Der TV-Trend "Gerichtsshow", in dem hochnotpeinliche Laiendarsteller und fernsehaffine Juristen im Nachmittagsprogramm juristische Fälle nachstellten, hat seinen Zenit gewiss längst überschritten. Doch nun gibt es das neue Anwalts-TV. Seriöser soll es sein, streng dokumentarisch und ohne die sogenannte "scripted reality" auskommen. Anfang Juni testete RTL einigermaßen erfolgreich den Piloten "Christopher Posch - Ich kämpfe für Ihr Recht" am Sonntagabend (1,38 Millionen Zuschauer in der Zielgruppe 14 bis 49 Jahre). Das Format soll 2011 fortgesetzt werden. Nun legt SAT.1 nach: Am 4. August schickt der Sender die Düsseldorfer Rechtsanwältin Leonora Holling ins Rennen. Die 45-Jährige soll sich mittwochs, 21.15 Uhr, bei ihrer Arbeit auf die Finger gucken lassen. Geplant sind vorerst sechs Folgen der Anwalts-Doku.
teleschau: Vor einigen Jahren waren Gerichtsshows ein großer Renner im Nachmittagsfernsehen. Was qualifiziert ihr Programm für die Primetime?
Leonora Holling: Bei uns ist nichts nachgestellt. Wir inszenieren keine bereits gelösten Fälle mit Darstellern, sondern verfolgen tatsächlich stattfindende Rechtsfälle live. Im Prinzip ist das Format eine Dokumentation meiner anwaltlichen Arbeit. Wir begleiten die Fälle von Anfang bis Ende. Wie sie ausgehen, wissen wir am Anfang auch nicht. Allein das ist schon ziemlich spannend.
teleschau: Es wird zunächst einmal sechs Folgen geben. Welche Fälle behandeln Sie?
Leonora Holling: Vom Ärztepfusch über Firmenabzocke bis zur Behördenwillkür. Dazu Familienrechtsstreitigkeiten und Strafrechtsfälle wie zum Beispiel Betrug. Ich arbeite seit 1994 als Anwältin, habe mich in der Vergangenheit schwerpunktmäßig mit Strafrecht beschäftigt. Von meiner Erfahrung bin ich allerdings breit aufgestellt, was natürlich der Vielseitigkeit der Fälle zugutekommt.
teleschau: Wie sind Sie zu diesem TV-Job gekommen?
Leonora Holling: Man hat mich gefunden. In den letzten Jahren kümmerte ich mich intensiv um Verbraucherschutz, war zum Beispiel wegen Gas- und Strompreisverfahren öfter in den Medien. Vielleicht ist man so auf mich aufmerksam geworden.
teleschau: Fernsehanwälte betreiben selbst die Boulevardisierung ihres Berufsstandes - lautet ein Vorwurf, der von Juristen selbst kommt. Haben Sie Angst, abseits der Kamera vor Gericht nicht mehr ernst genommen zu werden?
Leonora Holling: Als Anwalt ins Fernsehen zu gehen, ist auf jeden Fall keine Entscheidung, die man aus dem Bauch heraus trifft. Ich habe mir das gut überlegt. Letztendlich entschied ich mich dafür, weil es sich um ein seriöses Format handelt. Ich hätte nicht zur Verfügung gestanden, wenn wir etwas nachgespielt hätten. Mit einer reinen Dokumentation meiner Arbeit sollte ich mir vor Gericht jedoch keinen schlechten Ruf einhandeln.
teleschau: Ist nicht bereits die Auswahl der Fälle etwas boulevardesk. Schließlich funktioniert Fernsehen über Emotionen ...
Leonora Holling: Natürlich suchen wir Fälle aus, die für eine Fernsehsendung geeignet sind. Menschen, die ein Rechtsproblem haben, melden sich bei der Produktionsfirma oder beim Sender. Gemeinsam überlegen wir dann, welche Fälle geeignet erscheinen. Alle Fälle, in denen Menschen offensichtlich Unrecht geschieht, kommen in die engere Wahl. Allein dieses Prinzip sorgt für Emotion genug, um das Programm zu tragen.
teleschau: Aber widerspricht die trockene Juristerei nicht grundsätzlich dem Unterhaltungsdiktat des Fernsehens?
