| Zwölf Fragen zum Sportjahr 2011 » |
Das war bildlich gemeint: Werder Bremen ist ein finanzstarker Top-Klub, Eintracht Frankfurt ein eher mäßig potenter Mittelklasseverein – wenn überhaupt.
„Ziehen Sie in der Tabelle nach Platz zehn einen Strich“, sagte Bruchhagen, „an dieser Stelle teilt sich die Liga in zwei Teile – oben die Großen und unten die Kleinen.“ Die Bundesliga als Zweiklassengesellschaft. „Das ist eine Entwicklung, die seit Jahren anhält“, sagte Bruchhagen, „und daran wird sich nichts ändern. Im Gegenteil: Die Schere wird immer weiter auseinandergehen.“ Es sind Sätze wie diese, die so gar nicht zum Selbstverständnis und zur Außendarstellung der Liga passen. Ist das Hochglanzprodukt Bundesliga womöglich gar nicht das Superluxusmodell, für das es alle halten? Die Antwort ist kompliziert.
Die Fußball-Bundesliga ist ein Top-Unternehmen in Europa: Vor dieser Saison purzelten die Rekorde. Trikotsponsoring: Gesamteinnahmen von 134,1 Millionen Euro. Rekord! Transferausgaben: 177,8 Millionen Euro. Rekord! Dauerkartenverkäufe: fast eine halbe Million. Rekord! Seit Jahren geht das nun schon so. Noch nie hat es die Bundesliga ihren Marketingstrategen so leicht gemacht beim Rühren der Werbetrommel wie in diesem Sommer. Stars wie Edin Dzeko, Grafite oder Franck Ribéry blieben trotz Millionenofferten aus dem Ausland im Lande. Deutsche Stars wie Mario Gomez, Lukas Podolski oder Marko Marin wechselten innerhalb der Liga. Internationale Stars wie Aliaksandar Hleb, Obafemi Martins oder David Rozehnal kamen aus der Primera Division, aus der Premier League oder der Serie A nach Deutschland. Eine Liga boomt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.
Die Bundesliga als Zwei-Klassen-Gesellschaft
Beispiel Trikotsponsoring: Von den insgesamt 134,1 Millionen Euro streichen die ersten neun Klubs in diesem Ranking über 100 Millionen ein, für die restlichen neun bleiben gerade mal etwas mehr als 30 Millionen. „Es gibt vier bis sechs Top-Klubs, die mehr oder weniger regelmäßig international spielen“, sagt Dr. Peter Rohlmann, Marketingexperte in Sachen Bundesliga, „und diese Klubs können über das Trikotsponsoring überproportional Einnahmen generieren.“ Andere können das nicht: Der VfL Bochum etwa hat erst kurz vor Saisonstart einen Sponsor gefunden, der Marken-Discounter Netto zahlt mit zwei Millionen Euro allerdings so wenig wie kein anderer. Auch Freiburg, Mainz und Hoffenheim bekommen weniger als drei Millionen, wobei Hoffenheim andere Erlösquellen anzapfen kann – Mäzen Dietmar Hopp sei Dank.
Beispiel Transferausgaben: Die ersten neun Klubs in der „Transfertabelle“ haben 161 Millionen Euro ausgegeben, die übrigen neun Klubs verschwindend geringe 16 Millionen. Der 1. FC Nürnberg beispielsweise hat für seine sieben Neuzugänge keinen Cent Ablöse gezahlt, der VfL Bochum, Eintracht Frankfurt und Mainz 05 weniger als zwei Millionen. Dagegen die Großen: Rekordmeister FC Bayern ließ sich die Dienste von Timoschtschuk, Gomez und Braafheid 50,7 Millionen kosten. Mithalten kann nur der VfL Wolfsburg – dank Sponsor VW. Und 1899 Hoffenheim – dank Milliardär Dietmar Hopp. Danach klafft schon eine Lücke.
Zwar hat der HSV investiert wie nie zuvor (22,5 Millionen). Er konnte dies aber auch nur tun, weil er zu Jahresbeginn viel, viel Geld eingenommen hat, etwa für Nigel de Jong (18 Millionen) und Vincent Kompany (8,5 Millionen). Auch der VfB Stuttgart konnte nur dank der 30 Gomez-Millionen auf Einkaufstour gehen. Bei Werder sind es die Diego-Millionen, die das Konto füllen und die Verpflichtungen von Marin, Tim Borowski und Marcelo Moreno möglich machten. In der „Transfertabelle“ dürfte Werder noch höher klettern, wenn der dringend benötige neue Stürmer gefunden ist.
