| Zwölf Fragen zum Sportjahr 2011 » |
Haben Sie so kurz vor der EM noch die Ruhe, mit der Familie entspannt Weihnachten zu feiern?
Martin Heuberger: Die Zeit möchte ich mir einfach nehmen - wenigstens Heiligabend und am Ersten Weihnachtstag, bevor es richtig mit dem Handball losgeht.
Am 28. Dezember beginnt der erste EM-Vorbereitungslehrgang: Müssen Sie dafür unter dem Tannenbaum noch Hausaufgaben erledigen?
Ich bin gerade dabei, die letzten Vorbereitungen zu treffen, mache die Trainingsplanung und studiere Videos. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich auch am Heiligen Abend noch einige Gespräche führen werde. Das ist aber kein Problem für mich.
Erst drei Tage in Steinbach, dann vom 2. bis 9. Januar eine Woche in Barsinghausen mit den Länderspielen gegen Ungarn in Bremen und Magdeburg: Wo liegen die Schwerpunkte in der Vorbereitungszeit?
Wir haben bis zur EM leider nur noch elf Trainingseinheiten. In denen werden wir uns durch Krafttraining auch im athletischen Bereich verbessern. Und das Wichtigste: Wir werden viel im taktischen Bereich arbeiten und uns spielerisch den Feinschliff holen.
Beim Supercup Anfang November, als es drei Niederlagen in drei Spielen gab, haben Sie Defizite in allen Mannschaftsteilen ausgemacht. Reichen da anderthalb Wochen, um diese Defizite abzustellen? Oder werden Sie sich auf spezielle Dinge konzentrieren?
Es wird nicht reichen, alles abzustellen. Aber wir werden den Supercup noch mal analysieren, damit wir die Fehler, die wir dort gemacht haben, auch reduzieren können. Außerdem wollen wir uns besser einspielen, taktische Abläufe verbessern und das blinde Verständnis fördern. Dass wir Fehler machen, ist, glaube ich, völlig normal. Fehlerfrei ist keine Mannschaft.
Wo drückt der Schuh mehr - in der Abwehr oder im Angriff?
Das ist bestimmt auch abhängig vom Gegner. In unserer Vorrundengruppe haben wir mit Schweden und Tschechien zwei Gegner, die ihre Qualitäten sicherlich im Angriff haben. Aber die Tschechen spielen auch eine sehr, sehr gute 6:0-Abwehr - da ist die Durchschlagskraft unseres Angriffs gefordert. Wir müssen uns in allen Mannschaftsteilen verbessern, um in Serbien bestehen zu können.
Sehen Sie die Notwendigkeit beziehungsweise Chancen, vor großen Turnieren künftig länger mit Ihrem Kader arbeiten zu können?
Ich glaube nicht, dass sich da in absehbarer Zeit etwas ändert. Ich bin ja froh, dass wir mit der Bundesliga die Abmachung hatten, dass ich auf eine Lehrgangsmaßnahme Anfang Dezember verzichtet habe und die Liga dafür den letzten Spieltag vor der WM für eine Trainingsmaßnahme freigegeben hat. Ich glaube kaum, dass der europäische oder der Weltverband den Kalender in der Art verändern, dass nationale Verbände mehr Vorbereitungszeit bekommen. Der Terminkalender insgesamt ist sehr eng.
Wie fühlen Sie sich vor Ihrer ersten großen Bewährungsprobe als Bundestrainer?
Ich freue mich total. Bei mir ist eine richtige Euphorie ausgebrochen. Ich glaube, dass in Serbien auch auf den Rängen eine tolle Stimmung herrschen wird, die unsere Mannschaft noch beflügeln könnte.
Wie groß ist der Erfolgsdruck, der auf Ihnen und Ihrem Team lastet?
Ich selbst bin sehr erfolgsorientiert. Den Druck lege ich mir schon selbst auf. Wir wissen alle, dass von dem EM-Ergebnis sehr viel für den deutschen Handball abhängt. Aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen. Das bringt nichts. Wenn wir uns gut präsentieren, haben wir auch eine reelle Chance, unsere Ziele zu erreichen. Wir wollen einen der beiden Olympia-Qualifikationsplätze erreichen.
Um sich für die Olympischen Spiele in London zu qualifizieren, müssen Sie bei der EM in Serbien nicht zwingend weit oben rangieren. Tritt die Bedeutung der EM angesichts der Olympia-Qualifikation in den Hintergrund?
Nein. Diese EM ist für uns ganz wichtig, weil wir bei der WM in Schweden den Olympia-Zug verpasst haben. Was die Platzierung angeht: Ein siebter oder achter Rang bei der EM ist angesichts der Leistungsdichte der Teams kein schlechtes Ergebnis. Andererseits kann es sein, dass wir selbst dann den Olympia-Zug verpassen, wenn wir um Platz drei spielen. Wenn halt beispielsweise Teams wie die Russen oder die Serben vor uns stehen, die auch noch nicht für Olympia qualifiziert sind.
