Strom. Ein frühes Foto von 1920 belegt das Familienidyll mit Gasthaus und Fährbetrieb an der Ochtum. Es gibt keinen Hinweis auf die politischen und sozialen Spannungen im fünf Kilometer entfernten Bremen nach dem Ersten Weltkrieg. In der Serie zu Kindheit und Jugend in Bremen im 20. Jahrhundert wird das Bild in den historischen Zusammenhang eingeordnet. Was gibt es preis über das alltägliche Leben von Kindern und Jugendlichen im Bremer Umland?
Der 2011 verstorbene Historiker Herbert Schwarzwälder, dem Bremen zahlreiche Bücher über die eigene Geschichte verdankt, schreibt, dass die November-Revolution die Hansestadt erst in der Endphase des Ersten Weltkriegs erreichte. Die Umwandlung des Deutschen Reiches zur Weimarer Republik nahm ihren Lauf. Turbulente politische Umwälzungen, Hunger, Arbeitslosigkeit, Epidemien prägten das Leben in der Hansestadt in der Nachkriegskrise bis 1923. Besonders die kinderreiche Bevölkerung aus den Armenvierteln wie dem Schnoor war betroffen.
Nach der Krise setzte der wirtschaftliche Aufschwung ein, bekannt unter der Bezeichnung die Goldenen Zwanziger Jahre. Für Bremen bedeutete das beispielsweise erste Linienflüge vom Flughafen und die Gründung der Autofabrik Borgward. Auch kulturell und künstlerisch galten die Folgejahre als Blütezeit. Diese Glanzzeit beendete die Weltwirtschaftskrise von 1929. Auch in Bremen entstanden erneut soziale Spannungen, die letztlich zu einer politischen Radikalisierung führten, die 1933 in den Nationalsozialismus mündeten.
Von all diesen historischen Begebenheiten erzählt eine alte Fotografie aus dem Archivfundus des Zentrums für Medien, Große Weidestraße 4-16, rein gar nichts. Der Historiker Diethelm Knauf datiert das Foto auf etwa 1920. Man sieht mehrere Personen, vermutlich eine Familie mit vier Jungen, dazu vielleicht ein Knecht, aufgereiht an einem Fähranleger stehen. Zwei der Jungs stehen in einem Boot, der Größere hält eine Stake in der Hand. Zu dem Foto sind Namen und Adresse überliefert: Stromer Landstraße 53a, Gaststätte Drube/ Spillern mit Fähranleger". Diethelm Knauf stellt fest: "Der Fotograf ist unbekannt. Der Perspektive nach muss er von einem Schiff, vielleicht von der Fähre aus, die Szene geknipst haben. Die Personen schauen zielgerichtet mit ernstem Blick in die Kamera."
Alle machen ein ernstes Gesicht
Wie Knauf vermutet, ist das Bild als Andenken entstanden. Die Ernsthaftigkeit in den Gesichtern scheine zeittypische Mode gewesen zu sein. Wenige Fotos zeigten damals Menschen mit gelöster Mimik, erklärt der Historiker. "Es ist anzunehmen, dass die Familie das Gasthaus und die Fähre betrieb. Das bedeutete harte Arbeit. Bei dem Jugendlichen mit der Stake kann man sich gut vorstellen, dass er mit anpacken musste. Er scheint der älteste Sohn zu sein und musste somit den Hof eines Tages übernehmen." Die ordentliche Kleidung aller abgebildeten Personen weise auf einen gewissen Wohlstand hin. Das Ganze habe insgesamt einen sehr ländlichen Charakter.
Strom, ein kleiner Stadtteil an der Ochtum, fünf Kilometer entfernt von der Innenstadt, ist noch heute ein beliebtes Ausflugs-ziel. Nähert man sich der Stromer Landstraße 53a, steht dort das von Kurt Spille betriebene Hotel-Restaurant "Zur Ochtumbrücke". Der Wirt gibt freundlich Auskunft: "1955 hat meine Familie das Gasthaus von den Bureckes übernommen. Davor gehörte es den Tönjes und davor den Drubes." Mehr als 100 Jahre werde in dem renovierten Haus von 1895 Gastronomie betrieben. Der Chronist des Dorfes, Hans Imhoff, der mit einem kleinen Team seit zwei Jahren an der Stromer Historie arbeitet und auf eine Buchveröffentlichung Weihnachten 2012 hofft, kennt das alte Foto von seinen Recherchen. Er erzählt: "Diese Stelle war lange Zeit die einzige überquerbare Furt zwischen Bremen und Oldenburg. Für den Personenverkehr gab es eine Art Dielenkahn, wie auf dem Bild. Eine sogenannte Prahmfähre, die mit einem Seil gezogen wurde, brachte Viehwagen über die Ochtum." Leider könne er die
Fotografierten nicht namentlich der Familie Drube zuordnen. Aber als junges Mädchen sei eine Angehörige seiner eigenen Familie bei Christian Drube als Magd "in Stellung gewesen", erzählt Hans Imhoff. Ihre Aufgabe war es, die Fähre zu betreiben. 1924 wurde dann die erste Brücke gebaut. Sie hieß in Strom Pfennigbrücke, da der Wirt für das Öffnen der Pforte Geld verlangte.
Im ländlichen Raum war und ist es Usus, den Nachwuchs frühzeitig an notwendige Arbeiten heranzuführen. Strom besaß seit 1910 eine Schule mit zwei Klassenräumen an der Stromer Landstraße 26a. Wenn Kinder der Familie Drube dort hingegangen sind, so hatten sie einen Schulweg von über drei Kilometern zurückzulegen. Offen bleibt, was aus den vier Jungen vom Fähranleger an der Ochtum, die zum Zeitpunkt des Fotos ungefähr zwischen sechs und 15 Jahre alt waren, geworden ist.











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