Erik Weispfennig sieht sich nach vier von sechs Tagen in seiner Einschätzung des Fahrerfelds nur bestätigt. "Andreas hat sich sehr gut vorbereitet und mit Marc Hester einen ganz starken Partner", sagt der Sportliche Leiter. Er bleibt jedoch dabei, dass dieses dänisch-deutsch-österreichische Duo weniger ein Kandidat auf Platz eins und mehr einer fürs Podium ist. Soll heißen: am Ende Dritter, vielleicht Zweiter.
Warum sollte Andreas Müller widersprechen? Entspannt lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück. Die Rolle des Außenseiters behagt ihm. Die Taktik von Hester und Müller, die Top-Mannschaften Marvulli/Kalz, Schep/Bartko und Lampater/Keisse in deren Dreikampf nach Herzenslust zu ärgern, ist bislang voll aufgegangen. Immer wieder setzen sie in den Jagden kleine Nadelstiche - gestern in der Großen Jagd fuhren sie sogar als Erste über die Ziellinie.
"Seit der EM im Herbst habe ich einen richtig guten Lauf", sagt Müller. Er war nicht krank, hat auch beim Weltcup überzeugt und - vielleicht das Wichtigste - seinen Winterwohnsitz in dieser Saison nach Mallorca verlegt. Von dort flog er am vergangenen Mittwoch direkt nach Bremen, nach den Sixdays geht es direkt wieder zurück auf die Balearen-Insel. "Von der Form meines Lebens würde ich zwar nicht sprechen, denn die hat man ja nur einmal; aber ich bin wirklich in sehr guter Verfassung." Die ist am Zwischenstand abzulesen: Nach vier Tages liegen Hester und Müller mit nur einer Runde Rückstand auf Platz vier.
Schwer zu erkennen, wer in der ÖVB-Arena gestern zufriedener war: Andreas Müller oder aber Erik Weispfennig? Beide haben Anlass zur Freude. Die Premiere des Sportlichen Leiters am Bremer Rennoval darf - bei aller gebotenen Vorsicht zwei Tage vor dem Finale der Veranstaltung - als gelungen betrachtet werden. "Es hätte ja auch alles in die Hose gehen können", sagt der 42-Jährige mit spürbarer Erleichterung. Das neue sportliche Konzept mit Nachwuchs-, Sprinter- und Frauenrennen scheint aufzugehen. Und die Einteilung der Mannschaften kann so verkehrt auch nicht gewesen sein. Denn die von Weispfennig hoch gehandelten Kombinationen fahren tatsächlich vorneweg. Und außerdem: Weispfennigs Personalentscheidungen haben dafür gesorgt, dass keins dieser drei Duos so dominant ist, um sich vorzeitig entscheidend abzusetzen.
Dass sich gestern um kurz nach halb sechs Franco Marvulli und Marcel Kalz als aktuell Führende auszeichnen lassen konnten, verdankten sie aber mehr dem Reglement als der eigenen Überlegenheit. Marvulli und Kalz übersprangen im vorletzten Wettbewerb noch die 200-Punkte-Marke, sicherten sich dafür eine Bonusrunde und zogen so an Peter Schep und Robert Bartko (0/197) vorbei, die bis dahin mit Rundenvorsprung allein geführt hatten - und die heute Abend diese Führung auch ganz schnell wieder zurückerobern werden. Schep und Bartko lassen Weispfennig regelrecht schwärmen. "Eine Augenweide, wie diese Beiden fahren", lobt er das Team, das am Sonnabend in einem irren Sprint nur sieben Runden benötigte, um dem kompletten Feld eine 166- Meter-Runde abzuknöpfen.
"Peter macht einen Superjob", sagt Robert Bartko über seinen niederländischen Partner. Auf die Favoritenrolle angesprochen, gibt sich der Potsdamer indes defensiver als auf dem Rennrad. "Ich will nicht zu weit vorgreifen, aber wir liegen gut im Rennen und wollen am Dienstag ganz oben stehen." Ein klares Vorhaben, das neben Marvulli/Kalz aber auch die Drittplatzierten Leif Lampater und Iljo Keisse durchkreuzen könnten. Und eben Hester/Müller...
Erik Weispfennig, auch das ist wichtig für ihn, fühlt sich von den Fahrern voll akzeptiert. Die Profis zögen hervorragend mit, sagt deren entspannter Chef. Unterkühlt ist er gleichwohl nicht. Auf die Frage, wie ihm bislang die Stimmung in der Halle gefällt, reagiert Weispfennig gleich zweimal: hörbar mit Worten der Begeisterung - und sichtbar in Form einer Gänsehaut.






