Marko Marin im WESER-KURIER-Interview

 - 04.05.2011

"Mein Anspruch ist ein anderer"

Bremen. Werder Bremen spielt keine gute Saison - das gilt auch für Marko Marin. "Natürlich erwarte ich mehr von mir, als ich gezeigt habe", zeigt sich Werders Dribbler im Interview mit dem WESER-KURIER durchaus selbstkritisch: "Ich hatte mir mehr vorgenommen."
Werder Bremens Marko Marin
Werder Bremens Marko Marin

Diesen Interviewtermin haben wir vor einer Woche abgemacht. Ich war davon ausgegangen, dass es ein sehr entspanntes, zurückgelehntes Gespräch wird...

Marko Marin: (halb lächelnd, halb fragend) Aha.

Dass wir über den geschafften Klassenerhalt reden, dachte ich. Jetzt ist es immer noch nicht so weit. Wie groß ist der Frust?

Frust ist das falsche Wort. Es stimmt: Wir hatten uns vorgenommen, gegen Wolfsburg alles klarzumachen. Aber wir haben noch zwei Spiele, in denen wir es selbst in der Hand haben.

Wie groß ist der Druck?

Die Situation hat sich für uns nicht verändert. Wir müssen punkten, und das war vorher ja auch schon so. Es darf uns natürlich nicht passieren, dass wir in die Situation kommen und am letzten Spieltag in Kaiserslautern immer noch nicht gerettet sind. Das müssen wir uns ersparen.

Sie haben bei Eintracht Frankfurt in der Jugend gespielt, bei Mönchengladbach in der Bundesliga. Geht der Blick auch auf diese und die anderen Klubs?

Wir müssen unser Ding machen. Wenn wir gewinnen, dann ist alles erledigt. Natürlich würde es uns helfen, wenn Frankfurt und Gladbach patzen, aber darauf wollen wir uns nicht verlassen. Frankfurt spielt zu Hause gegen Köln, die auswärts bisher ziemlich schwach waren. Gladbach hat einen guten Lauf und kann den fortführen. Aber viel wichtiger ist, dass wir punkten.

Was erwarten Sie vom Gegner? Die Dortmunder sind Meister, haben gefeiert und sind gerade erst wieder ins Training eingestiegen - Vorteil Werder?

Weiß ich nicht. Ich hatte eine ähnliche Situation mit Gladbach. Wir sind drei Spieltage vor Schluss aufgestiegen und haben danach auch noch zwei Spiele gewonnen. Es kommt eher darauf an, wie wir dagegenhalten, dass wir unser Spiel durchziehen.

Wie wichtig wäre es, den Klassenerhalt vor den eigenen Fans perfekt zu machen?

Natürlich wäre das der bestmögliche Abschluss der Saison. Selbst wenn es wieder nur ein Unentschieden wird - Hauptsache, wir verhindern die Katastrophe.

Gehen wir mal davon aus, dass die Katastrophe, also der Abstieg, verhindert wird. Wie fällt Ihre Saisonbilanz aus?

Es war keine glückliche und keine gute Saison für uns. Es hat mit der Qualifikation für die Champions League gut angefangen, und wir hatten auch ein paar schöne Spiele dort. Das waren aber auch schon die Highlights. In der Liga sind wir nie richtig in die Spur gekommen. Wir haben uns in der Rückrunde mit einer kleinen Serie gefangen (acht Spiele ohne Niederlage, Anm. d. Red.), waren auf einem guten Weg. Dann haben wir gegen Wolfsburg wieder ein schlechtes Spiel gemacht.

Was war denn nun das wahre Werder-Gesicht? Werder mit der kleinen Erfolgsserie? Oder Werder und die vielen Niederlagen und Rückschläge?

Ich glaube, dass wir über die gesamte Saison nicht unser wahres Gesicht gezeigt haben. Die Mannschaft hat in den letzten Jahren gezeigt, wie stark sie ist, hat immer oben mitgespielt, schönen Fußball abgeliefert - dafür steht Werder. Es gibt dabei immer Phasen, wo das mal nicht klappt. Leider war das bei uns diesmal die gesamte Saison.

