Immer mehr Klassen in Niedersachsen arbeiten multimedial

 - 25.02.2011

Smartboards ersetzen Schultafeln

Von Gesa Wicke
Achim·Osterholz-Scharmbeck. Jahrhundertelang haben Kinder von ihr abgeschrieben - von der guten alten Schultafel. Doch damit könnte nun bald Schluss sein, denn immer mehr Klassen auf elektronische Smartboards um, die den Stoff multimedial vermitteln.
Smartboard neben Kreidetafel: Die mulitmediale Tafel erobert auch die Klassenzimmer der Region.
Smartboard neben Kreidetafel: Die mulitmediale Tafel erobert auch die Klassenzimmer der Region.

Im Emsland hat jetzt die erste Schule Niedersachsens komplett zu computergestützten Lehrmitteln gewechselt. So weit ist man in den Klassenzimmern der Region zwar noch nicht - doch auch dort werden die elektronischen Hilfsmittel immer wichtiger.

"Die Kreidetafel ist out", findet Thomas Schmacker, Konrektor an der Haupt- und Realschule in Wiefelstede. Die Einrichtung verfügt über insgesamt elf Smartboards. Genutzt werden diese im normalen Fachunterricht, aber auch für die klassenübergreifende Projektarbeit - mit steigender Tendenz. "Die Smartboards bieten didaktisch und methodisch einfach riesige Vorteile", betont Schmacker. "Die Lehrer sind nicht mehr auf veraltete Bücher angewiesen, sondern haben für jedes Thema auch ganz aktuell Zugriff zu Informationen."

Sogenannte Smart- oder auch White-boards sind interaktive Tafeln, auf die per Beamer die Bildschirmansicht eines Computers projiziert wird. Auf der druckempfindlichen Oberfläche lässt sich dann, mit dem Finger oder einem elektronischen Stift, nicht nur schreiben und zeichnen. Lehrer und Schüler können auch jederzeit filmische oder grafische Animationen aufrufen, virtuelle Skizzen und Modelle anlegen oder spezielle Lernprogramme steuern. Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern bieten sich so zahlreiche Möglichkeiten, den Schülern spielerisch auch komplexe Phänomene wie etwa Schwerkraft und Beschleunigung, oder die Anziehungskräfte zwischen den Planeten vor Augen zu führen.

Berührungsangst bei Lehrern

Von den Vorteilen sind in Wiefelstede allerdings noch längst nicht alle Lehrer überzeugt. "Gerade bei den älteren Kollegen stelle ich immer wieder Skepsis und ein großes Informationsdefizit in Bezug auf die neuen Medien fest", sagt Schmacker. Eine völlige Umstellung auf die Technik sei daher in nächster Zukunft noch nicht absehbar. "Aber in fünf bis zehn Jahren halte ich das für durchaus realistisch", so die Einschätzung des Konrektors.

Berührungsängste mit den elektronischen Boards erlebt auch Susanne Robke häufig. Sie ist Informatiklehrerin an der Haupt- und Realschule in Osterholz-Scharmbeck und organisiert regelmäßig Fortbildungen, um Kollegen aus der gesamten Region im Umgang mit der neuen Technik zu schulen. "Digitale Tafeln sind stark im Kommen, weil viele Schulen sie erst kürzlich mit Mitteln des Konjunkturpakets II angeschafft haben", sagt sie. "Aber Lehrer brauchen oft viel länger, um damit zurechtzukommen, als die Schüler - die sind ja mit Computern aufgewachsen."

In Osterholz-Scharmbeck gibt es die Smartboards schon seit 2007, allerdings bisher nur drei Stück. Gleichzeitig bietet die Schule ab Stufe acht die Option, eine sogenannte Notebook-Klasse zu besuchen: Finanziert von den Eltern werden dort alle Schüler per PC unterrichtet - und verfügen zudem über ein eigenes Laptop. "Aber die neuen Medien sind kein Allheilmittel", betont Robke. "Nur wenn ich sie wirklich interaktiv einsetze, bieten sie Vorteile. Ansonsten läuft der Lehrer Gefahr, den alten Frontalunterricht bloß zu reproduzieren."

Bildungsforscher sehen den Vorteil von Computern als Unterrichtsmedien vor allem darin, dass Schüler Lerntempo und -strategie individuell bestimmen können. Davon profitieren nach Meinung vieler Experten vor allem schwächere Schüler. Immer wieder werden jedoch auch Stimmen laut, die den Einsatz der modernen Technik im Klassenzimmer eher skeptisch sehen. "Allein durch Computer und Smartboards lernt kein Kind besser", sagt etwa der Osnabrücker Erziehungswissenschaftler Wassilis Kassis. "Alle Versuche haben gezeigt, dass Computer nur Mittel sind", betont er. Die größten Herausforderungen in den Schulen sieht er in den Motivations- und Disziplinproblemen der Kinder - und dagegen könnte auch der modernste Computer nur begrenzt etwas ausrichten.

Digitale Technik kommt gut an

Ähnlich sieht das auch Reinhard Scheller, Stellvertretender Schulleiter am Cato Bontjes van Beek-Gymnasium in Achim. "Wir betrachten die digitalen Boards klar als Ergänzung, nicht als vollkommenen Ersatz", betont er. Ganz auf die gute alte Kreide-

tafel will er deshalb auch in Zukunft nicht verzichten - schon allein aus praktischen Gründen: "Sonst würde ja der Unterricht bei einem Stromausfall jedes Mal komplett zusammenbrechen."

Bei Schülern und Lehrern kommt die neuartige Tafeltechnik in Achim insgesamt gut an. 16 Whiteboards sind in den dortigen Klassenzimmern bereits installiert, 19 sollen es bis zum Sommer noch werden. "Und wir wollen über die Jahre noch weiter aufstocken. Denn ich glaube schon, dass sich die Geräte motivationsfördernd auf unsere Schülerschaft auswirken", so Scheller.

Mit dieser Meinung steht Scheller nicht allein da: Rund ein Drittel aller Schulen in Deutschland greift bei der Unterrichtsgestaltung mittlerweile auf Smartboards zurück, so die Schätzung von Experten. Im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder Kanada allerdings ist dies eine eher niedrige Zahl. Dort kommt die digitale Technik mittlerweile fast flächendeckend zum Einsatz.