
Schwachhausen. Ein Dutzend Fahrradfahrer begab sich unlängst auf eine ganz spezielle Spurensuche. Die Kulturwissenschaftlerin Kim Annakathrin Ronacher steuerte mit den Teilnehmenden Orte an, an denen noch heute Zeugnisse des Kolonialismus im Stadtbild auftauchen – Orte, die auch eng mit der kolonialen Vergangenheit Bremens verbunden sind. Die Radtour durch Schwachhausen und die Bahnhofsvorstadt wurde im Rahmen der Tagung "Afrikabilder" der gewerkschaftlichen Bildungsvereinigung "Arbeit und Leben" und der Universität Bremen angeboten, die sich mit Alltagsrassismus beschäftigte.
"Überall in Bremen sind unterschiedliche koloniale Spuren deutlich sichtbar", berichtet Tourleiterin Kim Annakathrin Ronacher. Sie hat sich intensiv mit Rassismus beschäftigt und zu den einzelnen Spuren recherchiert. Manche seien Zeugnis, andere Ehrungen und einige auch Verharmlosung.

Als erstes Beispiel führt Ronacher Hermann Henrich Meier an, nach dem die H.-H.-Meier-Allee benannt ist. Der Bremer Geschäftsmann und Politiker war Mitbegründer des Norddeutschen Lloyds im Jahr 1857. "Sein Leben ist eine Erfolgsgeschichte, auf die man in Bremen stolz ist", weiß Ronacher. Es werde jedoch oftmals vergessen, dass der Norddeutsche Lloyd durch den Export und das Auswanderergeschäft auch eng mit dem Kolonialismus verbunden gewesen sei.
Während der Zeit des transatlantischen Dreieckshandels wurden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein afrikanische Sklaven nach Amerika verschifft. Sklavenhändler aus Europa tauschten an der afrikanischen Küste europäische Manufakturwaren wie Textilien, Werkzeuge, Feuerwaffen, Metall- und Glaswaren gegen Sklaven. Diese Menschen wurden auf Schiffen nach Amerika gebracht, wo sie auf Zuckerrohr-, Baumwoll-, Kaffee-, Kakao- und Tabakplantagen sowie in Bergwerken arbeiten mussten. Die Händler kauften dann die Produkte und Rohstoffe dieser Plantagen und Minen und verkauften sie in Europa mit Profit weiter.

Der Begriff "Dreieckshandel" sei problematisch, weil er immer noch ausdrücke, dass Menschen eine Handelsware sein könnten, erläutert die Kulturwissenschaftlerin. Und sie betont: "Ich sage nicht, dass Herr Meier ein schlechter Mensch gewesen ist. Seine Rolle verdeutlicht aber sehr gut, wie eine ganz normale Reederei untrennbar mit dem Kolonialismus verbunden ist, diesen unterstützt und davon profitiert hat."
Anschließend radelt die Gruppe die Emmastraße entlang, vorbei an der Vogelsangstraße und macht dann unter einem großen Ahornbaum in der Lüderitzstraße halt. "Dieses Straßenensemble wurde nach Menschen benannt, die sich kolonial engagiert haben", sagt Ronacher.

Heinrich Vogelsang erwarb 1883 im Auftrag von Adolf Eduard Lüderitz Land im heutigen Namibia. 1884 wurde das Gebiet unter Reichsschutz gestellt. "Dies markiert den Einstieg Deutschlands in den Kolonialismus", erklärt Ronacher. "Der Schutz galt damals nicht den Afrikanern, sondern den kolonialen Truppen im Land."
Lüderitz sei als Begründer der Kolonie Deutsch-Südwestafrika als Held der Stadt Bremen verehrt worden, berichtet Ronacher. "Es ist skandalös, dass die Straße noch nicht umbenannt worden ist", meint sie. Auch nach der Frauenrechtlerin Hedwig Heyl ist eine Straße benannt worden. Diese war laut Ronacher eine "konservative und nationalsozialistische Frau". Heyl war Vorsitzende des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft, ein Zweig der Deutschen Kolonialgesellschaft. Diese fungierte ab 1887 als Lobbyorganisation des Deutschen Kolonialismus. Heyl habe unter anderem eine Hetzkampagne gegen Ehen zwischen Weißen und Schwarzen in den deutschen Kolonien geleitet.

"Initiativen zur Umbenennung solcher Straßen, wie es sie auch in anderen Städten immer wieder gibt, sind ganz wichtig", sagt Ronacher. Die Suche nach diesen Spuren höre nicht auf: "Die Stationen, die wir heute besuchen, sind nur ein minimaler Ausschnitt". Auch in Walle beispielsweise gebe es Straßen, die nach gewalttätigen Kriegsführern und Kolonialisten benannt sind.
Nächste Station ist der Backstein-Elefant, heute Antikolonialdenkmal, nahe dem Hermann-Böse-Gymnasium. Das Mahnmal wurde 1932 ursprünglich als "Reichskolonialehrendenkmal" eingeweiht und ist erst 1989 umgewidmet worden. Für Ronacher verdeutlicht das Mahnmal, dass die Abgabe der deutschen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg nicht als Bruch verstanden wurde, sondern das Streben nach der Rückgabe der Kolonien zeige.
Dann besucht die Gruppe den Hauptbahnhof. In der Eingangshalle befindet sich über den Anzeigentafeln ein riesiges Mosaik von 1957. Es wurde von der Bremer Tabakfirma Martin Brinkmann gestiftet. Auf dem Mosaik ist ein weißer Matrose zu sehen, der eine afrikanische Maske hochhält. Im Hintergrund fährt ein Segelschiff. Diese Szene zeige Prozesse kolonialer Ausbeutung sehr offen, so Ronacher: "Denn viele dieser Masken wurden geraubt oder zu einem lächerlichen Preis erworben."
Anregungen fürs Überseemuseum
Diese Problematik sieht die Kulturwissenschaftlerin auch bei einigen Ausstellungsstücken im Überseemuseum. Dieses wurde 1896 als "Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde" eröffnet. "In den seltensten Fällen kann man davon ausgehen, dass die ausgestellten Gegenstände der Sammlungen, die im 19. Jahrhundert in das Eigentum der Stadt Bremen übergingen, durch fairen Handel erworben worden sind", sagt Ronacher. Sie vermisse eine Angabe über die Geschichte des Erwerbs jedes dieser Ausstellungsstücke und Tafeln, die das Ausstellungsstück in den kolonialen Kontext stellen.
Zum Abschluss der Tour diskutieren die Teilnehmer über Möglichkeiten, wie bestimmte Straßen umbenannt werden könnten. Eine Idee ist, die Straßen nach Widerstandskämpfern gegen den Kolonialismus zu benennen. Eine andere, dass die Straßennamen beibehalten, jedoch mit Erläuterungstafeln versehen werden. Diese sollen Zeugnis sein und gleichzeitig erklären, um wen es sich handelt. Ronacher: "Ich finde, dass bisher mit dem Thema verhalten umgegangen wird, und ich bin immer wieder überrascht, wie allgegenwärtig der Kolonialismus ist." Die ungenügende Auseinandersetzung führe dazu, dass bestimmte Blickweisen des Kolonialismus nicht gebrochen würden.











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