Haben Sie Ihren Wunschkader für die EM zusammenstellen können?
Das ist müßig, darüber zu sprechen. Ich bin zufrieden mit dem Kader und hoffe, dass wir zu einer verschworenen Einheit zusammenwachsen.
Gibt's jemanden, den Sie gern noch dabei gehabt hätten?
Das sind alles Spekulationen. Da brauche ich mir jetzt gar keine Gedanken zu machen. Ich habe das Vertrauen in meinen 17-Mann-Kader.
Hätten Sie Spielmacher Michael Kraus vielleicht als Joker mit nominieren sollen?
Wenn man nur 16 Mann für die EM nominieren kann, ist mir das Risiko zu hoch, einen Spieler als Joker zu nominieren, ohne zu wissen, ob er überhaupt fit wird. Bei Mimi Kraus hatte ich nicht das Gefühl, dass er nach seiner langen Verletzungspause schon im Vollbesitz seiner Kräfte ist.
Rechtsaußen Patrick Groetzki ist da sicherlich weiter...
Das ist eine ganz andere Situation. Wir hatten ja ein paar Spieler, die zwischenzeitlich mal verletzt waren. Aber das waren relativ kurze Verletzungsphasen - maximal vier Wochen. Mimi Kraus war seit August verletzt und hat ja immer noch Probleme mit seiner Wade.
Wie groß sind die Chancen, dass es mit der Qualifikation für London klappt?
Ich sehe gute Chancen. Wir müssen uns in der Vorbereitung auf EM-Niveau bringen, dann werden wir mit vielen anderen Nationen um die zwei London-Plätze kämpfen.
Wen sehen Sie als schwerste Gegner?
Die Russen, die Slowenen, die Serben als Gastgeber, die Polen. Die Norweger sind stark, die Tschechen wollen noch nach London. Aber bei entsprechender Tagesform und dem nötigen Glück, das dazugehört, können wir mit diesen Nationen mithalten.
Wie wichtig sind die Olympischen Spiele für den Deutschen Handball-Bund?
Es ist nicht nur für den DHB wichtig, sondern auch für jeden Sportler, bei Olympia zu spielen. Für den DHB ist das aber nicht das alles Entscheidende.
Man mag es sich ja nicht vorstellen, aber: Was passiert, wenn sich die Nationalmannschaft nicht für London qualifiziert? Wird es dann einen radikalen Umbruch geben?
So weit möchte ich nicht denken. Ich sehe die ganze Sache positiv. Was nach der EM kommt, werden wir dann entscheiden. Es bringt nichts, jetzt irgendwelche Szenarien auszumalen. Wir wollen jetzt mit aller Macht unsere Chance wahrnehmen.
Vor Serbien liegt Bremen: Was erwarten Sie von Ihrem Team in der ÖVB-Arena und tags darauf auch in Magdeburg?
Ich freue mich auf diese Spielstätten. Das Team wird sich mit Sicherheit voll 'reinhängen. Da gibt es kein Versteckspiel mehr - da müssen wir volle Pulle gehen, um das nötige Selbstvertrauen für die EM zu bekommen.
Aus dem 17-köpfigen Kader muss ein Spieler noch ausscheiden, weil Sie nur 16 für die EM nominieren dürfen.
Ja, leider. Einen muss ich zu Hause lassen. Aber jetzt gehen wir erst mal die Vorbereitung an und schauen, was da noch passiert, wie die Leistungskurven und Formschwankungen sind und was Verletzungen angeht. Einen Tag vor dem ersten Spiel müssen wir uns auf den 16er-Kader festlegen.
Kommen wir noch einmal zurück aufs Weihnachtsfest: Was wünscht sich der Bundestrainer denn außer einer guten EM?
Ein bisschen Glück und Gesundheit für meine Familie und für mich.
Was steht ganz oben auf der Wunschliste?
Gesund bleiben ist das Wichtigste im Leben. Alles andere ist sekundär.
Aber EM und Olympia sind auch wichtig?
Klar, sportliche Ziele habe ich natürlich auch. Damit lebt man, wenn man das Hobby zum Beruf hat, ist damit Tag und Nacht beschäftigt - und möchte natürlich auch erfolgreich sein.
Karten fürs Länderspiel gegen Ungarn am Sonnabend, 7. Januar, um 18.15 Uhr in der ÖVB-Arena gibt es im Pressehaus, in unseren regionalen Zeitungshäusern, im Internet unter www.weser-kurier.de/ticket sowie bei Nordwest Ticket unter 0421 / 363636
Zur Person: Martin Heuberger ist seit 1. Juli dieses Jahres als Nachfolger von Heiner Brand Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Männer. Zuvor war der 47-jährige Schutterwalder seit 1. November 2004 Brands Assistent und Trainer der deutschen Junioren, mit denen er 2009 und 2011 die Weltmeisterschaft gewann. Martin Heuberger ist verheiratet, hat zwei Söhne und ist als Bauzeichner und Diplom-Verwaltungswirt im Landratsamt in Offenburg derzeit beurlaubt.






