
Auch aus dem innerstädtischen Bild Bremens verschwinden allmählich jene Warenhäuschen, auf deren meist unebenen Regalen Würstchendosen und Doppelkorn, Damenbinden und Schokoriegel friedlich koexistieren. Da ist es ungemein löblich, dass die Schwankhalle schon seit Jahren dieser Tradition die Treue hält, indem sie unter dem Leitwort "Kunst-Freiraum-Stadt" im Buntentor künstlerische Interaktionen im öffentlichen Raum betreibt. Dabei legen die beteiligten Programmmacher und Künstler besonderes Augenmerk auf die Kioskkultur.
Gegenwärtig bauen die Künstler Anja Fußbach und Tobias Lange im Auftrag der Schwankhalle einen mobilen Kiosk für neue Aktivitäten. Das Forum trägt den schmucken Namen "Dat Küken". Sein, nun ja, Schlüpfen ist für das kommende Wochenende anberaumt. Ort der Entbindung im Namen einer neu erstarkenden Kioskkultur ist der St.-Pauli-Deich auf Höhe der Städtischen Galerie. Die neu geschaffene Miniaturbühne schließt insofern nahtlos an die deutsche Kioskkulturgeschichte an, als sie vor allem ein Kommunikationszentrum sein soll, in dem verschiedene Lebens- und Alltagskulturentwürfe in kreativer Weise aufeinandertreffen.

Dieses Küken ist gewissermaßen Nachwuchs und Ableger der sogenannten Huckelrita. Jenes Deichschartkiosks, welcher der Schwankhalle insofern als "große alte Dame des Quartiers" gilt, als die Einrichtung, wäre sie denn ein Mensch, alle Sorgen, Nöte und Träume der Huckelrieder aus dem Effeff kennen würde: Im Herbst des vergangenen Jahres luden die Betreiber von Huckelrita zu Unternehmungen am Deichschart ein – darunter zu so abenteuerlichen Aktivitäten wie Freiluftfrisieren, Stand-up-Paddeln, Insektenspeisungen und Deichschart-Bingo.
Als sich die Schwankhalle als Huckelrita-Mentorin gegen die Anmietung des festen Kiosks am Deichschart entschied – den übernimmt nun in Kooperation mit der Zirkusschule Jokes der Beschäftigungsträger "Arbeiten für Bremen" –, wurde in der Neustadt das Vorhaben geboren, "Dat Küken" aus der Taufe zu heben. Zu diesem Behuf wollen Janine Claßen und Jan Fritsch als Platt schnackende Kioskbetreiber unterschiedliche Standorte in Bremen anfahren, um dem Publikum alltagskulturelle Inspiration angedeihen zu lassen.
Die Geburt dieses Marktes der Möglichkeiten, Meinungen und Spiele wird am Sonnabend und Sonntag, jeweils in der Zeit von 10 bis 18 Uhr mit großem Kulturprogramm an der kleinen Weser gefeiert – unter anderem tritt die Performancekünstlerin Cora Frost auf (das ausführliche Programm findet sich auf der Internetseite www.schwankhalle.de). Das Projekt wird aus Eigenmitteln des Künstlerhauses sowie aus Beirats- und Impulsmitteln finanziert. Für die vorgesehenen Gastspiele des mobilen Kiosks in diversen kleinkunstbedürftigen Stadtteilen Bremens werden nahrhafte und nostalgische Kultursnacks verheißen – darunter "Patenschaften für sterbende Kulturgüter, Wörter und Bräuche".
Eingedenk des nicht nur in Bremen, sondern bundesweit ruchbaren Kioskschwundes ist es überdies tröstlich, dass die Büdchen-Besuche einer alten Dame bereits vor knapp zehn Jahren in ein engagiertes Plädoyer für den Erhalt eines architektonischen Juwels mündeten: In dem Buch "Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort. Vom Lustpavillon zum kleinen Konsumtempel" (Jonas Verlag, Marburg, 240 Seiten, 20 ) entwarf die bei Erscheinen der Studie bereits 80-jährige Berliner Soziologin Elisabeth Naumann eine Typologie des Verkaufshäuschens, in der zugleich eine anrührende Sozialutopie aufschien. Treffen doch am Kiosk Menschen aus unterschiedlichsten Kreisen zusammen. Menschen, die zunächst nur und immerhin der Wunsch nach rascher Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse eint.
Schwätzchen und Süßigkeiten
Das mögen Süßigkeiten sein oder auch Spirituosen, Zeitungen oder Zigaretten. In fast jedem Einkaufsfalle erwirbt der Kunde zusätzlich zum gewünschten Produkt kostenlos weitere existenzielle Güter: etwa ein Schwätzchen übers Wetter, aufmunternde Worte bei Krankheit oder Familienkrach – und Einschätzungen der politischen Lage unter ständiger Berücksichtigung der Finanzmisere Bremens. Viele Kioskbetreiber, schreibt Elisabeth Naumann, würden sich während der Öffnungszeiten weniger als Geschäftsleute denn vielmehr als Kummerkastenonkel oder auch -tante verdingen. Was eingedenk ihrer Einzwängung in einen engen Raum – siehe das eingangs erwähnte klaustrophobische Schicksal des bedauernnswerten Herrn Lühmann – ein ungemein stimmiges Bild ist.
Was Frau Naumann bei Veröffentlichung ihres Buches überhaupt nicht goutierte, war übrigens die ihr von der Regenbogenpresse ehrenhalber verliehene Bezeichnung "Frau Dr. Currywurst". Die klebte an der früheren Volksschullehrerin wie Ketchup am Burger, nachdem sie ihre Dissertation abgegeben hatte, die Grundlage für das Buch war. Dabei bildeten Schnellimbisse zwar einen Schwerpunkt, waren aber keineswegs der einzige Aspekt der Arbeit. Denn mehr noch als um die Güte von Würsten und der eigens für die Dissertation gestoppten Durchschnitts-Essdauer ging es der Frau aus Berlin-Wilmersdorf seinerzeit um die Tauglichkeit der Buden als Begegnungsstätten. Insofern war das Thema für Naumann auch Vergangenheitsbewältigung. In seiner Kindheit nämlich durfte der Arztspross keine Kioske aufsuchen. Das gehöre sich nicht für eine Gutbürgerliche, beschied ihr Vater.
Dieses Versäumnis an gelebter Kiosk-Erfahrung holte die Seniorenstudentin nach. Sie recherchierte vor Ort. Berlin-, deutschland-, europaweit. Und folgte damit der wissenschaftlichen Feldforschung, die eine teilnehmende Beobachtung zum Prinzip der Recherche erhebt. Ess- und Trinkgewohnheiten sowie Verweildauer an den Buden – nach Geschlechtern, Alter und sozialer Herkunft aufgeschlüsselt – fanden ebenso Eingang in die Studie wie die Frage, was die Faszination des Kiosks ausmacht.
Für Elisabeth Naumann besteht der Lustgewinn, zumal bei Imbissen, in einer "unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung bei minimalem Zeiteinsatz". Zugegeben, die Lektüre ihres Buches erfordert ungleich mehr Zeit als das Verspeisen einer Currywurst oder einer bunten Tüte. Dafür aber ist sie befriedigender als der schnelle kulinarische Kiosk-Kick. Und sie setzt überdies verdienten Weingummi- und Lakritz-Dealern wie Herrn Lühmann ein Denkmal, dessen ideelles Erbe am Wochenende die Bremer Schwankhalle antreten will.





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