Und diejenigen, die es zu feiern galt, hörten nicht wie sonst auf die Namen Robert, Leif oder Franco, sondern auf den Namen Julie Leth. Die 19-jährige Dänin, 2010 U19-Bahn-Weltmeisterin, hatte soeben Geschichte geschrieben - als erste Siegerin eines Frauenrennens beim 48. Bremer Sechstagerennen.
Es war die geglückte Premiere des Frauenwettbewerbs. Gleich zu Beginn im Scratch-Wettbewerb rissen sie das Publikum mit einer Renngeschwindigkeit von im Schnitt 56,5 Kilometern pro Stunde mit, lenkten es wenig später aber auch in eine der ersten Schrecksekunden dieser Bremer Sixdays. Nach der Hälfte des Punktefahrens hatte es in der Steilkurve gescheppert. Gina Haatz und Christina Koep stürzten in der Kurvenausfahrt. Für Haatz war die Hatz mit gebrochenem Ellenbogen vorzeitig beendet, die amtierende Deutsche Bahnvizemeisterin Koep kam glimpflich davon. Mit "einigen Prellungen und Schürfwunden", so Koep, ging es für sie weiter. "Das gehört dazu", nahm es die zierliche 18-Jährige locker. Schließlich ließ das Adrenalin vor der großen Bremer Kulisse den Schmerz ganz schnell vergessen.
"Es ist generell schon einmal gut für den Frauen-Radsport, dass wir hier in Deutschland die beiden Sechstagerennen in Berlin und Bremen haben. Dann sehen die Leute, dass es auch Frauen gibt, die so etwas machen, und dass es vielleicht auch richtig guter Radsport ist, den wir da bieten", sagte Christina Koep. "Früher war Frauenradsport verpönt. Da hieß es doch immer: 'Das sind doch sowieso eher die kräftigen Typen'. Das hat sich geändert - inzwischen vermarkten sich die Fahrerinnen ganz anders. Frauenradsport boomt", machte der Sportliche Leiter der Sixdays, Erik Weispfennig, deutlich.
Diese Einschätzung Weispfennigs verkörperte an diesem Abend kaum jemand besser als Lucy Garner. Sie machte nicht nur sportlich mit Platz zwei im Auftaktwettbewerb hinter Julie Leth auf sich aufmerksam, auch ihr Outfit fiel auf. Die weltmeisterlichen Regenbogenfarben und die britische Flagge funkelten als Nagellack auf ihren Fingern. Eine Spur Glamour, die die erst 17-jährige Britin seit ihrem Bahn-WM-Erfolg zum Markenzeichen gemacht hat. "Vielleicht finden die Leute die Sixdays mit uns Frauen ja noch interessanter. Wir haben ja ein paar sehr attraktive Mädels dabei", rührte Bahnfahrerin Daniela Gass die Werbetrommel.
"Die Leute haben uns in der Tat unglaublich angefeuert. Das war ein tolles Gefühl. Auch wenn zunächst eine große Portion Nervosität dabei war", blickte die Schweizerin Monia Turin auf den ersten Renntag zurück. Die große Kulisse soll erst noch zur Normalität für den Frauenradsport werden. Ein weiterer Renntag für die Frauen folgt am heutigen Sonntag. "Vielleicht dürfen wir bald noch ein paar Tage mehr mitfahren", hofft Daniela Gass.
Damit die Leute bald nicht nur von den Roberts, Dannys und Iljos, sondern auch von den Julies, Lucys und Christinas des Radsports sprechen.
