
Grohn. Die Grohner Düne wird einmal mehr verkauft – diesmal als Teil eines milliardenschweren Immobilienpakets. Die Bewohner nehmen es gelassen. Entweder weil sie nichts vom Übernahmekarussell wissen. Oder weil sie sich schon an den Umstand gewöhnt haben, dass der Komplex in unregelmäßigen Abständen von Konzern zu Konzern gereicht wird.
Auf den Briefkästen am Eingang findet sich ein unfreundlicher Spruch, der sich an die Polizei richtet. Über einem der Haustür-Spione hat jemand eine Pistole geklebt. "Ich bin bei Smith & Wesson versichert", steht darunter. "Die Gegend wird von Außenstehenden als kriminell bezeichnet, als schlimme Zone", berichtet die Schülerin Nuriye. "Es ist aber nicht so. Im Gegenteil, die Bewohner sind hier zufrieden."
Die 18-Jährige steht an diesem Vormittag in dem kleinen Kiosk in der Ladenzeile vor der Grohner Düne. Sie ist in der Düne aufgewachsen und hilft regelmäßig im Laden aus. Die einzige Klage, die sie hinter ihrem Tresen mit den Kisten voller Süßigkeiten zu hören bekäme, betreffe die Mieten. "Die sind hier zu hoch, sagen viele", erzählt Nuriye. Dass aktuell die börsennotierte Gesellschaft Deutsche Wohnen AG mit Sitz in Frankfurt am Main die Wohnungen von der Eigentümerin "Barclays Capital" aus London übernimmt, hat sie nicht mitbekommen.
Nach Abschluss der Transaktion könnte die Düne zu einem Immobilienportfolio von mehr als 70000 Wohneinheiten gehören – oder weiterverkauft werden. Der Alltag in der Düne läuft davon unbeeindruckt weiter. Für die Mieter ändere sich nichts, hatte die Hausverwaltungsfirma Prelios mitteilen lassen. Ilham Jazaerli aus dem zehnten Stock schert der Besitzerwechsel ohnehin wenig: "Die Düne wurde schon mehrere Male verkauft. Es hat sich nichts geändert."
Die 68-Jährige hält die Tür zu ihrer hübschen Wohnung einladend auf. Hinter ihr ranken rote Blumen-Aufkleber an einer grünen Flurwand. "Wollen Sie Kaffee?" Es sei der Schmutz in den umliegenden Straßen, der die sechsfache Mutter aus dem Libanon hier am meisten nervt, erzählt sie später. "Überall Zigarettenkippen", meckert sie bei einem Gang über den Innenhof. Grünspan scheint die Wände des Betonklotzes hinaufzukriechen. Das Kabäuschen des Concierges ist noch verwaist.
"Die Düne ist kein Ort der Glückseligkeit", sagt Rainer Dreier von der Polizei. Sechs Raubüberfälle registrierten die Beamten nach seinen Worten 2011 in dem Gebiet, zu dem drei Straßenzüge gehören. In den Block selbst wurden die Beamten vergangenes Jahr 14 Mal wegen Lärmbelästigung, 43 Mal aus anderen Gründen gerufen. Die Zahl der Straftaten sei in den vergangenen fünf Jahren konstant geblieben, sagt Dreier. "Ausreißer gibt es da nicht."
Hoffen auf Förderprogramm
Es gab schon bessere Zeiten. 2003 als die Grohner Düne ihren 30. Geburtstag feierte. Da präsentierte sich das Objekt der Neuen Heimat im neuen Glanz. Für damals 18,5 Millionen Mark war das Gebäude aus den Siebzigerjahren in einer konzertierten Aktion der öffentlichen Hand und des Eigentümers aufgemöbelt worden. Ein Überwachungssystem mit Concierge und 18 Kameras wurde geschaffen. Und es wurde ein Bewohnertreffpunkt mit Erika Storck-Treudler als Betreuerin installiert, nachdem Zerstörung und Kriminalität die Düne zum Brennpunkt hatten werden lassen.
Auch an diesem Tag sitzen Mieter auf der Wartebank vor Storck-Treudlers Büro. Die Frau, die hier mit ihrem blonden Haar auffällt, kümmert sich um alle Sorgen. "Wenn Erika nicht wäre, wäre ich schon längst wieder im Irak", meint Intisar Haji Hassan. Die junge Mutter wohnt seit anderthalb Jahren in der Düne und will in Kürze Deutsch im Treffpunkt lernen. Derzeit muss Mitarbeiterin Nawal Abo für sie übersetzen. Wegen der Angebote in der Düne fühle sie sich hier wohl, sagt Haji Hassan. In den Räumen ist auch eine Beratung für Alleinerziehende zu finden.
Ob der Bewohnertreff in der jetzigen Form bleibt, ist offen. Fraglich sei, ob die neuen Eigentümer die Sozialarbeiter-Stelle refinanzierten, sagt Sozialzentrumsleiterin Beate Garbe. Die Finanzierung sei an eine Förderung durch das Programm Wohnen in Nachbarschaften gekoppelt: Fließt ab 2013 kein Geld mehr für soziale Projekte, werde der Konzern kaum eine Sozialarbeiterin bezahlen wollen, meint Garbe. Wie geht es also weiter mit der Grohner Düne? "Wir haben uns geschworen, dass wir den Bestand erhalten", berichtet Garbe aus einer Zukunftswerkstatt.
Es gibt derzeit viele Gesprächsrunden der Behörden zur Düne. Es geht um Großfamilien, um das Image der nahe gelegen Schule am Wasser und die Situation auf dem Bahnhofsvorplatz. Das örtliche Netzwerk hat begonnen, die Zukunft der Menschen in den Hochhäusern zu planen.











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