Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg

 - 19.11.2009

Blindgänger-Gefahr wächst von Jahr zu Jahr

Von Rose Gerdts-Schiffler
Bremen. Rund eine Million Brandbomben und 100.000 Sprengbomben haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf Bremen abgeworfen. Ein kleiner Teil davon war mit Säurezündern ausgestattet. Die Sprengkörper sollten erst Stunden nach den Angriffen explodieren - dann, wenn die Bevölkerung schon wieder aus den Bunkern gekrochen kam. Viele dieser Bomben schlummern bis heute unentdeckt im Boden oder unter Häusern. Tickende Zeitbomben, die meist nur zufällig rechtzeitig entdeckt werden.
Ein solcher Säurezünder macht die Bomben auch nach vielen Jahren noch gefährlich.
Ein solcher Säurezünder macht die Bomben auch nach vielen Jahren noch gefährlich.

Vor vier Jahren entdeckte der Kampfmittelräumdienst eine dieser Säurezünderbomben in Farge. Sie wurde gesprengt und riss einen sieben Meter tiefen Krater in den Boden. Zu Schaden kam niemand, denn die Fläche war nicht bebaut. 'Bis jetzt haben wir viel Glück in Bremen gehabt', sagt Sprengmeister Andreas Rippert.

Glück hatte auch eine Familie in Osnabrück, die Ende Oktober fluchtartig ihr Haus verlassen musste. Auslöser war der Besuch einer Frau gewesen, die früher in dem Haus gelebt hatte und deren Eltern das Grundstück an die junge Familie verkauft hatten. 'Bitte buddeln sie nie unter Ihrem Kirschbaum im Garten. Da liegt ein Blindgänger', beichtete sie dem entsetzten Familienvater. Doch es kam noch schlimmer. Der Mann schaltete den Kampfmittelräumdienst ein, der die Stelle sondierte. Tatsächlich lag im Boden ein Blindgänger. Aber nicht irgendeiner, sondern eine Sprengbombe mit Säurezünder. Die Sonde hatte den Zünder beschädigt. Ein Wettlauf mit der Zeit begann.

30 Minuten bis höchstens 144 Stunden vergehen erfahrungsgemäß, bis das Azeton in der zerstörten Glasampulle des Zünders den Wattebausch tränkt und sich die Celluloidscheibe dahinter auflöst. Die Scheibe hält den Schlagbolzen unter Spannung und löst bei ihrer Zerstörung die Explosion der Bombe aus. Als Amerikaner und Engländer Säurezünderbomben über den Städte abwarfen, zögerten Feuerwehrleute damals, nach den Angriffen sofort zum Löschen auszurücken. Sie fürchteten, Opfer der perfiden Technik zu werden und ließen ganze Häuserblocks abbrennen. 'Genau das hatten die Alliierten beabsichtigt, sodass unsere Vorgänger dazu übergingen, die Säurezünderbomben unmittelbar nach den Angriffen zu entschärfen', erzählt Andreas Rippert. Was wiederum dazu führte, dass die englische Luftwaffe eine Ausbausperre in die Bomben einbaute. 'Wenn die Feuerwerker versuchten, den Zünder herauszudrehen, lösten sie damit die Sprengung aus.'

Erst nachdem viele Experten ums Leben gekommen seien, hätten die Fachleute auch diese Sperre irgendwann umgehen können.

Im Osnabrücker Stadtteil Klushügel räumte die Polizei im Oktober alle umliegenden Häuser. Mit Radladern fuhren die Männer durch liebevoll gestaltete Gärten, um so viel Erde wie möglich und so schnell wie möglich über dem Kirschbaum zu häufen. 'Dabei wurden Zäune und Büsche niedergewalzt', erzählt ein Anwohner. Bereits die Anfahrt mit dem schweren Gefährt war ein Risiko, übertrugen sich die Erschütterungen doch in den Boden. Als die Bombe schließlich mitten in dem dicht bebauten Wohngebiet gesprengt wurde, konnte niemand vorhersagen, ob die Häuser nach der Detonation noch stehen würden.

Nach einem gewaltigen Knall war von dem Erdhaufen im Garten nichts mehr übrig. Stattdessen klaffte ein riesiges Loch in der Erde. Sämtliche Fenster in dem Haus der Familie gingen zu Bruch. Aber das Haus stand noch. Die dramatischen Szenen entfachten eine Diskussion über die explosiven Altlasten im Boden. Denn erst nach dem Vorfall dämmerte es vielen Osnabrückern, dass aus Kostengründen nur dort nach Blindgängern gesucht wird, wo gebaut oder die Erde aufgerissen wird.

Ähnlich ist die Situation in Bremen. 'Wir können nur die Flächen absuchen, wo gebaut werden soll', sagt Andreas Rippert unumwunden. Bei 1200 Anfragen pro Jahr stößt das Team schon jetzt an seine Grenzen. Sämtliche bebaute innerstädtische Fläche abzusuchen, könne sich keine Kommune in Deutschland leisten, sagt Rippert.

Wobei die Experten nur auf lückenhafte Unterlagen bei ihrer Suche zurückgreifen können. 'Zahllose Bomben sind direkt nach den Angriffen entschärft worden. Viele Unterlagen darüber sind verbrannt oder von den Alliierten beschlagnahmt worden und schlummern in irgendwelchen Archiven', erzählt Rippert.

Sicher sei nur, dass immer noch Sprengbomben, auch solche mit Säurezündern, irgendwo im Boden liegen. Rund zehn Stück holt der Kampfmittelräumdienst um Andreas Rippert und seinen Kollegen Peter Seidel Jahr für Jahr raus. Ende der 40er Jahre waren es noch 1000 pro Jahr.

Mit jedem Jahr wachse die Gefahr, denn der Sprengstoff werde auch gegen Erschütterungen empfindlicher. Andreas Rippert sieht es ganz nüchtern: 'Irgendwann wird es uns hier auch in Bremen erwischen.'