Der Bau von Windparks auf hoher See verspricht lukrative Geschäfte. Allein vor der deutschen Nordseeküste sollen nach den Vorgaben der Bundesregierung bis 2020 Anlagen mit einer Leistung von 10.000 Megawatt errichtet werden, bis 2030 soll die produzierte Strommenge auf 25.000 Megawatt steigen. Mindestens 100 Milliarden Euro sollen dafür in der Nordsee verbaut werden.
Eine ganze Branche steht jetzt auf dem Sprung. Auch das neue Unternehmen Beluga Hochtief Offshore (BHO) will kräftig mitmischen und vom Start weg gleich zum führenden Anbieter von Spezialschiffen werden, mit deren Hilfe jährlich bis zu 160 Anlagen auf dem Meer errichtet werden können. Die Aussichten dafür sind gut: Es fehlt die Offshore-geeignete Installationstechnik, Experten warnen bereits vor einem drohenden Engpass. Stolberg, der in nur 15 Jahren quasi aus dem Nichts die weltweit führende Schwergutreederei mit derzeit 67 Schiffen aufgebaut hat, will genau in diese Nische vorstoßen und für sein Unternehmen als zweites, starkes Standbein aufbauen.
Auf See fehlt Spezialtonnage
Beluga hat mit dem Baukonzern Hochtief das Joint Venture BHO gegründet, das jetzt die vier Errichterschiffe ordern will. Zwei Neubauten sollen fest bestellt werden, die anderen beiden als später einlösbare Option. Nach Ansicht von Marktexperten dürften diese neuartigen Spezialfrachter jeweils 160 bis 180 Millionen Euro kosten.
Beim Bau des ersten Offshore-Testfeldes 'alpha ventus' hatte sich gezeigt, dass die derzeit zur Verfügung stehende Technik nicht den Erfordernissen der Branche genügt. Kranschiffe wie 'Thialf' sind überdimensioniert und mit einer Tagesraten von 400.000 US-Dollar viel zur teuer, existierende Hubinseln wie die 'Odin' dagegen zu klein für die tonnenschweren Fundamente und die bis zu 100 Meter hohen Windanlagen. Mit der 'Windlift I' hat bislang nur die Bremer BARD-Gruppe einen ersten Neubau in Dienst gestellt, der aber bislang noch nicht zum Einsatz gekommen ist.
14 Tage autonom im Einsatz
Die BHO-Schiffe sind sowohl für den Transport als auch für die Installation der Windräder auf See geeignet. Die Konstruktionsarbeiten sind dem Vernehmen nach abgeschlossen, offensichtlich müssen mit der Werft nur noch letzte offene Fragen geklärt werden. Das Design der 147 Meter langen, 42 Meter breiten und etwa 12 Knoten schnellen Schiffe steht aber längst.
Das Deckshaus mit Hubschrauber-Landeplattform liegt direkt hinter einem bulligen Bug mit hochgezogener Back, dahinter erstreckt sich ein riesiges, völlig ebenes Arbeitsdeck. Das Besondere aber sind die vier Stützen (Jack-ups), an denen sich die Schiffe, inklusive einer 8000 Tonnen schweren Ladung, dank einer gewaltigen Hydraulik komplett aus dem Meer und dem Seegang heben können. Damit kann bis zu einer Wassertiefe von 55 Metern, einer Wellenhöhe von zwei Metern und bis Windstärke 6 (Beaufort) gearbeitet werden.
In eines der ausfahrbaren Hubbeine ist ein Kran integriert, der rund 1500 Tonnen heben kann und dessen Ausleger hoch genug ist, um auch die Turbinengondeln und die Rotorblätter knapp 100 Meter über der See zu montieren. Etwa zwei Wochen lang können die Schiffe autonom operieren, die ausreichend Platz für die Besatzung und etwa 100 Offshore-Techniker bieten.
Das BHO-Konsortium hat zahlreiche Werften unter die Lupe genommen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Asien, letztlich fiel die Wahl aber auf die Nordic Yards, deren Fortbestand durch diesen ersten Neubauauftrag seit Monaten zunächst gesichert wird. Insolvenz und anschließender Verkauf an den Russen Yusufov hatte das Vorhaben zwar um einige Monate verzögert. Nach Angaben von Branchenkennern hatten am Ende die Ostsee-Werften das beste Preis-Leistungs-Paket geschnürt.
Vor allem sollen sie eine pünktliche Ablieferung garantiert haben. Das dürfte den Auftraggebern besonders wichtig gewesen sein. Denn für die ersten beiden Neubauten, die mit Heimathafen Bremen unter deutscher Flagge fahren werden, bahnen sich mehrjährige Charterverträge zu satten Tagesraten an - wie zu hören ist mit '1A-Adressen' aus der Energiebranche. Auch die Finanzierung scheint unter Mitwirkung der staatlichen KfW-Bank gesichert. Offenbar hat das BHO-Konzept auch in Krisenzeiten die Geldinstitute überzeugen können.
Stolberg glaubt ohnehin fest an einen Erfolg. Seine Offshore-Abteilung bastelt bereits an dem nächsten Coup. Weil Windparks nicht nur gebaut, sondern auch an das Land-Stromnetz angeschlossen werden müssen, plant Beluga zusammen mit einem Joint-Venture-Partner zusätzlich den Bau von vier sogenannten Kabelleger für die eigene Flotte, die ab Herbst 2012 im Halb-Jahres-Abstand abgeliefert werden sollen.
Neue Kabelleger in zwei Größen
Zwei rund 28 Millionen Euro teure Schiffe, die 2012 in Dienst gestellt werden sollen, sind vor allem für küstennahe Gewässer wie das Wattenmeer konzipiert. Die zwei anderen, größeren und mit einem Stückpreis von 55 Millionen Euro doppelt so teuren Einheiten, in ihrem Design kraftstrotzenden Offshore-Versorgern nachempfunden, sollen die Stromkabel ab 2013 auch in 2000 Meter tiefem Wasser ausbringen können. Auch diese Schiffe dürften eine sicherere Beschäftigung finden. Fehlt noch eine Bauwerft, derzeit läuft die Ausschreibung.