Leonora Holling: Ich kämpfe für das Recht meiner Mandanten - egal, ob nun eine Fernsehkamera dabei ist oder nicht. Sehen Sie, nicht jeder, der Recht hat, bekommt auch Recht. Der Kampf um dieses Recht ist eine äußerst emotionale Angelegenheit - bei mir, beim Mandanten, oft auch beim Verfahrensgegner. Natürlich wirken Gerichtsverhandlungen oft ein wenig spröde. Aber das ganze Drumherum, die Schilderung der Fälle durch die Mandanten, das Recherchieren, die Begegnungen mit dem Gegner - das sind alles andere als trockenen Situationen.
teleschau: Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Fernsehsender hingegen möchten ihre Formate in möglichst kurzer Zeit produzieren. Wie machen Sie das?
Leonora Holling: Der zeitliche Faktor ist in der Tat das größte Problem dieser Art von Dokumentation. Wir müssen viele Fälle parallel behandeln und begleiten, um nach gewisser Zeit genügend Material und Fälle zu haben. Und selbst dann kann es uns noch passieren, dass sich der eine oder andere Fall so entwickelt, dass wir nicht weiterkommen und aufgeben müssen. So sind nun mal die Realität und der Beruf des Anwalts.
teleschau: Die Gerichtsshows sind in Fernsehstudios entstanden. Wo spielt Ihre Sendung?
Leonora Holling: Da wir die Realität abbilden, spielt sie dort, wo die Dinge auch passieren. In meiner Düsseldorfer Anwaltskanzlei, manchmal besuche ich Mandanten zu Hause, reise zu Verfahrensgegnern, verhandle vor Gericht.
teleschau: Haben Sie bei manchen potenziellen Mandanten Skrupel, sie vor der Kamera auszustellen?
Leonora Holling: Solche Fälle gibt es. Oft sind es Menschen, die ganz viel Pech in ihrem Leben hatten, die zudem mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Wenn ich Bedenken habe, dass eine Behandlung eines Falles vor der Kamera dem Menschen mehr schadet, als nutzt, dann lehne ich ab.
teleschau: Wie sehr machen Sie Ihre Verfahren selbst betroffen?
Leonora Holling: Begegnungen mit Menschen, denen Unrecht widerfährt, nehmen mich immer mit. Ich bin der Meinung, dass ein Anwalt jemand ist, der Menschen hilft. Vielleicht kommt das in der öffentlichen Wahrnehmung heute etwas zu kurz. Ein Anwalt ist für mich immer auch ein bisschen Psychologe. Jemand, der sich in die Menschen einfühlen können muss. Wer bei dieser Arbeit seine Emotionen ausklammern kann, hat seinen Beruf verfehlt.
teleschau: Ist unser Rechtssystem eigentlich gerecht?
Leonora Holling: Leider gibt es mehr Unrecht als Recht. Man trifft unglaublich viele Menschen in diesem Beruf, denen Unrecht widerfährt. Das Recht an sich mag gut sein, aber das Problem ist die Umsetzung, die Auslegung des Rechts. Sie hat mit Menschen zu tun, und diese machen nun mal immer wieder Fehler.
teleschau: Dieses Fazit klingt sehr negativ ...
Leonora Holling: Wenn Sie mit Anwälten sprechen, werden Sie wenig andere Aussagen finden. Oft passiert jenes Unrecht, das meinen Mandanten angetan wird, nicht einmal böswillig. Manchmal sind es einfach nur unglückliche Zufälle und Sachzwänge, die da wirken. Hinzu kommt die personelle Überlastung der Gerichte, die ebenfalls zu Unrecht führt. Aber glauben Sie mir, ich sehe meine Arbeit sehr positiv. Früher wollte ich einmal Staatsanwältin werden, aber da hat man immer nur mit negativen Dingen zu tun. Als Rechtsanwältin kann man Menschen helfen. Ich finde, es gibt fast nicht Erfüllenderes im Leben.
