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Neu im Kino: Das Euthanasie-Drama „Nebel im August“ erinnert an das Ausleseprogramm der Nazis
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Barbiturate im Himbeersaft

29.09.20160 Kommentare
Kinostart - "Nebel im August"
Ambivalente Beziehung: Ernst (Ivo Pietzcker) und Klinikleiter (Sebastian Koch). (Studiocanal Filmverleih, dpa)

Jetzt ist der badische Beau mit dem löblichen historischen Aufklärungsfaible in einem ambitionierten Spielfilm zu sehen, der das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten anhand einer einschlägigen Kliniknahaufnahme thematisiert. Mehr als 200 000 kranke, behinderte und verhaltensauffällige Menschen ließ das Regime töten. So wie Ernst Lossa, den die Akten als „asozialen Psychopathen“ und „Zigeuner“ mit „angeborener Stehlsucht“ führten – und dessen Leben und Sterben das Drama „Nebel im August“ vorführt.

Nach dem gleichnamigen Buch, einem realitätsnahen Jugendroman von Robert Domes aus dem Jahr 2008, erzählt Regisseur Kai Wessel die Geschichte des Teenagers Ernst, Spross eines Jenischen und Hausierers. Obwohl der Junge keine Beeinträchtigung hatte, wurde er 1933 als Kleinkind seinen Eltern weggenommen und ins Heim gesteckt. 1942 kam er in eine Heil- und Pflegeanstalt; 1944 wurde er in der Klinik mit Gift getötet. Wessel illustriert Ernsts letztes horrendes Lebensjahr. Es fällt in eine Phase, in der die Nazis allenthalben im großen Stil säubern, um angesichts sich häufender militärischer Rückschläge wenigstens ihre Auslesepolitik effizient zu gestalten.  

Es verwundert nicht, dass Domes‘ literarische Vorlage an vielen Schulen zur Unterrichtslektüre zählt. Die solide recherchierte Geschichte hat einen sympathischen Protagonisten, den Ivo Pietzcker (bekannt aus ­Edward Bergers Familiendrama „Jack“) im Film auf dem schmalen Grat zwischen Anpassung und Aufbegehren verkörpert. Rasch merken Ernst und seine fallsüchtige Leidensgenossin Nandl (Jule Hermann), dass in der Einrichtung immer öfter Kinder versterben, die zuvor mit Himbeersaft verquirlte Barbiturate zu sich genommen haben. Eine Verbündete finden die Kinder in Oberschwester Sophia, sehr zurückgenommen gespielt von der formidablen Fritzi Haberlandt. Doch Klinikleiter Veithausen (Sebastian Koch), der sich kinderlieb und verständig gibt, ist gewillt, seinen Anteil am Euthanasie-Programm zu erfüllen. Einen Mörder mit sanftem Auftreten gibt Koch. Er steht für das Grauen des Zuschauers eingedenk einer Barbarei, die sich als kultiviert tarnte.

Kai Wessels Stück aus dem Tollhaus ist toll besetzt – David Bennent brilliert in der Rolle des Patienten Oja –; politisch und ­historisch korrekt ist es zudem. Dennoch dürfte das lehrreiche Anschauungsmaterial zumindest erwachsene Zuschauer nur bedingt packen, weil dramaturgisch und ästhetisch geschludert wurde. Doch sind klischierte Bilder und leerlaufende Erzählstränge wohl kein tragender Einwand gegen ein immer noch und immer wieder notwendiges Werk. Insofern und immerhin: „Nebel im August“ ist für Jugendliche sehr geeignet.


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