Hannover-Boss Kind: "Die Bundesliga lügt sich in die Tasche"
Das sind Dimensionen, von denen die anderen Klubs nur träumen können. Etwa Hertha. Obwohl sich die Berliner für die Europa League qualifiziert haben, haben sie nur knapp über eine Million Euro investiert. Schuldenabbau hat sich der Klub aus der Hauptstadt nach der großzügigen Einkaufspolitik der Ära Dieter Hoeneß verordnet. Mehr noch: Der Stürmer Artur Wichniarek musste sich mit 300.000 Euro aus eigener Tasche aus seinem Vertrag in Bielefeld herauskaufen, um zur Hertha wechseln zu können.
Auch der FC Schalke 04 hat früher schon mehr Geld zur Verfügung gehabt. Trotz Felix Magath und dessen Titelträume agierte S04 auf dem Transfermarkt ungewohnt defensiv. „Ist die Bundesliga so gesund, wie sie sich im internationalen Vergleich gerne macht?“, fragte unlängst die „Süddeutsche Zeitung“. Hannover-Boss Martin Kind antwortete darauf: „Die Bundesliga lügt sich in die Tasche. Wir haben viele Vereine, die wie 96 immer am Limit zur Unvernunft agieren. Die Schulden sind natürlich auch viel höher als gesagt. Wer, wie 96, ein Stadion gebaut hat, lagert die Verbindlichkeiten in eine Gesellschaft aus. Diese Zahlen tauchen in den zur Lizenzierung eingereichten Unterlagen gar nicht auf.“
Nach Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe für neue Spieler hat 96 diesmal nur 400.000 Euro ausgegeben. Bescheidenheit regiert auch in Frankfurt. Den Verein aus der Bankenmetropole hat es sogar besonders hart erwischt. Der Klub hat den Etat entgegen den Gepflogenheit der Liga gekürzt – um 2,5 Millionen Euro. „Trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass wir zwei bis drei Millionen Euro Minus machen“, sagt Bruchhagen. Die Bankenkrise tut ihr Übriges: Ein Drittel der Logen sind nicht vermarktet. Inklusive der Mindereinnahmen aus dem Fernsehvertrag fehlen der Eintracht fünf Millionen.
Schießt Geld also doch Tore?
Ob eine solche Entwicklung gut sein kann für die Liga? „Natürlich nicht“, sagt Bruchhagen, „aber solange es Mehrheiten gibt, die von diesem System profitieren, wird sich nichts ändern.“ Heißt mit anderen Worten: Die Großen können gut damit leben, dass sie immer größer werden. Sportlich zeigt das aber schon Konsequenzen: Der propagierte Slogan von der Ausgeglichenheit der Liga, in der ein Abstiegskandidat jederzeit einen Titelanwärter schlagen kann, verkommt immer mehr zur leeren Parole. Natürlich hat Köln vergangene Saison bei den Bayern gewonnen, hat Absteiger Cottbus den späteren Meister Wolfsburg geschlagen. Aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Die Regel sieht so aus: 2008/2009 hat Eintracht Frankfurt 29 seiner 33 Punkte gegen Mannschaften geholt, die unter Platz elf standen, nur vier gegen Teams von darüber. Cottbus hat sieben Punkte aus 16 Spielen gegen die „Top 8“ geholt, Arminia Bielefeld noch einen weniger. Der viel zitierte Satz, dass ein Abstiegskandidat 40 Punkte holen muss, um die Klasse sicher zu halten, gilt schon längst nicht mehr. In der abgelaufenen Spielzeit reichten Borussia Mönchengladbach 31 Punkte, in den Jahren zuvor war man mit 34 bis 36 Punkten gerettet.
Schießt Geld also doch Tore? Ersetzt die Geldtabelle irgendwann die Tabelle, in der die Punkte und Tore notiert sind? „Da ist was dran“, sagt Dr. Rohlmann, schränkt aber ein: „Noch gibt es genügend Spiele mit Überraschungseffekten.“ Ganz so zementiert wie in England, Spanien und Italien sind die Verhältnisse also nicht. Seit Jahren belegen in der Premier League stets der FC Chelsea, Manchester United, FC Liverpool und der FC Arsenal in wechselnder Reihenfolge die ersten vier Plätze. In Spanien machen meist der FC Barcelona und Real Madrid den Meister unter sich aus. In der skandalgeschüttelten Serie A sind Inter, Milan, Juventus und der AS Rom seit Jahren das Maß aller Dinge. Die Bundesliga hält da vergleichsweise viele Überraschungen parat, und sei es ein Sieg von Frankfurt in Bremen.









