Verden. "Wenn hier tatsächlich alle Betten belegt wären, dann wird eben zusammengerückt - weggeschickt wird hier niemand", sagt Herbergsvater Pinkernell-Reiners. Mit einer Ausnahme: "Wenn hier jemand Hausverbot hat, dann gilt das." In diesem Fall suche er aber nach Alternativen. Draußen schlafen müsse keiner.
Wer in diesen Tagen in der Verdener Ziegeleistraße ankommt, hat eine längere Tour hinter sich - die nächsten Anlaufstellen für Wohnungslose sind in Nienburg und Rotenburg. Der jüngste Zugang kam aus Soltau. Rund 50 Kilometer bei minus zehn Grad auf dem Fahrrad. "Der Bewohner war extrem durchgefroren, als er bei uns ankam", erinnert sich Pinkernell-Reiners.
Sechs bis sieben Übernachtungen werden für gewöhnlich vom Landkreis genehmigt, bevor ein Bewohner weiterziehen oder einen festen Wohnsitz anmelden muss. Eine Regel, aber kein Dogma, betont Karsten Bödecker vom Fachdienst Soziales beim Landkreis. Bei gesundheitlichen Problemen erbittet Pinkernell-Reiners dort Verlängerung für die Bewohner. Ebenso verhält es sich bei den derzeitig vorherrschenden Minusgraden.
Hans (Name von der Redaktion geändert) braucht keine Verlängerung. Er hat mit seinem Hund über Winter in Verden "festgemacht". Der Zusatz "ofW" - ohne festen Wohnsitz - ist in seinem Ausweis gestrichen. Wenn das Frühjahr kommt, meldet er sich wieder ab. Dann will er wieder auf die Straße, "wahrscheinlich erstmal nach Ostfriesland. Da ist es schön flach, und ich muss das Rad nicht so oft schieben". Früher war er quer durch Europa unterwegs. Einmal habe er es als Anhalter bis nach Marokko geschafft. In seinem Leben davor war der Hamburger Binnenschiffer. Als ihn seine Frau verlassen hatte, sollte er ihr Alimente zahlen. Viel zu hoch, fand Hans. "Da ging's dann ab auf die Straße."
Die Kälte hält die Bewohner in der Verdener Ziegeleistraße derzeit überwiegend im Haus. Eine Ausnahmesituation - meistens zieht es die Obdachlosen tagsüber ins Freie. "Zur Zeit stehen Karten- und Brettspiele hoch im Kurs", erzählt Pinkernell-Reiners. Der Fernseher sei selten in Betrieb, fast nur für Sportübertragungen. Außerdem ist da auch noch der Haushalt zu organisieren. Nach kurzer Absprache laufe der meist problemlos: Einer kauft ein, ein anderer kocht, und für den Abwasch findet sich auch immer jemand. Überhaupt sei es hier im Wesentlichen wie in allen anderen sozialen Schichten auch, betont Pinkernell-Reiners. "Jeder hat seine Sorgen und Nöte, man hilft sich, manchmal gibt es Zickenkrieg - das ist hier nicht anders als anderswo."
Der Herbergsvater hat einen guten Draht zu den Durchreisenden. Etwa die Hälfte seien "Stammkunden" - man kennt sich, man vertraut sich. "Das ist der Hauptgrund, warum es hier so gut läuft", erklärt der Herbergsvater. "Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit dem Landkreis, dem St. Johannisheim als Träger und der Ambulanten Hilfe, mit der wir kooperieren." Der Herbergsvater hat seine Wohnung im ersten Stock des Hauses, ist rund um die Uhr nah am Geschehen. Unabkömmlich ist er aber nicht. "Wenn ich nicht da bin, vertritt mich einer der Bewohner. Das läuft gut."
Für Durchreisende mit Hund bietet die Herberge zur Heimat neben dem Haus zwei begehbare Zwinger und neuerdings auch ein separates Zimmer. Die Außenanlagen bieten so viel Platz, dass nicht nur die Vierbeiner, sondern auch ihre Besitzer hier auf einem Feldbett nächtigen können. Manchen Bewohner muss Pinkernell-Reiners selbst bei klirrender Kälte überreden, nicht in einer der Boxen, sondern im Haus zu schlafen. Hier hat selbst die Toleranz des Herbergsvaters ein Ende. "Ab fünf Grad lasse ich nicht mehr mit mir verhandeln."
Die Biografien der Durchreisenden sind breit gefächert. Für fast alle aber gilt, dass sie sich ein Leben mit fester Bleibe nicht mehr vorstellen können. "Viele der Bewohner leben schon seit über 20 Jahren auf der Straße. Alleine in einer Wohnung würden sie es kaum aushalten, weil sie es nicht mehr kennen", erklärt Pinkernell-Reiners. Dennoch leben in der Herberge zur Zeit vier Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen mit dieser Perspektive anfreunden müssen. Wichtig sei dabei, dass ihnen Anlaufpunkte wie die Ambulante Hilfe und die Herberge auf lange Sicht erhalten bleiben, um sie in ihrem neuen Lebensalltag zu begleiten und einem isolierten Dasein vorzubeugen.
27 Jahre ist es her, dass Hans sein altes Leben hinter sich gelassen hat. Viele Jahre war er im Auto oder mit Trecker und Bauwagen unterwegs. Seit 2010 Jahr fährt er mit dem Rad. Der Rücken bereitet ihm manchmal Probleme, und auf das Radfahren hat er langfristig keine Lust mehr. In zwei Wochen wird er 61. Sollte sich eine feste Bleibe ergeben, könne er das ja mal antesten. "Vielleicht mach' ich dann irgendwann in Verden fest - mal seh'n."



Regenwahrscheinlichkeit: