Tischtennis-Bundesliga

 - 23.01.2012

Lehrstunde für Werder Bremen

Von Jörg Niemeyer
Bremen. Da konnte sich Christian Süß ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen. "Ja - fast jedenfalls", antwortete der Nationalspieler auf die Frage, ob das Autogrammeschreiben für ihn nach dem 3:0 seines Teams anstrengender war als sein Einzel gegen den Werderaner Jens Lundqvist. Erst als der Topstar der Düsseldorfer, Timo Boll, wieder in der Halle auftauchte, zog die Traube zumeist jugendlicher Fans weiter von Christian Süß zum aktuellen Weltranglistenvierten. Auch Boll schrieb geduldig auf alles, was ihm die Fans hinhielten. Und er musste nicht lange gebeten werden, für das Gruppenfoto mit einer Schar weiblicher Anhänger zu posieren.
Nach mehrwöchiger Verletzungspause auf dem Weg zu alter Stärke: Timo Boll, der mit Borussia Düsseldorf einen ungefährdeten 3:0-Sieg bei Werder Bremen feierte.
Nach mehrwöchiger Verletzungspause auf dem Weg zu alter Stärke: Timo Boll, der mit Borussia Düsseldorf einen ungefährdeten 3:0-Sieg bei Werder Bremen feierte.

Die Düsseldorfer hatten nach ihrem perfekten Auftritt in Bremen allen Grund zur Freude. "Gegen Borussia in dieser Form kann nur China gewinnen", sagte Werders Nummer eins Adrian Crisan, nachdem er selbst gerade eine 0:3-Abfuhr kassiert hatte. Crisans Vergleich war nicht abwegig, denn das Trio mit Boll, Süß (41. der Weltrangliste) und Patrick Baum (21.) gehört zum festen Kader der Nationalmannschaft. Und die ist amtierender Vizeweltmeister - geschlagen im Mai 2010 von eben den Chinesen. Nur der derzeit in Russland spielende Dimitrij Ovtcharov bricht als Weltranglistenzehnter in die Phalanx der Düsseldorfer Akteure ein.

"Das ist ernüchternd für uns", kommentierte Sascha Greber die Niederlage, "es war heute wohl der ungünstigste Zeitpunkt, um gegen Düsseldorf zu spielen." Die Begründung des Werders Teamchefs: Boll und Baum hatten in dieser Woche auf die Teilnahme an den Ungarischen Meisterschaften verzichtet, um sich ganz auf die Bundesliga zu konzentrieren. Süß dagegen, vor einem Jahr noch die Nummer 19 der Welt, feierte in Budapest seine Rückkehr auf die Pro Tour, nachdem er länger als ein halbes Jahr mit schwerer Knieverletzung ausgefallen war und sich inzwischen wieder an die Spitze herangekämpft hat.

"Mein Bein ist noch nicht wieder so stabil wie vorher, auch fehlt noch Spielpraxis", sagte der 26-Jährige zwar, "aber es läuft schon wieder ganz gut." Auch Timo Boll ist nach mehrwöchiger Verletzungspause noch nicht in Bestform, "aber ich bin froh, dass ich jetzt wieder voll spielen kann". Ohne Boll und Süß verabschiedete sich die Borussia als Titelverteidiger vorzeitig aus der Champions League und aus dem deutschen Pokalwettbewerb. Nun hofft Boll, dass wenigstens die Bundesliga-Saison erneut mit dem Titelgewinn gekrönt wird und dass auch die weiteren Höhepunkte des Jahres, die Mannschafts-WM Ende März in Dortmund und die Olympischen Spiele, erfolgreich verlaufen.

"Unser Sieg heute ist eine Kampfansage an die Liga", sagte Boll nach dem grandiosen Auftritt gegen Werder. In der Tat: Drei 3:0-Erfolge gegen diesmal hoffnungslos unterlegene Bremer untermauerten die Vormachtstellung der Borussia in der Liga. Nur Adrian Crisan besaß gegen den sehr starken Patrick Baum im zweiten Durchgang zwei Satzbälle - sie blieben ungenutzt. "Schade, dass vor so vielen Zuschauern so ein einseitiges Spiel herauskommt", entschuldigte sich der Rumäne indirekt bei den erst erwartungsvollen, dann aber sehr stillen Besuchern auf den Rängen.

Crisan war gestern der tragische Held: Erstmals seit 2005 hatte er in Budapest mal wieder das Halbfinale eines Pro-Tour-Turniers erreicht - ein toller Erfolg, der aber erst am späten Sonnabend die Rückkehr nach Bremen zuließ. Weil der Rumäne vor allem mental ziemlich erschöpft war, stellte Trainer Cristian Tamas seine etatmäßige Nummer eins gegen Düsseldorf an Position drei auf. Ein Unglück für Werder, aber gegen den Meister in Topform letztlich wohl auch nicht mehr entscheidend.





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