| 15 Fragen zu Werders Rückrunde 2011/12 » |
Beckenbauer habe die Kunst beherrscht, mit dem Ball am Fuß "Räume zu finden, die sonst keiner sieht", hat der argentinische Fußball-Weise Cesar Luis Menotti einmal gesagt. Die Lichtgestalt des deutschen Fußballs konnte den Ball raumgreifend über den Rasen treiben, ohne auch nur einen Haken schlagen zu müssen. Das kann Marco Reus auch.
Wie Beckenbauer ist auch der Gladbacher ein Virtuose der engen Räume. Auch er entdeckt, Wege durch die gegnerischen Abwehrbeine, die eigentlich nicht vorhanden sind. Anders als Mario Götze schlägt Reus keine Haken, er findet den direkten Weg und hat eine verblüffende Begründung dafür: "Wenn man die Spieler austanzt, dann kostet das viel Kraft, die dann vor dem Tor vielleicht fehlt. Deswegen suche ich immer den geraden Weg."
"Er ist unser Messi", hat Juan Arango daher kürzlich gesagt, denn im Moment ist Reus besser als je zuvor. Zu den jüngsten 2:1-Siegen gegen Hannover und in Berlin hat er alle vier Treffer beigetragen, und wenn er nicht trifft, ist er dennoch oft der entscheidende Mann. Denn der 22-Jährige holt Elfmeter raus, legt Tore auf, oder die Mitspieler stauben nach Reus-Schüssen ab. "Wir sind dieses Jahr eine homogene Truppe", sagt er, "auf dem Platz merkt man, dass wir eine Einheit sind, es macht momentan echt Spaß, Borusse zu sein."
Die Erfahrung des fast schon hoffnungslosen Abstiegskampfes der Vorsaison hat den heutigen Werder-Gegner geeint. "Wir haben im Team viele Leute, die auch privat gemeinsam unterwegs sind, das spiegelt sich auf dem Platz", sagt Reus. Individuell ist der Kader sicher nicht besetzt wie ein Spitzenteam, doch im Moment agieren die Gladbacher als wunderbar funktionierendes Kollektiv. Ein Kollektiv allerdings, das ziemlich abhängig ist von Reus. Ohne ihn hätte die Borussia längst nicht so viele Punkte gesammelt.
In Zeiten des Kollektivfußballs mit seinen flachen Hierarchien ist es ein interessantes Konzept für kleinere Vereine, eine strategisch halbwegs begabte Mannschaft mit einem Superstar zu veredeln. Der SC Freiburg hat im Vorjahr mit diesem Prinzip für Aufsehen gesorgt, Papiss Cissé überstrahlte alle anderen, derzeit spielt Lukas Podolski eine solche Rolle in Köln, während Reus der Held der Borussia ist.
Und vielleicht funktioniert das Rezept in Gladbach sogar etwas besser als anderswo, denn Reus weiß seine besondere Rolle überaus konstruktiv auszufüllen. "Ich gehe damit ganz locker um, sehe mich nicht als Einzelperson, sondern als Teil des Teams, ich versuche der Mannschaft so gut es geht zu helfen", sagt er. Der gebürtige Dortmunder strahlt eine fast schon schüchterne Bescheidenheit aus. "Ich stehe nicht so gerne im Mittelpunkt, bin nicht so gerne in der Öffentlichkeit", sagt er.
Alles wäre also wunderbar, wenn Reus nicht immer wieder Probleme mit seinem Körper hätte. Regelmäßig schmerzen die Adduktoren, fünfmal musste er schon Einladungen von Bundestrainer Joachim Löw ablehnen, bevor er im Oktober endlich sein erstes Länderspiel bestritt. Inzwischen sind es drei, und wären da nicht die vielen Absagen gewesen, dann müsste Lukas Podolski wohl tatsächlich um seinen Stammplatz in der DFB-Elf fürchten.










