Da ist Lars, "ich bin Lars", man dutzt sich, klar, und warum auch nicht, es ist ja Party. Lars trägt einen roten Cowboyhut und ein rotes T-Shirt, er steht in einer Gruppe von anderen Männern, die genauso gekleidet sind, sie gehören zusammen, das verrät auch der Aufdruck auf den Shirts: "Wir werden zur Legende - feiern bis zum Ende." Deswegen sind sie nach Bremen gekommen, zu den Sixdays, sechs Männer aus Braunschweig, die durchmachen wollen.
"Fahrräder sehen wir hier eher selten", sagt Lars, der bei Volkswagen arbeitet und dort in leitender Position für die Prototypen-Logistik zuständig ist. Das Sechstagerennen gehört für ihn und seine Freunde seit zehn Jahren zum festen Programm. Nie haben sie Frauen dabei, denn Frauen, sagt Lars, "die gibt's hier genug". Halle 4 am Freitagabend - da geht was, um zehn schon, und später noch mehr.
Die Sixdays sind ein eigentümliches Gebilde, eine Mischung aus Sport, echtem Sport, Werbung, Show und Bumsfallera. Die Sixdays sind - gewöhnungsbedürftig, und das fängt bei der Orientierung an. Endlose Gänge durch die ÖVB-Arena, die bei Schummerlicht wie Katakomben wirken. Halle 4, die muss suchen, wer noch nie da war. Und wo, bitte, ist die Deka-Dance-Party, die mehr coole Feiervariante für jüngere Besucher? Einmal gefunden, ist die Sache aber klar. Genauso der Weg zu den Rängen und in den Innenraum des Ovals, dem Herzen der Sixdays, wo sich die Leute drängen, ihr Bier trinken, und nebenbei schauen, was sich auf der Bahn tut.
Licht aus, Spot an
Kurz nach halb neun ist es so weit - Licht aus, Spot an. Im Kegel der Scheinwerfer werden die Fahrerpaare vorgestellt. Die Männer winken ins Publikum und tun das später immer mal wieder, denn Rennen gibt's jede Menge und Sieger auch, die sich bei den Besuchern für den Applaus bedanken.
Ein Sport, der Stimmung braucht, sonst macht's keinen Spaß, doch so richtig springt der Funke nicht über, da kann der nimmermüde Hallensprecher noch so viele Superlative bemühen und den Leuten die Begeisterung geradezu einbläuen. Das Publikum nimmt freundlich Anteil, feuert die Fahrer manchmal auch an, ein Orkan ist das aber nie.
Die Anstrengungen der Sportler, Entbehrungen fast, während der Stunden bis weit nach Mitternacht, spürt man im Fahrerlager. Es ist direkt dran an der Bahn, die an dieser Stelle wie eine Wand wirkt, nicht zu fassen, dass man dort Fahrrad fahren kann. Wenn das Feld am Lager vorbeirauscht, kann man es nur als vielfarbiges Etwas identifizieren, ein Schwarm, schnell, faszinierend. Männer mit ihren Fahrrädern, die verschieden sind und doch eins, wie sie im Pulk knalleng, aber ohne den Gegner zu berühren, mit Tempo 50 oder 60 über die Bahn flitzen.
Ein richtig Guter im Feld ist Iljo Keisse, er kommt aus Belgien, und aus Belgien, aus Brüssel genau, kommt auch sein Masseur: Guillaume Michiels, 76 Jahre alt, und seit mehr als 30 Jahren im Sixdays-Geschäft. So einer hat alles gesehen und verrät in diesem Moment nicht die Spur von Aufregung, während sich sein Schützling bei der kleinen Jagd mühsam nach vorne arbeitet. "Da oben", sagt er und zeigt auf die Liste der Sieger aus den vergangenen Jahren, eine Art Ehrengalerie, die am Bahnrand prangt. Einer dabei, dem hat Michiels damals schnelle Beine gemacht, 1983, so lange kommt der Masseur schon nach Bremen.
Sein Reich und das des Fahrers ist ein Bretterverschlag. Matratze, Kopfkissen, eine Baumwolldecke, Handtücher - genug, um sich zwischendurch mal auszuruhen. Auf dem schmalen Regal steht eine Batterie von kleinen Flaschen und Dosen, der Vorrat für sechs Tage, Schmiermittel, damit der Körper des Fahrers die Strapazen aushält. In der Luft liegt etwas, das nach Kräutern riecht, ein scharfer Geruch, medizinisch.
Gerade kommt ein Fahrer rein, ausgeschieden, es ist ein anderer, nicht der von Michiels. Seine Beinmuskeln glänzen vor Öl, die Haare schweißnass und alles andere auch. Er holt noch mal tief Luft und steuert dann auf seine Koje zu. Trikot aus, Unterhemd aus, ein Mann hilft ihm dabei. Dann nimmt der Betreuer einen Frotteehandschuh und reibt den Oberkörper trocken. Neue Wäsche drüber und fertig, der Fahrer hat jetzt ein wenig Ruhe.
Die da unten, und die da oben
Die da unten, und die da oben. Direkt über dem Fahrerlager, das wie eine Höhle wirkt und von Gerüststangen durchkreuzt wird, haben die Veranstalter eine Empore gebaut. Schickes Ambiente und eine gute Übersicht, frei zugänglich aber nur für die besonderen Gäste unter den Besuchern. Sie sind von den Sponsoren eingeladen, ein Dankeschön für irgendwas, vielleicht auch der erste Kontakt, um an der Bahn Geschäfte anzubahnen.
Die Sponsoren spielen eine große Rolle bei den Sixdays, sie sind omnipräsent, auf Bannern, Plakaten, auf den Monitoren, der Bahn selbst und den Trikots der Fahrer natürlich. Kurios, wenn der Hallensprecher mit rauer Stimme das Rennen kommentiert und dabei feststellt, dass die ÖVB mittlerweile vor der SWB liegt und mit Glück auch noch die Sparkasse überholen könnte. Ein Rennen, von dem sich die Unternehmen Rendite versprechen, wie auch immer die dann aussieht.
Einer, den dieses Drumherum herzlich wenig interessiert, ist Thomas Rudloff. Er sitzt mit Frau und Tochter auf der Nordtribüne, viel Platz dort, die Massen sind woanders. "Mich hat das Sechs-Tage-Rennen schon als Jugendlicher gereizt", erzählt der 52-Jährige, "es ist guter Sport und keine reine Show wie beim Catchen."
Rudloff kennt die komplizierten Regeln bei den verschiedenen Wettbewerben aus dem Effeff und kommt nur wegen des Rennens in die Halle. Die Beleuchtung findet er besser in diesem Jahr, den Hallensprecher wünscht er sich ein wenig zurückhaltender, sonst aber ist alles gut: "Spannend und kurzweilig". Die Tochter von Rudloff will nachher mit einer Freundin bei den Sixdays noch feiern gehen.
Es ist Mitternacht - noch 'ne Runde und noch eine, beim Rennen und auf den Partys drumherum. Lars Ehlers hat sich mit seinen Kumpels aus Braunschweig vor der Bühne in Halle 4 warm getanzt. Bis der Zug fährt, sind's noch Stunden, und so haben sie Zeit. "Feiern bis zum Ende" - nächstes Jahr wieder, bestimmt.












