Vom Feind zum Vorbild

 - 26.11.2009

Der Bremer Blick auf die Ära Hoeneß

Von Olaf Dorow
Bremen. Willi Lemke ist in Monaco. Gleich wird er mit der 'Herald Tribune' sprechen. Er ist ein Weltmann, er ist UN-Sonderbeauftragter. Er bereist die Welt, auf der der Sport eine Mittel sein kann, um Frieden zu stiften. Es geht um Verständigung, auch um Versöhnung.
Uli Hoeneß und Klaus Allofs saßen oft gemeinsam am Verhandlungstisch.
Uli Hoeneß und Klaus Allofs saßen oft gemeinsam am Verhandlungstisch.

Versöhnung ist das Stichwort, wenn es um Uli Hoeneß geht. Hoeneß hört, nach 30 Jahren, als Bayern-Manager auf. Heute Abend, auf der Mitgliederversammlung des populärsten deutschen Sportklubs, soll er zum Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt werden und damit die Nachfolge von Franz Beckenbauer antreten. Beckenbauer zieht sich zurück und wird Ehrenpräsident.

Das Ende der Ära Hoeneß bescherte Willi Lemke 15 Anfragen für ein Interview. Kann er Hoeneß verzeihen?

Sie hatten sich anderthalb Jahrzehnte lang eine Fehde geliefert, die an Schärfe und Hartnäckigkeit ihresgleichen suchte. 'Ich habe das längst abgehakt', sagt Lemke. Na bitte, Aber dann sagt er, wie den 14 anderen Anfragern auch: 'Ich werde dazu kein Interview geben.' Man solle doch bitte mal nachschauen, was Hoeneß damals gesagt hätte, als Lemke in Bremen Bildungssenator geworden sei. 'Das war unter der Gürtellinie', sagt Lemke, und das Gespräch mit ihm ist nun vorbei.

Hoeneß hatte es damals erstaunlich gefunden, 'dass ein Mann mit einem solchen Charakter' Minister eines Landes werden könne. Das Feinbild lebt. Lemke ist seit zehn Jahren nicht mehr im operativen Geschäft, aber er ist immerhin der Aufsichtsratsavorsitzende von Werder Bremen.

Lemkes Nachfolger im operativen Geschäft, Klaus Allofs, sagt über Hoeneß: 'Er ist ein Stück Vorbild.' Der Kollege aus München habe die Liga entscheidend beeinflusst. Er habe für die Akzeptanz des Berufes Fußball-Manager viel getan. Sein größter Verdienst: Dass er seinen Klub zur Weltmarke gemacht habe. Der Umsatz des FC Bayern, dieses Zahl fehlt in diesen Wochen in keinem Hoeneß-Porträt, betrug vor 30 Jahren zwölf Millionen Mark. Die Steigerungsrate zu 2008 liegt bei 5000 Prozent. Heute Abend verkündet man wohl einen Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro.

Als Hoeneß? größte Stärke nennt Allofs dessen 'verschiedenen Facetten'. Einerseits poltere er zum Wohle des Klubs, sei 'mit allen Wassern gewaschen', andererseits verfüge er über 'eine hohe soziale Kompetenz'. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, eines der bekanntesten ist die Hilfestellung für den in die Alkoholsucht abgerutschten Mit-Weltmeister von 1974, Gerd Müller.

Hoeneß polarisiert, sagt man. Da muss wohl etwas dran sein, wenn in einem Klub wie Werder die Meinungen so weit auseinandergehen. Bremen gilt in Fußball-Deutschland vielen als ein Ort von unübertreffbarer Harmonie. Wenn Allofs, den Hoeneß letztes Jahr sogar als seinen Nachfolger vorschlug, von Vorbild spricht - und Lemke, sagen wir mal: eher nicht, dann muss man dabei Lemke natürlich zugute halten, dass Allofs ja nun nicht dabei zu sein brauchte, als alles anfing mit der krassen Fehde.

Herbst 1985, Olympiastadion München: Augenthaler senst Völler so um, dass der Bremer Top-Stürmer für Monate ausfällt. Sinngemäß sagen die Bayern danach, dass man sich eben nicht wundern müsse, wenn man derart schnell auf einen Verteidiger zurennt.

Aus Sprüchen und Gegensprüchen erwuchs schließlich ein verbitterter Klassenkampf, der im Lauf der Jahre immer mehr in den Verdacht geriet, dass er den Streithähnen gar nicht so unrecht war. Die Fehde steckte voller Klischees. Arm gegen reich, aufrecht gegen arrogant, und so weiter. Dabei steht es nicht in der deutschen Verfassung, dass der FC Bayern eine Weltmarke und der reichste Verein von allen zu sein hat. Man darf das durchaus als Lebensleistung des Weltmeisters und Wurstfabrikanten Uli Hoeneß betrachten. Die 'Süddeutsche Zeitung', die die herausragende und wohl auch mächtigste Figur im deutschen Fußball in einem fast beispiellosen Projekt über acht Monate eng begleitet hatte, stellte eine 'fast cowboyhafte Handlungskraft' fest, mit der Hoeneß den FC Bayern steuert. Dass München als Standort unschätzbare Vorteile bietet, steht außer Frage. trotzdem muss man es erstmal schaffen, dass Telekom, Allianz und Audi groß einsteigen. Dass man in der Allianz-Arena bei den Bayern-Spielen in den oberen Etage des Parkhauses die wohl größte Ferrari- und Porsche-Dichte hat, die es in Deutschland gibt.

Vor zehn Jahren, als Allofs in Bremen Lemke ablöste, ging den ganzen Klischees der Dauerfehde schnell die Puste aus. Werder machte gute Geschäfte mit Bayern. Für Pizarro, Ismaël und Klose hatte Werder insgesamt rund sieben Millionen Euro ausgegeben - und bei ihren Transfers nach München mehr als das Vierfache bekommen.

Nur manchmal blitzte er noch auf, der alte Zwist. 'Wegmachen, niedermachen', polterte Hoeneß Anfang Mai 2004, vor dem Spiel, das Werder im Olympiastadion den Meistertitel bescherte. Es war ein leicht durchschaubarer Versuch der Verunsicherung des Gegners. Ein bisschen Show, mehr nicht. Als 2007 Miroslav Klose zum FC Bayern wechselte, arrangierte Hoeneß ein Geheimtreffen mit dem Stürmer. 'Das war am Rande des Erlaubten', sagt Allofs, 'und ich findes es auch heute noch nicht in Ordnung.' Aber in dem Geschäft werde 'mit harten Bandagen gekämpft'. Beim ersten Spiel der Klose-losen Bremer gegen die Klose-Käufer stritten sich Hoeneß und Allofs vor laufender Kamera wie die Kessenflicker. Doch der Sturm ebbte schnell ab.

Vielleicht wäre die ganze Bayern-Werder-Hoeneß-Lemke-Geschichte, die ganze deutsche Fußballgeschichte anders gelaufen, wenn vor rund 40 Jahren Werder nicht so knauserig gewesen wäre. Damals hatte man den Trainer Udo Lattek an der Angel. Er hätte auch ein junges Talent mit nach Bremen gebracht: Uli Hoeneß.






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