Werder Bremen

 - 08.10.2009

Pizarro: "Die Jungs machen meinen Job einfacher"

Von Marc Hagedorn
Wenn Länderspielpause ist, dann sind Werders Nationalspieler in aller Herren Länder unterwegs. Claudio Pizarro hat seit über zwei Jahren nicht mehr für sein Heimatland Peru gespielt. Darüber, über den neuen Werder-Weg und über seine Ziele in Bremen sprach der 31-jährige Stürmerstar gestern mit unserem Redakteur Marc Hagedorn.
Träumt vom Torrekord und von der WM 2014: Werder-Stürmer Claudio Pizarro.
Träumt vom Torrekord und von der WM 2014: Werder-Stürmer Claudio Pizarro.

Herr Pizarro, von meinen Töchtern soll ich fragen, wie man ein guter Fußballer wird.
Claudio Pizarro: (lacht) Erstens: Du musst mit Talent geboren worden sein. Zweitens: Du musst den Ball mögen. Drittens: Du musst, wenn du klein bist, ganz viel Lust haben, zu kicken.

Und wenn man größer wird?
Dann musst du wissen, wie das Spiel funktioniert. Wenn ein Trainer kommt und ein bestimmtes System spielen will, dann musst du das verstehen. Dann reicht der Spaß nicht mehr, dann wird es Ernst. Und immer musst du deine Qualitäten einbringen.

Wie war das bei Ihnen in Peru? Jeden Tag gespielt?
Immer. Auf der Straße, in der Schule.

Und? Nie Ärger mit der Mutter oder den Lehrern bekommen?
(lacht) Doch, doch. (lacht immer noch) Mit meinem Vater. Er hat einmal gesagt: ,Du spielst nicht mehr, bis du wieder gute Noten nach Hause bringst'. Drei Monate lang durfte ich danach kein Fußball spielen.

Dann waren die Noten wieder besser?
(grinst) Na klar, waren die besser. Ich wollte doch unbedingt wieder Fußball spielen.

Und was ist mit Arbeit?
Ja, das ist ganz wichtig.

Haben Sie sich immer daran gehalten?
Ja, das ist für mich das Wichtigste: die Vorbereitung im Sommer. Wenn ich eine schlechte Vorbereitung gemacht habe, dann war das ganze Jahr nicht gut.

Wissen Sie eigentlich, was Sie mit Ryan Giggs, Ailton und Mehmet Scholl gemeinsam haben?
Mit Mehmet? Und mit Giggs?

Ja, Sie alle haben nie bei einer WM gespielt, obwohl Sie in ihren Vereinen sehr erfolgreich waren.
Das stimmt, aber die nächste WM ist ja noch ein großes Ziel von mir.

Dabei spielen Sie doch schon länger nicht mehr für Peru.
Meine Chance kommt aber vielleicht noch mal wieder.

Aber ja wohl nicht unter diesem Trainer, oder? José del Solar hat Sie seit zwei Jahren nicht mehr nominiert.

Wer weiß, wie lange er noch Trainer ist? Es sind noch zwei WM-Qualifikationsspiele, die macht er noch, aber dann könnte schon ein Neuer kommen. Er ist der Trainer mit der schlechtesten Bilanz in der Geschichte des Verbandes.

In den zwei Spielen, die Sie angesprochen haben, geht es unter anderem gegen Argentinien mit Trainer Diego Maradona. Argentinien könnte an Peru scheitern.
Ja, aber es wird schwierig. Die Qualität von Argentinien ist normalerweise besser. Aber natürlich, es ist ein Fußballspiel: Es kann alles passieren.

Würde es Ihnen Leid tun für Maradona?
Ich mag ihn. Er war einer der besten, nein, er war für mich der beste Fußballer überhaupt, er war sehr besonders. Jetzt als Trainer ist es anders. Wenn sie es nicht schaffen, dann wird es eine große Tragödie für Maradona und Argentinien.

Wenn die WM 2014 in Brasilien ein Fernziel von Ihnen ist, was sind dann die Nahziele mit Werder?
Ganz nach oben kommen in der Bundesliga. Wir sind auf einem guten Weg, wir haben zuletzt sehr gut gespielt.

Werder spielt sehr gut, aber anders, sagt man. Hinten sicherer, vorne mit nicht mehr so vielen spektakulären Torchancen. Stimmt das?
Das ist das, was wir wollten, was wir brauchten. In der Bundesliga reicht es vielleicht, fünf Tore zu machen und drei zu bekommen. Du hast dann 5:3 gewonnen und guten Fußball gespielt. Aber für größere Ziele reicht das nicht. Gegen Milan oder Barcelona zum Beispiel holst du drei Gegentore nicht auf. Wir müssen weniger Chancen zulassen. Wir haben verstanden, dass wir hinten die Null haben müssen. Und vorne bekommen wir immer unsere Chance.

