| Zwölf Fragen zum Sportjahr 2011 » |
Über ein Vierteljahr hat sich Dietrich Krätschell auf diesen Tag vorbereitet – in der Trainingsgruppe von Frank Mäusner. Wochenlang ein umfangreiches Vorbereitungsprogramm, und dann, eine Woche vor dem großen Tag, der Rückschlag: Verdacht auf Nebenhöhlenentzündung und Erkältungssymptome.
„Das hat mich vollkommen ’runtergeholt“, sagt Krätschell, „nach großer Vorfreude ist so eine Rückmeldung des Körpers saublöd.“ Aber ein Rückzug kommt für ihn nicht infrage. Er pflegt sich zu Hause und bereitet sich in vier weiteren Trainingseinheiten wie geplant vor. „Ich bin vernünftig genug, zu sehen, was geht. Das hab’ ich mit meiner Frau auch so vereinbart.“ Letzte Tipps vor dem Start von Frank
Mäusner, der alle seine Schützlinge vor zu hohem Anfangstempo warnt. Erst recht bei den hohen Temperaturen, die für Sonntag erwartet wurden. Mit Olaf Sempf gönnt sich Dietrich Krätschell einen persönlichen Fahrradbegleiter, der den Läufer vor allem jederzeit mit Getränken versorgen kann.
Frank Mäusner, ebenfalls auf dem Rad unterwegs, betreut heute 25 Marathonis. Für jeden hat der Trainer einen exakten Laufplan geschrieben – er traut Dietrich Krätschell eine Zeit von 3:20 Stunden zu. 3:30 – dieses Ziel hatte der Läufer ursprünglich für sich ins Auge gefasst. Bis Kilometer 15 hat Krätschell „ein Supergefühl“. Mäusner sieht ihn lange im Plan, bis der grauenvolle Schlussabschnitt beginnt. „Ich hatte in den vergangenen Nächten zu viel geschwitzt – das hat wohl meine Mineralien-Delle ab Kilometer 33 ausgelöst“, sagt Krätschell im Ziel, das er völlig erschöpft, immer noch von Krämpfen geplagt und mit völliger psychischer Leere erreicht.
Trotz seines körperlichen Handicaps läuft er 3:27:56 Stunden. Krätschell selbst registriert diese Leistung gar nicht. Kein Stolz über seine vollendete Marathon-Premiere, stattdessen Frust und Selbstzweifel. „Ich bin ein bisschen genervt, weil’s so schlecht gelaufen ist“, sagt er, „das muss ich erst mal verarbeiten.“ Es muss dieses schäbige Gefühl sein, das dem Langstreckler signalisiert: Nie wieder läufst du einen Marathon. Alte Hasen wie Frank Mäusner wissen, dass das mit etwas Abstand vom Wettkampf anders aussehen wird.
Für den Augenblick kann der Trainer indes nur eine Art Fernanalyse vornehmen. Er hat Krätschells qualvolles Schlussviertel nicht mitbekommen – und lobt seinen Schützling umso mehr. „In so einer Situation wäre ein anderer ’rausgegangen“, sagt Mäusner, „Dietrich aber hat das Rennen mit viel Erfahrung durchgestanden. Das finde ich bemerkenswert – eine große mentale Leistung.“
Der hoch Gelobte dürfte schon zu Hause gewesen sein, als sein Trainer diesen ungewöhnlichen Tag bilanziert. „Es war heftig heute. Für Marathonläufer sind Temperaturen von 20 Grad aufwärts heftig“, wiederholt er das Wort. Aber nicht jeder Starter litt so wie der geschwächte Dietrich Krätschell. „Mein vermeintlich langsamster Läufer hat nicht eine Gehpause gemacht“, sagt Mäusner. Und auch für den Sieger zeigt er
Hochachtung. „Oliver Sebrantke ist ein schnelles Tempo angegangen und hat eine sehr starke Leistung vollbracht.“ Mäusner hatte das Anfangstempo des Stuhrers ganz nebenbei registriert, als er an der ersten Zeitkontrolle auf die Läufer seiner Gruppe wartete.
Während es Dietrich Krätschell zunächst vermutlich völlig egal ist, dass er als einer von 930 Marathonis ins Ziel kam, freut sich der Veranstalter Utz Bertschy mächtig. Genau 5085 Starter über alle drei Distanzen zusammen bedeuten Rekord für den Bremen-Marathon.