Und wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Klar, ich habe auch von mir mehr erwartet. Ich hatte mir mehr vorgenommen. Ich hatte ein paar schöne Champions-League-Auftritte. In der Bundesliga war es bei mir wie beim gesamten Team: Es gab viele Spiele, in denen ich hätte besser sein können. Von den Assists her war es okay für so eine schwierige Saison (Marko Marin hat sieben Torvorlagen gegeben, drei Tore erzielt, Anm. d. Red.), aber natürlich erwarte ich mehr von mir, als ich gezeigt habe.

Eine Konsequenz aus diesem Saisonverlauf war, dass Sie zuletzt nicht mehr zum Kader der Nationalmannschaft gehört haben. Wie schlimm ist das?

Man will natürlich immer gern dabei sein. Aber es ist manchmal so, dass es im Verein und damit auch bei einem selbst nicht so gut läuft. Aber da muss ich durch. Ich hoffe auf bessere Zeiten für Werder, und dann wird es auch für mich wieder besser. Und es ist ja auch nicht so, dass ich mich jetzt komplett und für immer aus dem Kader gespielt habe. Jetzt kommt die Saison vor der Europameisterschaft. Ich denke, die Eindrücke aus der nächsten Saison bleiben dann intensiver im Gedächtnis als die jetzigen. Und dann will ich wieder dabei sein.

Ein Thema, das Sie in dieser Saison ganz besonders betrifft, sind bei Auswärtsspielen die vielen Pfiffe gegen Sie; zuletzt auf St. Pauli nach dem Zweikampf mit Fabian Boll, der anschließend verletzt runter musste. Vorher schon, wenn Sie in Zweikämpfen zu Boden gegangen sind. Wie sehr trifft einen jungen Profi das?

Man muss die Situationen bewerten, wie sie wirklich waren. Und auf St. Pauli war es so, dass es für St. Pauli im Abstiegskampf fast die letzte Chance war. Die kämpfen ums Überleben, und nach 15 Minuten verletzt sich ein Spieler - dann ist es logisch, egal wie es passiert ist, dass die Zuschauer pfeifen. Leider war ich derjenige, der unglücklich in die Sache verwickelt war. Ich weiß selbst heute noch nicht genau, wie es passiert ist. Ich bin irgendwie unglücklich auf ihn gefallen, es war kein Foulspiel.

Und der Vorwurf, dass Sie in Zweikämpfen zu schnell fallen? Hinterlässt das bei den Schiedsrichtern Eindruck?

Nein, das glaube ich nicht. Die Schiedsrichter analysieren die Spiele genauso, wie wir es tun. Die Schiris sind auch Profis in ihrem Fach, bereiten sich auf die Spiele vor, sehen sich die Situationen an und ziehen die richtigen Schlüsse.

Wie groß ist die Sorge, dass nach den vielen guten Jahren bei Werder jetzt eine Phase ohne ganz große Erfolge kommt?

Die meisten von uns haben in der Champions League gespielt, viele über mehrere Jahre. So etwas will man immer wieder erleben. Werder hat über Jahre seinen Spielstil gehabt - attraktiv, offensiv, erfolgreich. Da müssen wir wieder hin. Wir haben dafür eine gute Mannschaft und einen guten Trainer, der der Mannschaft das vermitteln kann. Wir dürfen jetzt nicht sagen: Gut, schauen wir nächste Saison erst mal, dass wir nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Das sind nicht die Ziele von Werder, und das ist auch nicht mein Anspruch.

Ihre Einschätzung: Wird einer wie Torsten Frings dann noch dabei sein?

Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, dass Torsten bleibt, denn er ist immer noch ein ganz wichtiger Spieler fürs Team.

Ein Gedankenspiel: Wenn wir hier in genau einem Jahr wieder zusammensitzen sollten, wie ist die Saison dann gelaufen?

(lacht) Dann sitzen wir gar nicht hier.

Weil?

(lacht) Weil wir dann wie Dortmund dieses Jahr gerade erst wieder ins Training einsteigen. Nein, Quatsch. Träumen darf man, aber ich hoffe einfach, dass wir dann wieder weiter oben stehen.






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