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Es musste dann aber wohl so kommen, wie es am Donnerstagabend im Berliner Olympiastadion kam: Der Versuch, den knöchernen Kapsel-Abriss in einem Zeh des linken Fußes durch den eigenen Willen sowie „viele Schmerztabletten und eine Spritze“ zu besiegen, schlug fehl. Der für Bremer LT/TuS Komet Arsten startende Aachener schied mit 7,98 Metern schon in der Qualifikation aus (wir berichteten). Das heutige Weitsprung-Finale (18.05 Uhr) wird ohne Sebastian Bayer stattfinden, der zuvor zu den potenziellen deutschen Medaillenkandidaten gerechnet worden war.
Hinterher sei man ja immer klüger, sagte der 23-Jährige gestern Mittag, nachdem er eine Nacht drüber geschlafen hatte. Aber hätte er noch einmal die Wahl, er würde wohl wieder so entscheiden. Zu allererst, weil sein Ehrgeiz sehr groß sei. Dann nicht minder, weil er den Willen habe, immer und überall Höchstleistungen zu bringen. Aber auch deshalb – und das nicht zuletzt – , weil es ja die Weltmeisterschaft im eigenen Land ist. „Wäre es eine WM oder eine EM anderswo gewesen, wäre ich nicht gestartet. Hundertprozentig nicht.“ Andere Faktoren habe er für seine Entscheidung nicht berücksichtigt.
Nicht die Erwartungen, die von allen Seiten auf ihn einprasselten, nachdem er sich an jenem 8. März in Turin bei der Hallen-EM mit 8,71 Metern mitten in die Weltelite katapultiert und diese Weite am 4. Juli in Ulm bei den deutschen Meisterschaften mit 8,49 Metern eindrucksvoll bestätigt hatte. Nicht die Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit an seiner Person nimmt, nachdem er vom Organisationskomitee zu einem „Gesicht der WM“ auserkoren worden war. Oder einige Medien ihn und seine Lebensgefährtin, die Hürdensprinterin Carolin Nytra, zum Traumpaar der deutschen Leichtathletik gemacht hatten. Gleichwohl finde er es, mit Verlaub gesagt, „zum Kotzen“, wie „verkitscht“ die Beziehung oft dargestellt wird. „Obwohl wir nichts anderes machen als andere Paare, die in der Öffentlichkeit Händchen halten oder sich mal küssen, wird uns vielfach unterstellt, dass wir das nur tun, um für die Medien interessanter zu sein“.
Jürgen Mallow, Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), bezeichnet all das als die „unsichtbaren Rucksäcke, die die Athleten mit sich rumzutragen haben. Da müssen sie lernen, damit umzugehen.“ Sebastian Bayer haben diese Dinge zwar irritiert, gestört bei seiner Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft haben sie ihn nicht. Schon gar nicht haben sie seine Entscheidung beeinflusst, ob er denn nun trotz heftiger Schmerzen zur Weitsprung-Qualifikation antritt oder nicht. „Ich bin für mich gesprungen. Nicht für meine Eltern, nicht für meine Freundin – nur für mich. Weil ich den Lohn für den immensen Aufwand haben wollte, den ich in den vergangenen Wochen und Monaten für dieses Ziel betrieben habe“.
Dafür war Sebastian Bayer auch bereit, den „wahnsinnigen Schmerz“ in Kauf zu nehmen, der ihn trotz Spritze und Tabletten im Wettkampf erwarteten. „Der Arzt hatte zwar grünes Licht gegeben und versichert, dass an dem Fuß nicht noch mehr kaputt gehen kann“, berichtete Disziplin-Bundestrainer Uwe Florczak gestern, „trotzdem hatte ich ihm davon abgeraten, den Wettkampf zu bestreiten. Aber es war Sebastians Entscheidung. Ich kann seinen Kampfeswillen nur bewundern“.
Der Wettkampf wurde für den Bremer zu einer einzigen Tortur. „Man muss sich das vorstellen, als ob man zwei Reißzwecken unter dem Fuß hat und damit läuft“, schilderte er hinterher die Schmerzen im linken Sprungfuß. Ziel in der Qualifikation war es, möglichst gleich einen Sprung über 8,05 Meter hinzulegen. Dann habe er pokern und hoffen wollen, damit die Finalqualifikation zu schaffen. Der erste Satz landete aber bei „nur“ 7,98 Metern. Also musste Sebastian Bayer notgedrungen zwei weitere Male ran, beide Versuche (Florczak: „Sie wären zwischen 8,09 und 8,13 Meter weit gewesen“) waren am Absprungbalken jedoch knapp übergetreten, Sebastian Bayer war raus.
Und wenn’s gut gegangen wäre? „Dann hätte ich im Finale das gleiche Pokerspiel durchgezogen.“ Dazu kam es jedoch nicht. Was bleibt, ist die Zuschauerrolle beim heutigen Finale, die Aussicht auf eine noch nicht terminierte Fuß-OP, der Verzicht auf die Hallensaison, das Vorhaben, bei der EM im nächsten Jahr in Barcelona den Titel zu holen, sowie etwas Galgenhumor: „Vielleicht habe ich ja jetzt die Chance, in Zukunft von Voltaren gesponsert zu werden.“







