
Vegesack. "Wo sind denn alle?" , fragt ein junger Mann mit Zopf. Er will seinen Pass verlängern. Das ist im alten Ortsamt schon länger nicht mehr möglich. Die Räume sind leer gefegt. Nur die Büroleuchten erinnern an die vorherigen Nutzer. Nach der Privatisierung sollen hier Wohnungen entstehen.
Immobilien Bremen hat das denkmalgeschützte Gebäude im vergangenen Jahr an der Weserstraße nach eigenem Bekunden für mehr als 900000 Euro an die Hansegrund Bremen GmbH verkauft. Hansegrund will in dem Haus Luxuswohnungen schaffen, die ab 2013 bezugsfertig sind. Wie viele es werden, hänge ganz von den Kundenwünschen ab, sagte gestern Mitinhaber Guido Böning bei einem Rundgang.

"Wir haben pro Etage 420 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung", erläuterte er. Böning wurde dabei nicht müde, auf historische Details wie den Marmorkamin und die Stuckdecken hinzuweisen, die allesamt erhalten bleiben sollen. "Auch im Erdgeschoss ist die Weser zu sehen", warb er. Allerdings müssen es die Nutzer hier in Kauf nehmen, dass der gepflasterte Bogengang vor der Terrasse als Teil des Stadtgartens öffentlich bleibt.
Im Dachgeschoss haben Arbeiter begonnen, die abgehängte Decke zu entfernen. "Es ist alles mit dem Denkmalschutz abgestimmt", versicherte Böning. Die neuen Eigentümer hoffen, beim Freilegen weitere Schätze der Vergangenheit zu entdecken. Insgesamt will Hansegrund eine "deutlich siebenstellige Summe" (Böning) investieren. Was die Wohnungen später kosten werden, ließ der Mitinhaber offen.
Gern hätte es Hansegrund gesehen, wenn die Stadt ihre Steinskulpturen beim Auszug vergessen hätten. Die barocken Figuren, Herkules und Zeus, die über Jahrzehnte das Bild der Villa prägten, waren kürzlich im Auftrag des Kulturressorts abgebaut worden. Nach den Worten von Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt (SPD) sollen die Figuren demnächst einen Platz im Rosarium im Stadtgarten erhalten.
Dornstedt schaute gestern noch einmal aus dem Fenster seines früheren Büros. Den Blick auf Stadtgarten und Weserwellen konnte er schon seit vergangenem Jahr nicht mehr genießen – damals war das Ortsamt ins neue Stadthaus an der Gerhard-Rohlfs-Straße umgezogen. Heiraten konnten Paare noch bis Ende Mai in der geschichtsträchtigen Villa. Auch an diesem Tag verirren sich gleich mehrere Bürger irrtümlich ins alte Ortsamt. "Was in den Köpfen drin ist, weil es über 60 oder 70 Jahre so praktiziert wurde, kann man nicht mit einem Knopfdruck ändern", meinte Dornstedt.
In der Bauakte der Villa taucht nach Recherchen des Bremer Denkmalschutzes erstmals 1938/39 die Bezeichnung "Stadthaus Vegesack" auf. Nach Worten des Bremer Denkmalpflegers Rolf Kirsch blieb die Villa, die die Kaufmannsfamilie Fritze 1922 an die Grundstücksgesellschaft Weserhaus verkauft hatte, von da an auch im Besitz der öffentlichen Hand. Nur kurzzeitig wurde sie als "Club Weserhaus" genutzt, wobei die Art der Nutzung noch heute unklar ist. Und als Tanzschule.
Die 1876 erbaute Villa, die zwischen Villen der Gründerzeit und Kapitänshäusern am Weserhang steht, ist nach den Worten des Bremer Denkmalpflegers Rolf Kirsch die aufwendigste Villa in Vegesack. "Sie ist, nicht zuletzt auch durch ihre noch vorhandenen Nebengebäude, das herausragendste Zeugnis großbürgerlicher Wohnkultur in Vegesack und damit ein hochrangiges Kulturdenkmal", so Kirsch. Verantwortlich zeichnete für die Villa der Bremer Architekt Heinrich Müller.
"Bevor hier eine Bausünde entsteht, ist es besser so", kommentierte gestern Eberhard Fritze (78), Nachfahre des Villen-Erbauers, die Wohnungsbaupläne. Es sei sein Urgroßvater Johannes gewesen, der die Villa erbauen ließ: "Ich glaube, weil er seine Schiffe auf der Weser fahren sehen wollte."











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