Und darauf kann er mächtig stolz sein. Denn in der Regel ehre das Landvolk keine langjährige Mitgliedschaft, sondern nur Ortsvertrauensleute und Bezirkssprecher, wie Pressereferent Tim Backhaus mitteilt. Für 20 Jahre Ehrenamt gebe es beispielsweise die Silberne Landvolk-Ehrennadel. Nun ist Walter Wiechering von Natur aus nicht der Typ, der viel Aufheben um seine Person macht, er freut sich aber natürlich trotzdem über die Urkunde.
Nur einen halben Kilometer Luftlinie von Essemühle aufgewachsen, trat Walter Wiechering früh in die Fußstapfen seines Vaters. Schon der alte Fritz hatte nämlich bei Tanger seine Brötchen verdient. Was lag da also näher, als dass auch der Junior dort in die Lehre ging.
Wer wie Walter Wiechering seit sechs Jahrzehnten auf dem Bauernhof arbeitet, hat wie kein anderer den Wandel in der Landwirtschaft hautnah miterlebt. Erdäpfel sind nach wie vor das Steckenpferd des 76-Jährigen. Auf 100 Hektar werden bei Tanger in Essemühle die tollen Knollen angebaut. Aber nicht mehr wie früher mit Pferd und Wagen, sondern mit Pflanzmaschine und Vollernter. "Damals haben wir die Pflanzkartoffeln noch mit der Hand in die Löcher geschmissen und später die Reihen angehäufelt", erinnert sich Walter Wiechering an die gute alte Zeit. Ja, körperlich anstrengender sei es schon gewesen, Linda mit der Forke auszubuddeln, aber irgendwie auch entspannter. "Heute haben die Leute alle keine Zeit mehr", sinniert er über das Zeitalter von Stress und Burnout-Syndrom.
Irgendwann kam dann der sogenannte Vorratsroder. Der habe die Erdäpfel dann in einer Reihe hinter der Maschine hingelegt. "30 bis 40 Männer mussten da noch auf dem Feld sein und die Kartoffeln aufsuchen", erzählt der langjährige landwirtschaftliche Mitarbeiter. Wie gut, dass es jetzt die Vollerntemaschine gibt, oder? Die sucht die tollen Knollen ja schließlich gleich mit auf. Trotz des technischen Fortschritts in der Kartoffelernte möchte der Rüssener manchmal am liebsten die Zeit zurückdrehen. "Das war irgendwie schöner damals. Die Arbeit hat einfach mehr Spaß gemacht, weil mehr Leute auf dem Feld waren. Heute sitzt man ja alleine auf dem Roder", bedauert der zweifache Vater und dreifache Großvater. "Wenn ich das Radio nicht hätte, wäre es ganz schlimm", freut sich Walter Wiechering über seinen musikalischen Begleiter bei der Kartoffelernte in Essemühle.
In der sechswöchigen Erntezeit bekommt seine Frau ihren Mann kaum zu sehen. Von morgens um Sieben bis abends um Neun sitzt er dann manchmal auf dem Roder. Immer darauf bedacht, tonnenweise Erdäpfel zu bunkern. Klar, dass sich ein Roder gar nicht so einfach steuern lässt, wenn der Vorratsbunker bis zum Anschlag gefüllt ist. Wer Walter Wiechering zur Erntezeit sucht, braucht in Essemühle eigentlich nur nach einer roten Erntemaschine Ausschau zu halten. Genau, nach dem bekannten Fabrikat aus Damme im Landkreis Vechta.
Direkt vom Feld wandern Cilena und Co. dann in die Halle, wo die Kartoffeln gelagert werden. "Länger als bis Mai oder Juni können wir sie dort aber nicht halten", weiß der erfahrene Kartoffelbauer. Per Lastwagen geht es dann zu Pfanni nach Cloppenburg oder Stöver nach Aldrup, wo aus den Knollen Puffer oder Pommes werden. Nicht nur die Trocknung ist Walter Wiecherings Revier, in trockenen Zeiten hilft er natürlich auch bei der Beregnung mit. "Wir haben Sandboden. Da müssen wir beregnen", sagt der arbeitende Rentner.
Auf die Frage, ob er denn Jörg Tanger auch noch in dieser Saison tatkräftig unterstützen möchte, entgegnet der Rüssener ganz bescheiden: "Wenn ich noch gebraucht werde." Und ob. "Walter gehört bei uns doch zum Inventar. Der hat ja schon für meinen Vater Friedrich gearbeitet", lobt Jörg Tanger seinen Mitarbeiter und fährt mit der Lobhudelei gleich weiter fort: "Er ist hilfsbereit und immer da, wenn man ihn braucht. Walter setzt sich einfach auf die Maschine und fährt los." Er habe in der ganzen Zeit fast nie gefehlt. "Ich hoffe, dass er sich noch lange bester Gesundheit erfreut. Für uns ist er einfach unentbehrlich", spielt Jörg Tanger auch auf das technische Geschick seines Mitarbeiters an. "Wenn das Betriebsklima bei Jörg Tanger nicht so gut sein und mir die Arbeit keinen Spaß machen würde, würde ich dort auch nicht mehr mitarbeiten", steht für Walter Wiechering fest.
Der verzehrt die tolle Knolle übrigens am liebsten als Bratkartoffel. "Ich freue mich schon, wenn ich Anfang Juni die ersten Frühkartoffeln ernten kann", sagt Walter Wiechering, dem bei diesem Gedanken schon das Wasser im Mund zusammenläuft. Zehn bis zwölf Reihen Kartoffeln pflanzt er im eigenen Garten. Aber für seine Hobbys, Garten und Feuerwehr, hat er ja neben der ganzen Arbeit auf dem Hof von Jörg Tanger kaum Zeit. Scheint also doch etwas dran zu sein an der Annahme, dass Rentner einfach keine Zeit haben.



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