| Zwölf Fragen zum Sportjahr 2011 » |
Jan-Hendrik Anstipp ist zwar nicht gehörlos, aber schwerhörig. 'Das wurde bei mir mit drei Jahren festgestellt', berichtet er. Um in seiner Klasse antreten zu können, muss er sich für internationale Wettkämpfe einer Prüfung unterziehen, bei der das aktuelle Ausmaß der Hör-Behinderung festgestellt und bescheinigt wird. Doch er musste sich natürlich auch sportlich qualifizieren. Bei der Deutschen Meisterschaft sicherte er sich im Wasser durch sechs Titel bei ebenso vielen Starts die Teilnahme bei der EM. Die Freistil-Wettbewerbe von 50 bis 1500 m - nur die 800 m standen bei der EM für Männer nicht auf dem Programm - absolvierte er bei beiden Meisterschaften.
Lag Jan-Hendrik Anstipp bei der DM jeweils ganz vorne, so erreichte er als Einzelschwimmer in Dortmund Plätze zwischen sechs und 18. Ein sechster Rang im Finale über 150 m in 18:23,64 Minuten sowie zwei siebte über 400 m (4:38,00 Minuten) und 1500 m (18:32,70) bildeten die besten Platzierungen des 16-Jährigen. Ohne extremen Trainingsaufwand ist das allerdings nicht zu schaffen. Er ist ein Langstrecken-Schwimmer und schwamm in der Vorbereitung sieben Mal pro Woche zwei bis zweieinhalb Stunden. 'Ich benötige eine gute Kondition, und die habe ich dadurch bekommen', erzählt er. Im Bremer Uni-Bad wurden auf der 50-m-Bahn pro Trainingseinheit sechs bis sieben Kilometer zurückgelegt. So hat es in der Vergangenheit Trainer Gerd Hasler, der auch der Lehrer von Jan-Hendrik Anstipp im Schulzentrum Ronzelenstraße ist, festgelegt.
Die EM in Dortmund war für den 16-Jährigen, der sich im Urlaub für Tauchkurse selbst sein Geld verdient, etwas Aufregendes. 'Und etwas ganz Neues, denn ich bin solch einen hohen Wettkampf noch nie geschwommen', sagt er. Und er hat Erfahrung gesammelt. 'Unter anderem durch den Ablauf, die Anmeldung und bei jedem Lauf. Hier gibt es den optischen Start durch Licht, ich habe aber auch andere Menschen aus anderen Nationen kennengelernt', nennt er seine nachhaltigen Eindrücke. 'Es ist schon toll, denn es gibt nur eine Gebärdensprache auf der Welt, da können sich alle bei der Gehörlosen-Meisterschaft unterhalten. Ich selbst beherrsche diese zwar nicht perfekt, aber man lernt immer etwas dazu', fügt der Oytener an, den ansonsten ein Hörgerät unterstützt. So fällt beim Gespräch gar nicht auf, dass dieses mit einem Schwerhörigen geführt wird.
Besonders beeindruckend bei der EM in Dortmund war für Jan-Hendrik Anstipp natürlich die Siegerehrung, als die Flagge gehisst und die Nationalhymne des Meisters abgespielt wurde. An einem Dirigenten erkannten die Gehörlosen, wenn das nationale Musikstück beendet war. 'Ich bin ziemlich glücklich, dass ich eine Medaille gewonnen habe', versichert der Oytener Freistil-Schwimmer, der jedoch abschließend nicht zur 100-m-Freistil-Staffel gehörte. 'Ich bin kein Sprinter und habe außerdem fast zeitgleich die 1500 m schwimmen müssen', erklärte der Oytener, der Siebter wurde und nunmehr durch den internationalen Wettkampf in den Bundes-A-Kader aufgestiegen ist.
Ziel des jungen Schwimmers, der in diesem Monat 17 Jahre alt wird, ist die Gehörlosen-Olympiade (Deaflympics) in drei Jahren voraussichtlich in Athen. Eine hat er bereits verpasst - im vergangenen Jahr. Und zwar unglücklich. 'Es war eine Verletzung der Wirbelsäule und Schulter, die mich zurückgeworfen hat', so Jan-Hendrik Anstipp, der eine dreimonatige Pause einlegen musste und dann immer noch Schmerzen hatte. 'So habe ich die Pflichtzeiten knapp verpasst', ist er ein wenig traurig, doch beim nächsten Mal soll es klappen.
Vorbild für den Bruder
Jan-Hendrik Anstipp dient dem jüngeren Bruder als sportliches Vorbild. Der 15-jährige Tim-Niklas gehört seit diesem Jahr zum nationalen B-Kader. Bei der Deutschen Meisterschaft gewann er vier Titel und hat sich auch eine EM-Teilnahme zum Ziel gesetzt. Er gehörte zum deutschen Achter-Aufgebot für Dortmund, aus dem jedoch zwei Schwimmer gestrichen wurde. Und Tim-Niklas Anstipp fiel unten durch. Doch vielleicht sind beim nächsten Mal die beiden Brüder aus dem Kreis Verden bei der Schwimm-Europameisterschaft der Gehörlosen gemeinsam dabei. Oder bei einem anderen hochkarätigen Wettbewerb.



