Trainingsgast bei der Kampfsport-Gruppe in der Sportschule Carabao

 - 05.01.2012

Hart, härter - Muay Thai

Von Wiebke Hallerberg
Bremen. Jule umklammert meinen Kopf mit ihren Armen und drückt ihn nach unten. Dann kickt sie ihr rechtes Knie dreimal in meinen Bauch. Bloß keine Angst! Schließlich trage ich ja einen gepolsterten Bauchgurt. Trotzdem merke ich die Wucht in meinem Kopf, der bei dem Kick ganz schön durchgeschüttelt wird. Diese Technik nennt sich "Clinchen" und dient dazu, den Gegner im Kampf zu kontrollieren.
Trainingsgast beim Thaiboxen
Wiebke Hallerberg (r) hat als Trainingsgast im Carabao Thai-Boxen für Frauen ausprobiert.

"Muay Thai gehört zu den härtesten Kampfsportarten der Welt", lese ich bei meinen Vorab-Recherchen. Dieser Gedanke kreist durch meinen Kopf, als ich etwas eingeschüchtert zehn durchtrainierten Frauen in der Umkleide der Carabao-Sportschule begegne. Doch mein Herzklopfen lässt schnell nach, als mich die 39-jährige Trainerin Nicole Ploghöft freundlich begrüßt und mir eine glänzende, blaufarbene Muay Thai-Hose für das Training leiht, die perfekt zu meinem blauen Trainingsshirt passt. Nicole betreibt schon seit 20 Jahren Muay Thai und ist seit acht Jahren ausgebildete Trainerin.

Mit meinem passenden Outfit folge ich ihr - nun schon viel selbstbewusster - zum Aufwärmen in die mit Gummimatten ausgelegte Trainingshalle: 15 Minuten Seilspringen, Liegestütze und Kängurusprünge. Ein Piepton gibt das Signal für den Tempowechsel an - das ganze Programm natürlich ohne Pause. Ich bekomme Seitenstiche.

So beginnt das Training bei der 2003 gegründeten Sportschule Carabao. Der 300 Mitglieder starke Familienbetrieb, der ein drittel Frauen im Alter von 14 bis 58 Jahren zählt, bietet neben den Kampfsportkursen auch Fitnesstraining und Gerätetraining an. "Bei uns fühlen sich Breitensportler genauso wohl wie die, die Wettkämpfe bestreiten. Das macht auch unsere besondere Atmosphäre aus", betont Nicole die Vielseitigkeit der Trainingsgruppen.

Jetzt wird es spannend. Wir stellen uns in einen Kreis. Die Thai-Boxerinnen verbeugen sich mit eng angestellten Füßen und zusammengelegten Händen: Die Begrüßung zum beginnenden Training. Thaiboxen ist der Nationalsport Thailands und ist sowohl traditionelle Kampfkunst, Wettkampfsport als auch realistische Selbstverteidigung. Entstanden ist der Sport aus traditionellen Kampfkünsten, in denen Fäuste, Ellenbogen und Beine genutzt wurden, wenn Schwert und Speer unbrauchbar wurden. "Während beim Kickboxen nur Faustschläge und Tritte erlaubt sind, wird beim Muay Thai zusätzlich das Stoßen und Schlagen mit Ellenbogen und Knien gelehrt", erklärt mir Christian Dinger, Trainer und Geschäftsführer des Carabao.

"Körperspannung. Stabil stehen", höre ich die laute Stimme von Nicole im Hintergrund. Sie zeigt uns verschiedene Schlag- und Tritttechniken, die wir trocken nachboxen sollen. "Immer an die Deckung denken, Wiebke. Und nicht im Hohlkreuz stehen", korrigiert Nicole die Haltung meiner Hände. Die Techniken werden immer komplizierter, ich muss an (zu) viele Dinge gleichzeitig denken.

Weiter geht's mit Partnerübungen. Dafür leiht mir Nicole Handschuhe, 340 Gramm schwer, 12 oz. steht drauf, das steht für Unzen. Das Techniktraining beginnt. Jule, meine Trainingspartnerin, hält mir ihre Boxhandschuhe offen hin und ich schlage, immer über Kreuz, erst mit der linken, dann mit der rechten Faust zu. Jetzt schon merke ich das Gewicht in meinen Armen. "Deckung halten", ermahnt mich Jule, als meine Handschuhe langsam nach unten sinken. Dann ist Jule dran. Die 24-Jährige bereitet sich gerade auf einen Wettkampf vor und geht entsprechend zur Sache. Ich bekomme einen Schreck, als sie erstmals zuschlägt und mir meine Handschuhe ins Gesicht fliegen. Ich muss mehr Spannung halten, wenn ich hier gesund rauskommen möchte...

Bei meinem ersten Kick treffe ich mit dem Fuß zunächst einmal Jules Hüfte. Ich entschuldige mich schnell, aber das war gar nicht nötig: "Ich glaube, dir tut es mehr weh als mir", kommentiert Jule meinen missglückten Tritt. Die richtige Technik ist sehr wichtig im Muay Thai. Meine Arme zittern vor Erschöpfung, doch hier gibt es keine Gnade. "Weiter geht's, ihr könnt doch noch nicht erschöpft sein", ruft Nicole. Und es wird - ich hatte es befürchtet - noch anstrengender.

Denn jetzt geht es an die Pratzen, das sind Tritt- und Schlagpolster. Zu zweit wird gekickt und geboxt, mal in die Boxhandschuhe, mal in die Pratzen. Ich entscheide mich erstmal dafür, die schweren Boxhandschuhe auszuziehen und die Pratzen für Jule zu halten - eine falsche Entscheidung, das merke ich, als ich die schweren Polster um meine Unterarme binde. Ich halte die Pratzen rechts neben meine Hüfte, Jule kickt sofort los. Die Pratzen schnellen gegen meinen Körper. Mit mehr Druck gegen die Pratzen und der richtigen Stellung der Beine, kann ich den folgenden Kicks und Schlägen jedoch standhalten.

Zehn aufeinander folgende Kicks

Nach etwa 20 Minuten wird gewechselt. Zehn aufeinander folgende Kicks, dann 25 Sekunden Dauerboxen - mir bleibt der Atem weg. Ich kann meine Arme kaum noch oben halten. "Deine rechte Faust ist gut", lobt Jule. "Ich kann nicht mehr", ist meine Reaktion. "Frauen werden im Training nicht anders behandelt als Männer", kommentiert Nicole mein Jammern und fügt mit einem Grinsen an: "Außerdem meckern die Männer mehr als Frauen." Dabei gibt Jule mir einen freundschaftlichen Faustschlag auf meinen Boxhandschuh - ich bin stolz.

Nur noch 15 Minuten. Gleich habe ich es geschafft! Doch mit diesem Finale habe ich nicht gerechnet: "Jedes Paar nimmt sich einen Medizinball." Krafttraining. Medizinballwerfen- und Prellen. "Innerhalb weniger Wochen findet bei kontinuierlichem Training eine positive körperliche Veränderung statt", erläutert Nicole.

Endlich ist es vorbei

Die letzten fünf Minuten werden selbstverständlich auch noch bis zum bitteren Ende genutzt: Bauchmuskeltraining. Jule macht vor, alle ziehen mit. Dann - endlich! - ist es vorbei. Die Gesichter der Frauen sind verschwitzt, aber die Augen strahlen. Verabschiedet wird sich wieder mit zusammengefalteten Händen und einer kleinen Verbeugung. Ich empfinde großen Respekt für die Frauen, die diese Sportart ausüben. Ich bin zwar kaputt, aber ich fühle mich stärker und selbstbewusster als vor dem Training. Und ja, denke ich: "Muay Thai gehört zu den härtesten Kampfsportarten der Welt."

Ein Frauentraining im Muay Thai bietet das Carabao dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr in der Sportschule in der Arberger Straße an. Wer auf Körperkontakt verzichten möchte, kann im Fitness Muay Thai eine Alternative finden. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.carabao-bremen.de.






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