| Zwölf Fragen zum Sportjahr 2011 » |
Doch dafür fehlte Heuberger der Sinn. Es galt, die verheerende 24:27 (10:14)-Niederlage gegen Tschechien zum Auftakt der 10. Handball-Europameisterschaft aufzuarbeiten - und die Mannschaft für das eminent wichtige zweite Spiel gegen Mazedonien (heute, 18.15 Uhr/ARD live) einzustellen.
Eine seriöse Erklärung für den Ausfall des wichtigsten Mannschaftsteils, des Rückraums, konnte Heuberger allerdings auch nach intensiver Video-Analyse nicht liefern. Insbesondere der blutleere Auftritt des Kapitäns Pascal Hens (HSV Hamburg), der in den ersten 20 Minuten zahlreiche Fahrkarten und Fehlpässe fabriziert hatte, ließ den Bundestrainer rätseln. "Ich weiß nicht, woran es liegt", sagte Heuberger und zuckte die Achseln. "Ich habe schon mit Pommes gesprochen, aber auch er kann sich das nicht erklären."
Fremdkörper und Zauderer
Auf "Pommes", so der Spitzname des 31-jährigen Hens, ruhten vor der EM vornehmlich die Hoffnungen des Trainers. Der Halblinke spielt seit 2002 große Turniere, er hat zwei Olympische Spiele hinter sich, war Europameister 2004 und Weltmeister 2007, und er wurde geschult durch die "Goldene Generation", durch Persönlichkeiten wie Christian Schwarzer, Markus Baur, Volker Zerbe oder Daniel Stephan. Hens also sollte die Mannschaft in Serbien führen, um wenigstens die Chancen auf das Olympiaticket für 2012 in London zu erhalten. Doch jetzt wirkt er "wie ein Fremdkörper" in der Mannschaft, sagte Turnierbeobachter Daniel Stephan.
Noch rätselhafter macht die Sache, dass Hens im Dezember im Klub ansteigende Form aufwies. Auch in den beiden letzten Testspielen gegen Ungarn hinterließ er einen guten Eindruck. Doch dann brachten ihn ein paar Fehlwürfe völlig aus dem Tritt. "Ich weiß auch nicht, was da passiert ist", sagte Hens - und ihm schwant Böses für die nächste Partie gegen Mazedonien. "Wenn wir da die Bälle nicht reinmachen und ein ähnlich furchtbares Überzahlspiel an den Tag legen, werden wir gegen Mazedonien in eine ähnliche Situation kommen."
Sorgen macht aber nicht allein der Zustand von Hens, mit 194 Länderspielen der erfahrenste Mann im Kader. Auch der zweite routinierte Mann im Rückraum, Linkshänder Holger Glandorf, hinterlässt einen desaströsen Eindruck. Dabei zählte Glandorf in seinem Klub SG Flensburg-Handewitt zu den stärksten Rückraumspielern der Liga, mit 96 Toren war er in der Hinserie der drittbeste Schütze aus dem Feld. Nun wirkt es, als habe er seine Form vergessen, als er die Reisetasche für die EM in Serbien packte. "Er ist ein Draufgängertyp, das ist seine Stärke", sagt Heuberger. Aber der Draufgänger Glandorf hat sich in der Nationalmannschaft in einen Zauderer verwandelt.
Alles ein Kopfproblem, meint Michael Haaß, der Spielmacher von Frisch Auf Göppingen. Durch die Fehlwürfe gegen Tschechien hätten sie im Rückraum zu viel nachgedacht und manchmal zu lange gezögert, die richtige Entscheidung zu treffen. "Da geht es um Zehntelsekunden, nur um einen Tick, aber der ist entscheidend", sagt Haaß. "Wir sind in alte Fehler verfallen."
Viel Zeit hat die DHB-Auswahl nicht, diese Fehler im Rückraum zu korrigieren. Eine Niederlage gegen Mazedonien würde das vorzeitige Aus bei der EM bedeuten, sollten die Schweden anschließend gegen Tschechien gewinnen. Und die Aufgabe wird dadurch extrem erschwert, dass die Mazedonier um ihren Superstar Kiril Lazarov von 4000 Zuschauern in der Cair-Hall unterstützt werden.
Sie entfachen einen infernalischen Lärm, den es, wie Heuberger weiß, "so nur auf dem Balkan gibt. Das ist die pure Emotion." Darin liege aber auch ein gewisser Reiz, eine Herausforderung für seine Spieler. "Wir müssen versuchen, diesen Druck auf den Rängen in Motivation umzuwandeln", formuliert es Hens. Gelingt dies, könnte es die Wende in diesem Turnier bedeuten. Scheitern aber die deutschen Handballer, wäre es der Tiefpunkt in der ruhmreichen Geschichte des Landes, in dem der Handball erfunden wurde.












