"Ich bin seit 1969 selbstständig als Fischer unterwegs", sagt Willig, der seine Ware in Bremerhaven anlandet. Mindestens dreimal in der Woche beliefert er die Fischauktion mit dem lachsartigen Meeresbewohner. Mit dem 25 Meter langen Kutter ist er immer für jeweils 24 Stunden unterwegs. Die "Margrit" ist einer von inzwischen nur noch zwei Kuttern, die auf der Weser unterwegs sind, um Fische zu fangen. "Ich würde gerne noch zehn Jahre weitermachen", sagt Willig. Dann sei er zwar schon im Rentenalter, aber er lebe eben von der Fischerei.
Doch die, so sagt Ulrich Willig, ist extrem in Gefahr. Das Problem sei die Weservertiefung, gegen die er seit vier Jahren ankämpfe. Das Ausbaggern des Flusses bringe die Fischerei in Bedrängnis, der Stint sei dann nicht oder nur sehr schwer zu fangen. "Sobald gebaggert wird, gehen unsere Erträge um 90 Prozent zurück", sagt Willig. Das hätten ihm auch Biologen bestätigt, die für ein Gutachten mit an Bord gewesen seien. "Der Lärm vertreibt die Fische."
Schon als Bremenports vor Jahren die Wendestelle für Schiffe in der Außenweser vertieft habe, seien nicht nur zwei Fangplätze weggefallen. "Bereits während der Arbeiten hatten wir viele schlechte Tage", berichtet Willig. Es seien nur noch 100 Kilo Fisch im Netz des Kutters gelandet, neben Stint auch Butt und Heringe.
Ein weiteres Problem: Stinte seien Gewohnheitstiere, die in Sand oder Kies laichten. Wenn das Flussbett durch das Ausbaggern verändert werde, verändere sich auch das Laichgebiet. Außerdem könnten die Tiere ihre Wanderrouten verändern. Willig: "Die erst einmal wiederzufinden, ist schwer."
Ob er seinen Kampf gegen die Weservertiefung weiterführen wird, weiß Willig noch nicht. Seit sieben Jahren nutzt er die blau gestrichene "Margrit" mit ihrer Elf-Tonnen-Winde und dem 400-PS-Motor, der elf Knoten Leistung bringt. Immer nahe an der Fahrrinne sei er ein Hindernis für die Lotsen und die Schifffahrt, habe man ihm vorgeworfen. "Es ist mir schon klar, dass uns keiner vermissen wird", so Willig. Doch wenigstens eine Entschädigung möchte er haben, wenn er sein geliebtes Geschäft aufgeben muss.
"Die Gewässer gehören uns nicht"
Die Chancen stehen wohl nicht gut für den Fischer, der 1963 mit seiner Lehre begann und nach vielen Jahren in Dedesdorf heute in Zeven lebt. "Wir haben das Recht, in den Gewässern zu fischen", sagt Willig, der mit seinem Kutter von der Seegrenze weseraufwärts bis Bremen unterwegs ist. "Aber sie gehören uns nicht." Die Weser ist eine Bundeswasserstraße, sie gehört dem Bund. Und der, so glaubt Willig, kann mit seinem Eigentum machen, was er will. Das sieht auch ein Gutachten so, das das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) im Zuge des Rechtsstreits hat erstellen lassen. Es geht von 15 bis höchstens 20 Prozent Umsatzeinbußen aus.
"Das ist natürlich ein Witz", ärgert sich Willig. Dauern die Arbeiten mehrere Monate lang und der Fang ginge tatsächlich um 90 Prozent zurück, dann werde er das möglicherweise nicht durchhalten. Dabei wäre er durchaus bereit aufzugeben, wenn er nur angemessen entschädigt würde. Welche Summe er sich vorstellt, will er nicht sagen, aber gemeinsam mit dem Verkaufserlös für die "Margrit" wäre es eine gute Zusatzrente.
Vorerst aber wird Willig mit seinem Matrosen weiter Stinte aus der Weser ziehen. Denn gerade im Moment läuft das Geschäft gut, es ist Stint-Saison. Der 13 bis 25 Zentimeter lange Fisch galt lange Zeit wegen seines gurkenartigen Aromas als Armeleutefisch, er steht aber inzwischen auf der Speisekarte vieler renommierter Restaurants. Wegen des hohen Anteils mehrfach ungesättigter Omega-3-Säuren werden ihm gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben.
Neun Stint-Fischer gibt es noch in ganz Deutschland: zwei auf der Weser, einen auf der Ems und sechs auf der Elbe. "Das sind sehr wenige", sagt Willig. Deshalb interessiere sich niemand dafür. So werde es bei einer Vertiefung wohl dazu kommen, dass die Boote verschwinden. Willig schaut traurig über das Deck seiner "Margrit" und sagt: "Damit endet ein Stück Tradition auch in Bremerhaven, denn dann wird es hier keinen Fischer mehr geben."


Regenwahrscheinlichkeit:
