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Bunker Valentin in Bremen Wulf Böcker erforscht Tanklager

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Wuld Böcker im Gespräch mit Sandra Kern, die für die Öffentlichkeitsarbeit des Bunker Valentin zuständig ist. 

Der Politikwissenschaftler Wulf Böcker ist ein „Guide“ beim Denkort Bunker Valentin. Der Bockhorner hat die „Wifo“-Geschichte zu einem seiner Steckenpferde erklärt. 

Das gut getarnte Treibstoffdepot – mit seinem Bau wurde 1938 begonnen – war das damals reichsweit größte. Insgesamt bauten die Nazis zehn davon. Neben dem Bunkerbau in Farge entstand also ein weiterer gigantischer Rüstungsbetrieb direkt vor der Haustür der Nordbremer. Anders aber als die Geschichte des Bunkers drang in den vergangenen Jahrzehnten viel weniger über den Wald und das Tanklager an die Öffentlichkeit. Das soll gewollt gewesen sein, denn noch nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem die Bundeswehr das Gelände übernommen hatte, war das Treibstoffreservoir zu Zeiten des Kalten Krieges militärisch relevant.

Wer heute den Begriff Wifo-Wald in den Mund nimmt, weiß oft gar nicht mehr, was es damit auf sich hat. Wulf Böcker weiß es um so besser. Es ist keine schöne Geschichte. Sie hat mit Krieg, Verfolgung, Zwangsarbeit zu tun, mit Wegsehen, wie beim Bau des Bunkers Valentin auch. Es gebe Bremer, die sich gegen den Namen Wifo-Wald sträuben und ihn Lüssumer Wald genannt wissen wollen, erzählt Böcker.

Seine Augen hinter der Brille mit Goldrand blitzen, als er beginnt, über sein Steckenpferd zu erzählen. Und beileibe – es gibt viel zu erzählen. Wer weiß schon noch, dass das riesige Gelände in Lüssum vor dem zweiten Weltkrieg als Naherholungsgebiet der Stadtbremer diente? „Ein Tag in der Heide war damals für die Städter ein beliebter Ausflug“, sagt Böcker.

Planungen begannen 1934

Doch 1934 wurde alles anders. Mit Gründung der unter der harmlosen Bezeichnung, dem Tarnnamen Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft, kurz Wifo, begannen die Nationalsozialisten mit den Planungen des Großtanklagers in Lüssum. Dort sollte Treibstoff für das Heer und die Luftwaffe gelagert werden. Mit dem Bau wurde das Unternehmen Tesch aus Berlin beauftragt, das ihr Personal zunächst aus Fremdarbeitern bezog und mit Kriegsbeginn auch Zwangsarbeiter, meistens Russen, zur Baustelle holte.

1937 richtete die Firma zunächst ein Aufenthaltslager für Firmenmitarbeiter am Waldweg (heute An de Deelen) in Lüssum ein. „Die Arbeiter waren im Vergleich zu anderen Gruppen noch weniger eingeschränkt: Sie gingen ohne Begleitung zur Baustelle, behielten ihre Zivilkleidung und durften sich relativ frei bewegen“, so ist es in einschlägiger Literatur nachzulesen. Gegen Kriegsende sollen rund 2000 Menschen in dem Lager untergebracht gewesen sein.

Die Heidelandschaft in Farge/Lüssum war zunächst eine strategisch günstige Lage für den Bau des gigantischen Kraftstofftanks, konnte das Material doch mittels Binnenschiffen über die Weser weiter Richtung Front transportiert werden. Problematisch wurde es erst im weiteren Verlauf des Krieges: Die Fronten lagen immer weiter entfernt, die Beschaffung von Treibstoff aus Bremen-Nord dorthin gestaltete sich immer schwieriger.

Dabei hatte das braune Regime mit der Errichtung der Tanks mächtig geklotzt: Alles in allem fasste das unterirdische Tanklager in seinen Stahlzylindern unglaubliche 320 000 Kubikliter Treibstoff.

Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Eingezäunt war das Gelände bereits nach dem Krieg und ist es auch heute noch. Mittlerweile befindet sich das Tanklager in Privatbesitz – momentan regiert im Wifo-Wald die Firma Tanquid.

Schon als Kind hatte sich Wulf Böcker die Nase am Zaun platt gedrückt. Was ist bloß dahinter? Erste Antworten lieferten seine Eltern, aber das war dem Heranwachsenden nicht genug. Er wollte mehr wissen. Im Jahr 1983 war es, als der gebürtige Farger zum ersten Mal eine Führung mitmachte, damals noch organisiert von der VVN, dem Verein der Verfolgten des Naziregimes. Von der Tour war der damals 17-Jährige „schwer beeindruckt“. Beeindruckt von der Gigantonomie der Rüstungsbetriebe in Bremen-Nord und beeindruckt davon, dass sich das alles, was er bisher nur aus Geschichtsbüchern kannte, direkt vor der Haustür abgespielt hatte.

Massengrab am Waldrand

Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge gehörten für die Farger, Lüssumer, die Schwaneweder und Blumenthaler damals zum Alltag. Obwohl es sich bei dem Lager „Tesch“ nicht wie im Fall der Bunkerbaustelle um ein KZ-Außenlager handelte, sondern um ein Arbeitslager für Kriegsgefangene, stand auch dort das tägliches Leid im Vordergrund. An den Rändern des Wifo-Waldes gilt die Existenz eines Massengrabes als gesichert, ein zweites wird vermutet. Dort sollen die zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter von der Bunkerbaustelle, des Marinetreibstofflagers und auch die Opfer des Lagers Tesch verscharrt worden sein. Von solchen Dingen erfuhr Wulf Böcker im Laufe der Jahre auf Führungen, von Zeitzeugen – und von Rainer Habel.

Der Bremer Verwaltungsbeamte entdeckte im Jahr 1975 in alten Parlamentsprotokollen eine Große Anfrage an den Senat nach Massengräbern in der Farger Heide. Er war es, der das Schicksal der Zwangsarbeiter in Farge in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit rief und auch an die Geschichte des Tanklagers erinnerte. Habel, der die Initiative „Blumen für Farge“ aus der Taufe hob, starb 2002. Und Wulf Böcker ist es, der seinen Nachlass verwaltet.

Der Politikwissenschaftler fühlt sich ein Stück weit verpflichtet, seinen Beitrag zur Aufklärung über die Verbrechen der Nazis hier im Nordbremer Raum zu leisten. Nicht zuletzt deshalb ist er seit geraumer Zeit ein „Guide“ für den Denkort Bunker Valentin. Eine Arbeit, die ihm viel wert ist.

Sind die Spuren des Tanklagers auch verwischt, ist es trotzdem allgegenwärtig. Zumindest viele Farger erleben die Auswirkungen der einstigen Rüstungsmaschinerie täglich aufs Neue, wenn sie ihre Blumen mit Grundwasser gießen wollen.

Es ist schon mehr als drei Jahre her, als das Bremer Umweltressort eine Warnung an die Bewohner von 13 Straßen in Farge ausgesprochen hatte, auf die Verwendung von selbst gefördertem Grundwasser aus Brunnen zu verzichten. Das Grundwasser dort ist mit BTEX kontaminiert – sprich mit Giftstoffen wie Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylote. Verursacher ist eben das Tanklager in Farge.

Die Schadstoffe sollen bereits in den 60-er und 70-er Jahren in das Erdreich gelangt sein. Böcker hingegen macht eine Granate, die 1945 eigentlich den U-Boot-Bunker Valentin treffen sollte, allerdings in eine Zone des Tanklagers einschlug, dafür verantwortlich.

Im September 2010 hat die Bundeswehr damit begonnen, in 13 Meter Tiefe das Grundwasser zu reinigen. Jeden Tag rund um die Uhr laufen auf dem Gelände des Tanklagers Farge die Maschinen. Wie lange die Farger ihr Grundwasser nicht benutzen sollen, steht in den Sternen.

Ulrich Wessel vom Umweltressort geht davon aus, dass die Warnung der Behörde noch während der nächsten 20 Jahre bestehen bleibt. Nun bleibt zu hoffen, dass die Erinnerung an die unrühmliche Geschichte des Wifo-Waldes nicht in Vergessenheit gerät. 




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