Oft eingeleitet von den kleinen Fummlern, von Marko Marin, Mesut Özil, Aaron Hunt oder Philipp Bargfrede...
...ja, ja, die vier...

...wie spielt man mit denen?
Gut, sehr gut. Für mich sind sie sehr gut. Sie bewegen sich viel, machen viele Dribblings, schaffen Platz und geben mir dann den Ball rein. Die Jungs machen meinen Job einfacher, kann man sagen.

Also ein gutes System für Stürmer?
Wenn die den Ball kriegen und nach vorne laufen, sind sie kaum zu stoppen.

Wie gut können die noch werden?
(überlegt) Sie müssen gesund bleiben. Sie spielen guten Fußball. Aber wir haben auch auf der Bank gute Leute. Wir alle sind als Mannschaft gut.

Im Mai haben Sie Ihren ersten Titel mit Werder geholt, den DFB-Pokal. Kommen da jetzt noch weitere dazu?

Ich hoffe es. Das ist unser Ziel. Ich glaube, wir haben dieses Jahr viele Möglichkeiten: Pokal, Europa League, wo wir sehr gut spielen, dazu sind wir in der Bundesliga Vierter. Unser Vorteil ist, dass wir jetzt die Erfahrung aus dem letzten Jahr haben.

Und wie viele Pizarro-Tore werden noch fallen?
Ich hoffe, noch viel mehr. (In der vergangenen Saison waren es 30 in allen Wettbewerben, Anmerkung der Redaktion). Ich habe ja noch einen Rekord im Kopf.

Sie meinen, bester Werder-Torschütze aller Zeiten und bester ausländischer Bundesliga-Torjäger zu werden?
Ja, das ist eine große Motivation für mich.

Wenn Sie schauen, was seit Ihrer ersten Spielzeit bei Werder vor über zehn Jahren bis heute passiert ist: Was hat sich verändert?
Als ich hierhergekommen bin, war Werder nicht so eine große Mannschaft, also international, meine ich. Da waren wir froh, vielleicht Sechster, Siebter zu werden und in den UEFA-Cup zu kommen. Jetzt ist Werder eine wichtige Mannschaft in Deutschland und international. Wir wollen in Europa in der ersten Reihe bleiben, wir wollen wieder in die Champions League.

Was fehlt Werder im Vergleich zu ihrem letzten Klub, zum FC Chelsea?
(lacht) Geld!

Sonst nichts?
Doch, die Infrastruktur, die Möglichkeiten. Die Spieler sind ganz andere. Die haben 26 Leute, die überall auf der Welt Stammspieler sein könnten. Andererseits: Zu viele Stars sind auch nicht gut. Da ist es bei uns vielleicht besser.

Klaus Allofs hat kürzlich in einem Interview mit dem WESER-KURIER gesagt, dass die Laufzeit eines Vertrages nicht allzu viel darüber aussagt, wie lange ein Spieler wirklich bleibt. Ihr Vertrag läuft noch mindestens drei Jahre. Bleiben Sie auch so lange?
Ich habe den Vertrag gemacht, weil ich solange bleiben will. Man weiß zwar nie, was in der Zukunft passiert. Aber ich bin in Bremen und will hier noch viele Sachen gewinnen. In meinem Kopf ist nur Werder.

Gibt es fürs Ende der Karriere - Sie sind jetzt 31, bei Vertragsende 35 - noch ein Traumziel? Wie Beckham in Los Angeles? Oder bei den Ölscheichs?
Wenn ich in dem Alter noch die Chance habe, in eine schöne Stadt zu gehen - warum nicht? USA ist eine Möglichkeit, oder Dubai, Katar, da kann man gut leben und Fußball spielen.

Was ist mit Peru?
Natürlich ist das auch eine Möglichkeit. Ich bin in Peru noch nie Meister geworden. Das möchte ich auch gerne sein.

Wie ist das Verhältnis zu Peru nach dem Ärger zu Jahresbeginn? Die Staatsanwaltschaft hat wegen Steuergeschichten gegen Sie und Ihren Berater ermittelt.
Ich habe damit kein Problem. Ich habe kein schlechtes Gewissen, ich bin dort benutzt worden. Ich war der große, bekannte Fußballer, da war klar, dass man mit mir gut Schlagzeilen produzieren kann. Es gibt eben Leute, die neidisch auf einen sind. Aber es gibt in Peru so viele Leute, Freunde, die mir Halt geben, die mich unterstützen, die anerkennen, was ich mache. Das gibt mir Kraft.

Peru ist Ihr Heimatland, was ist Bremen?
Zweite Heimat. Ich fühle mich gut hier, die Leute finde ich super. Sie haben mich hier gut angenommen.





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