| Zwölf Fragen zum Sportjahr 2011 » |
Und obwohl er wusste, dass diese Phase eintreten würde, so wie bisher in all seinen 23 Marathonläufen, weiß er auch diesmal, dass es nur diesen einen schmerzvollen Weg gibt, um sich aus diesem Loch wieder zu befreien. "Da hilft wirklich nur, einfach weiterlaufen. Diese Phase muss man einfach überstehen", sagt Oliver Sebrantke.
Müßig zu erwähnen, dass ihm das auch diesmal gelang, dass er wieder einmal bewies, dass er mittlerweile zumindest in Norddeutschland auf dieser Distanz kaum jemanden zu fürchten braucht. Im vergangenen Jahr kam er als Dritter ins Ziel, ein Jahr zuvor gewann er den Bremen-Marathon. Klar, dass auch der Start am 2. Oktober für den in Varrel wohnenden Bremer wieder ein Saison-Highlight sein wird. "Das ist ja schließlich mein Haus-Marathon, alle anderen Starts galten darum auch in erster Linie der Vorbereitung auf den Bremen-Marathon", sagt Sebrantke.
Auch die 42,195 Kilometer in Rostock und in Bremerhaven dienten als willkommene Trainingsläufe, die übrigens nahezu perfekt absolviert wurden. Beide Wettbewerbe gewann der IT-Fachmann und will sich mit dem erhofften Sieg in Bremen folglich auch das norddeutsche Triple holen.
Der Weg in den überschaubaren Kreis dieser Spitzen-Marathoni war allerdings auch für den "semiprofessionellen Hobbyläufer", wie sich Oliver Sebrantke selber bezeichnet, natürlich hart, manchmal sogar unbegehbar. Dass aus dem sportlichen Allrounder tatsächlich ein erfolgreicher Marathonläufer wurde, ist vermutlich wohl seinem ganz besonderen Durchhaltevermögen geschuldet.
"Marathon laufen heißt, leiden lernen", sagt Sebrantke und kokettiert dabei nicht nur mit dieser für Außenstehende so faszinierenden Lust, sich selber zu quälen. Er kennt die komplette emotionale Bandbreite, die einem Dauerläufer in dieser speziellen Disziplin süchtig machen kann. Sebrantkes eigene Marathon-Karriere begann - stark verkürzt - mit einer Schnapsidee und endete - zunächst abrupt - in einem ganz persönlichen Fiasko. Die Zeit vom ersten vollmundigen Versprechen nach ein paar Bierchen in einer Kneipe Ende 2001 bis hin zum ersten Start ein halbes Jahr später in Hamburg, nutzte er zum Training und fühlte sich bestens vorbereitet. Genau das entpuppte sich im Nachhinein jedoch als übler Trugschluss. "Ich habe eigentlich im Training alles völlig falsch gemacht. Der Lauf war dann auch eine schreckliche Erfahrung."
Die gipfelte in einer wahren Tortur, nachdem bei Kilometer 15 bereits das Blut aus dem Turnschuh tropfte, verursacht durch eine Blase unter dem Fuß. Sebrantke schleppte sich - begünstigt durch sein besonderes Leidens-Gen - nach 3:47 Stunden trotzdem ins Ziel, brauchte aber die folgenden zwei Wochen, um sich wieder einigermaßen von diesen Strapazen zu erholen. "Nie wieder", sagte er sich konsequent. Diese Entscheidung warf er allerdings fünf Jahre später ebenso konsequent wieder über den Haufen: "Berufsbedingt habe ich oft im Hotel gewohnt und fing ganz langsam wieder mit dem Laufen und vor allem mit dem richtigen Training an." 2006 folgte der zweite Versuch beim damals 2. Bremen-Marathon - für ihn eine Initialzündung mit durchschlagendem Erfolg. "Ich war gleich eine halbe Stunde schneller als bei meinem ersten Start und schon nach zwei Tagen wieder fit." - Oliver Sebrantke war endgültig infiziert.
Daraus macht er auch gar keinen Hehl. "Ich lebe Marathon. Allein, wenn das Wort in irgendeinem Zusammenhang fällt, horche ich schon auf. Ja, das ist schon eine Sucht, aber es gibt sicherlich schlimmere Abhängigkeiten", sagt er. Es muss diese permanente Grenzerfahrung sein, die offenbar "high" macht. Täglich 20 Kilometer und an jedem Wochenende zusätzlich 38 Kilometer Lauftraining gehören bei Sebrantke mittlerweile zum Tagesablauf wie das Zähneputzen. Diese Vorbereitung bereitet letztlich aber auch die Basis, um eine Bestzeit von 2:33 Stunden hinzulegen.
Dieses Laufen am Limit ist selbst für Sebrantke immer wieder ein Grenzerlebnis. Eine Erfahrung, die er während des Wettbewerbes allerdings mit niemandem teilen kann. "Die letzten Kilometer läufst du sozusagen blind. Ich sehe nur noch den Boden, das Führungsfahrzeug oder eher seltener auf die Hacken eines Läufers vor mir. Bei einigen Läufern ist das sicherlich anders, aber ich brauche dieses völlige Abschalten."
Dieser Tunnelblick verhindert allerdings auch, dass er von seinen Unterstützern aus Familie und Freundeskreis noch etwas mitbekommt. "Ich registriere alles, höre sogar, wer ruft, kann diejenigen aber nicht einmal eines Blickes würdigen. Ich schaffe es noch nicht einmal, kurz den Arm zu heben. Das tut mir dann zwar leid, aber ich kann es für mich nicht ändern."
Dennoch ist es nachvollziehbar, denn für Oliver Sebrantke geht es schon längst nicht mehr allein um den Grundgedanken jedes Marathon-Läufers, dem "Ins-Ziel-Kommen". Für ihn geht es letztlich nur noch um den Sieg, bereits ein zweiter Platz ist nur noch selten ein Grund zur Freude. "Mittlerweile entscheiden 60 Sekunden Unterschied darüber, ob der Marathon gut oder schlecht gelaufen ist", sagt der Vorjahresdritte.
Dafür, dass der Bremen-Marathon am 2. Oktober zu den guten gehört, wird Oliver Sebrantke auch weiterhin die ganze Horde an inneren Schweinehunden bekämpfen, die ihn von der Ziellinie fernhalten wollen. Besonders in der Phase um Kilometer 35, wenn die Muskeln brennen, der ganze Körper wehtut. "Das ist die Zeit, in der ich mich dann am liebsten einfach heulend an den Straßenrand setzen würde und mich frage, was mache ich hier eigentlich?"
Diese Frage kann er sich aber spätestens dann wieder beantworten, wenn er am 2. Oktober über die Ziellinie gelaufen ist - am besten als Erster.






