Ellenerbrok-Schevemoor. Dorothea Buck ist auf den Rollstuhl angewiesen. Der Körper der 95-Jährigen ist gebrechlich, der Geist topfit. Die Erinnerungen an ihr grausames Schicksal sind wie eingemeißelt. Eindrucksvoll schilderte die alte Dame, wie es nicht nur ihr, sondern geschätzen 400000 Jugendlichen, Frauen und Männern in der Zeit des Nationalsozialismus ergangen ist. Sie wurde zwangssterilisiert. Die Kunst half ihr bei der Verarbeitung dieser traumatischen Erfahrungen.
Werke von Dorothea Buck und von zwei weiteren Betroffenen, Wilhelm Werner und Erich Paulicke, sind seit Sonntag in einer klug inszenierten Schau der Kulturambulanz in der Galerie im Park des Klinikums Bremen-Ost zu sehen. Zeitgenössische Filme und Dokumente ergänzen die Schau über die Medizinverbrechen der NS-Zeit. Sie veranschaulichen die Schreckensvision von Medizinern, Juristen und Psychiatern, die psychisch Kranke und Behinderte "ausmerzen" wollten, um die "Rassenhygiene" zu bewahren. Es galt die allgemeine Auffassung, die deutsche Rasse sei durch minderwertiges Erbgut bedroht.
"Der Schmerz" betitelt Buck eine kleine Tonfigur. Die kniende Frau wendet ihr Gesicht zum Himmel, die Schultern sind hochgezogen, die geballten Fäuste in die Oberschenkel gepresst. Eine unheimliche Mischung aus Anspannung und stoischer Ruhe. Auch die vermeintlich traute Zweisamkeit der Figuren "Mutter und Kind" trügt. Die Frau umschließt mit beiden Armen und gesenktem Kopf das Kind auf ihrem Schoß, jedoch ohne es anzufassen. Angstvoll verteidigt sie ihren Nachwuchs, den sie nicht berühren kann.
Ein Blick auf Dorothea Bucks Lebenslauf hilft, die Kälte und Zurückgezogenheit der gesichtslosen Gestalten nachzuvollziehen. Die in Hamburg lebende Künstlerin wurde 1936 im Alter von 19 Jahren in die Psychiatrie der evangelisch-kirchlichen Anstalt in Bethel bei Bielefeld eingeliefert. Die Diagnose: Schizophrenie. "Es macht mich immer noch wütend", gibt Buck zu, als sie die quälenden Behandlungsmaßnahmen schildert und von Dauerbädern unter Segeltuchplanen mit steifen Stehkragen erzählt, von Kaltwasserkopfgüssen und Fesselungen mit nassen kalten Tüchern.
Der, wie ihr gesagt wurde, "notwendige kleine Eingriff", im Volksmund "Hitlerschnitt", erfolgte im gleichen Jahr. Ohne ein Vorgespräch. Erst von einer Mitpatientin erfuhr sie, dass sie sterilisiert worden war. So wollte es das "Erbgesundheitsgesetz". Kinder bekommen, eine höhere oder weiterbildende Schulen besuchen, heiraten, all das blieb ihr fortan verwehrt. Von der lebenslangen Abstempelung als "minderwertig" ganz zu schweigen. Am Anfang half der jungen Frau einzig der Gedanke an Selbstmord, um weiterleben zu können.Auch Erich Paulicke drückt das erlittene Unrecht in seinen Arbeiten aus. Nur knapp entkam er einem gewaltsamen Tod durch Verhungern. Seine vielgesichtigen Reliefs erinnern an Massengräber.
Die wohl eindrucksvollsten Werke der Ausstellung stammen von Wilhelm Werner. Durch einen Zufall gelangten die Bleistiftzeichnungen aus den Jahren 1934 bis 1938 in die Sammlung Prinzhorn der Universität Heidelberg. Werner, der 1919 mit der Diagnose Idiotie in die Heil- und Pflegeanstalt Werneck eingeliefert wurde, fiel 1940 der Euthanasie zum Opfer. Er bringt dickbauchige Clowns zusammen mit nackten Knaben auf Papier. Seine Bildfiguren agieren weitgehend bildparallel. Sie scheinen von der Wirklichkeit entrückt zu sein, wie Puppen auf einer Bühne. Immer wieder tauchen zwei Kugeln in den Zeichnungen auf. Sie stellen entfernte Hoden dar. Das Wort "Sterelation" findet sich in einem der Werke und gibt der Ausstellung den höhnisch-traurigen Titel "Der Siegeszug der Sterelation".
Dorothea Buck sieht in der Ausstellung eine Möglichkeit, Vorurteilen beziehungsweise vorschnellen Urteilen vorzubeugen. In diesem Zusammenhang erwähnt sie eine Studie aus den 1970er Jahren, nach der zwei Drittel aller Befragten verneinten, das Leben behinderter Menschen erhalten zu wollen. Bis heute sieht sich Dorothea Buck als "Opfer zweiter Klasse". Eine offizielle Entschuldigung von der Regierung habe sie nicht erhalten. Erst 1988 ächtete der Deutsche Bundestag das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" pauschal und hob 1998 formal alle Beschlüsse der Erbgesundheitsgerichte auf.
Dorothea Bucks Anklage richtet sich jedoch vor allem gegen die Theologen, die all die Gräueltaten nicht aufgearbeitet hätten.
Die Ausstellung "Der Siegeszug der Sterelation und die Medizinverbrechen im Nationalsozialismus" ist bis zum 8. Juli in der Galerie im Park, Klinikum Bremen-Ost, Züricher Straße 40, zu sehen. Eintritt 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Geöffnet ist mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Mit Führung an den Sonntagen 13. und 20. Mai, 3., 17. und 24. Juni und am 8. Juli, 16 Uhr, kostet es 5 Euro (2,50 Euro). Mehr zum Programm zu der Schau auf www.kulturambulanz.de oder unter Telefon 408-1757.











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