine Stelle als Näherin antrat. 1943 wurde ihr Sohn geboren. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges landeten die Vertriebenen in Beckedorf bei Bremen, ganz in der Nähe der dort bereits lebenden Geschwister. Heimweh machte der gebürtigen Schlesierin zu schaffen, die sich auch heute noch nach ihrer alten Heimat sehnt. "Gerne hat sie in
schlesischen Heimatzeitungen gelesen", erzählt Manfred Niesner.
1969 heiratete Marta Meyer ein zweites Mal und zog nach Bremen-Aumund. Mit ihrem Mann Bernhard Meyer, der 1980 starb, unterhielt sie eine Parzelle. "Ihre Vorliebe galt immer natürlichen Dingen wie Blumen und Pflanzen", erinnert sich der Sohn. 1999 entschied sich die damals noch rüstige Seniorin für ein Appartement im "Betreuten Wohnen" in Friedehorst, das sie im April 2010 mit einem Doppelzimmer im Hagener Senioren-Schlösschen tauschte. Ihre Tage verbringt die alte Dame, die im Rollstuhl sitzt, im Wintergarten des Hauses. Hier nehmen die nicht mehr mobilen Bewohner ihre Mahlzeiten gemeinsam ein. Freude hat sie am gemeinsamen Spielen und Singen.
Manfred Niesner besucht seine Mutter mindestens einmal pro Woche: "Ich bin stolz darauf, dass meine Mutter es trotz aller Widrigkeiten und gesundheitlicher Einschränkungen geschafft hat, so alt zu werden", sagt der 68-Jährige.
Ein Ziel habe sich die Seniorin schon vor einigen Jahren gesetzt, erzählt er zum Abschluss: So alt werden wie Schauspieler Johannes Heesters. Der wurde 108.



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