Werder Bremen

 - 08.02.2012

Arnautovic versucht den Balance-Akt

Von Olaf Dorow
Bremen. An gesundem, vielleicht auch etwas zu gesundem Selbstvertrauen hat es nicht gefehlt, als Marko Arnautovic nach Bremen kam. Er kam vom Champions-League-Sieger Inter Mailand. Er hatte zwar nicht gespielt im Finale, aber das war egal, er fühle sich durchaus als Gewinner der Königsklasse, sagte er.
Werder-Stürmer Marko Arnautovic.
Werder-Stürmer Marko Arnautovic.

Überhaupt fühlte sich er sich recht königlich. Italienischer Meister und Pokalsieger war Inter ja auch geworden, und dass Inter dabei zumeist auf den Stürmer Marko Arnautovic verzichtet hat, soll im Grunde nur an einer Verletzung und dann noch an dem eigenwilligen Trainer José Mourinho gelegen haben. Arnautovic gab sich jedenfalls so, als sei er ein Auserwählter.

Das ist anderthalb Jahre her. Anderthalb Jahre sind eine lange Zeit im Fußball. Wer heute mit Arnautovic über Arnautovic spricht, der hat nicht das Gefühl, dass er mit einem Auserwählten spricht. Drei Tore nur schoss er in seiner ersten Werder-Saison, in dieser sind es bislang vier. Zuletzt hat er - nicht nur, aber auch bedingt durch eine Verletzung - gar nicht mehr gespielt.

Am Sonnabend, im nächsten Heimspiel gegen Hoffenheim (15.30 Uhr), ist Werders Nummer-eins-Stürmer Claudio Pizarro gesperrt. Arnautovic wird ihn wohl ersetzen, aber selbst das zu verkünden, vermeidet er inzwischen, gegenüber der Presse so zu formulieren. Er fühle sich fit, hoffe, dass er wieder zu alter Form findet und am Sonnabend gegen Hoffenheim spielt, aber das müsse der Trainer entscheiden.

Aus dem Champion, der vor anderthalb Jahren mit dem Ruf in Bremen begann, eine außergewöhnliche Begabung mit schwierigem Charakter zu sein, ist ein Spieler geworden, der sein Talent kaum in Tore umgesetzt hat und mit Demut spricht, wenn er interviewt wird. "Ich bin keiner, der sagt: Ich bin Stammspieler", sagt er. Sozusagen muss er jetzt kleine Brötchen backen und ist vorerst in einer sehr kontrollierten Offensive gelandet.

Er versucht, eine Balance hinzubekommen. Einerseits will er sein naturgegebenes Selbstvertrauen nicht verlieren. Andererseits will er sich politisch korrekt verhalten. Er hoffe, im Training unter der Woche zeigen zu können, dass er am Wochenende aufgestellt gehört. Die politische Korrektheit ist kaum zu überbieten, wenn er über das große Ganze spricht. Die Mannschaft schiele weder auf die Champions- noch auf die Europa League, sondern lediglich darauf, ordentlich Punkte zu holen, um das Ziel namens "internationaler Wettbewerb" zu erreichen. Und er hoffe, dass Werder am Wochenende nachweisen könne, dass Werder mehr ist als nur Pizarro, beziehungsweise, dass Werder auch ohne Pizarro zu Toren kommt. Der Peruaner hat in dieser Saison fast viermal so oft getroffen wie Arnautovic. Und in der letzten Saison, als Pizarro oft verletzt und dadurch seltener im Einsatz war als Arnautovic, da hat Pizarro trotzdem dreimal so viele Tore erzielt wie das Supertalent, das aus Mailand kam.

Manchmal verheddert sich Marko Arnautovic in seinem Bestreben, die Balance zu halten. "Das ist kein Druck für mich, es ist aber natürlich für jeden von uns ein Druck", kommt dann als Antwort heraus, wenn es um seine (vermutliche) Rolle als Pizarro-Vertreter gegen Hoffenheim geht. Er stellt sich bisweilen selbst ein Bein, was auch für seine Vorstellungen auf dem Platz gilt. Dort zeigt er oft, welch starken Antritt, straffen Schuss oder gescheiten Pass er draufhat, aber im entscheidenen Moment schießt er doch zu oft am Tor vorbei oder verursacht ein Stürmerfoul.

In den Schlagzeilen, auch in denen des Boulevards, ist er zuletzt nur noch selten aufgetaucht. Das spricht zwar einerseits für ihn, weil er es geschafft hat, dem Boulevard keine Angriffsfläche zu bieten, um Affären oder Pseudo-Affären daraus zu machen. Andererseits ist das nicht so gut für ihn, weil sportliche Knallefekte ebenfalls ausblieben. Jetzt ist seine Chance da. Sollte Pizarro sich nicht verletzen und Markus Rosenberg aufhören damit, dauernd gegen den Pfosten zu schießen, könnte die Chance so schnell nicht wiederkommen.






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