
Man sieht es ihm vielleicht nicht gleich auf Anhieb an. Aber der bremische Holz- und Fabrikenhafen hat‘s noch immer in sich: 400000 Tonnen Rohkaffee werden dort jährlich umgeschlagen. Damit ist das Hafenbecken der ideale Treffpunkt für einen Spaziergang auf den Spuren des Bremer Kaffeehändlers und Firmengründers Ludwig Roselius, findet Kulturwissenschaftlerin Christine Glenewinkel. Sie hat für das Hafenmuseum Speicher XI die Führung "Prachtbauten, Pioniergeist und Plantagentrank" entwickelt, zu der sie nun wieder einmal mit rund 30 Interessierten aufgebrochen ist.
Im Mittelpunkt der Geschichte(n), die dabei zu hören waren, steht eine schillernde Unternehmerpersönlichkeit: Der 1874 in Bremen geborene Kaffeehändler Ludwig Roselius, der als Mäzen Künstler wie Paula Modersohn-Becker oder Bernhard Hoetger förderte und dem die Stadt die Böttcherstraße zu verdanken hat.
Fabrik fand enorme Beachtung
Am Holz- und Fabrikenhafen erinnert noch eine andere Straße an Roselius: Die von 1907 bis 1915 entstandene Hagstraße, an der der Bremer Architekt Hugo Wagner die Kaffee-Hag-Fabrik errichtete. Der Eisenbetonbau ist laut dem Landesamt für Denkmalpflege "ein prägender Bau für die Reformbestrebungen im Fabrikbau in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die Kaffee-Hag-Fabrik fand damals enorme Beachtung als vorbildliches Beispiel eines modernen, sich von den Fesseln historistischer Dekorationsarchitektur lösenden Industriebaus." Die 1910 gegründete programmatische Zeitschrift ‚Der Industriebau‘ stellte das Unternehmen ausführlich vor, und "die Silhouette gefiel auch Bauhaus-Begründer Walter Gropius", schildert Glenewinkel.
Auch im Inneren des zukunftsweisenden Baus tat sich Fortschrittliches; Roselius‘ wichtigste Erfindung war die Entkoffeinierung. Denn Roselius senior war 1902 im Alter von nur 59 Jahren angeblich an einer Koffeinvergiftung gestorben. Und so arbeitete sein Sohn Ludwig fortan an einem Verfahren, um Kaffeebohnen das Koffein zu entziehen. 1906 ließ er sich die entsprechende Methode patentieren und gründete die Marke Kaffee Hag. Diese wurde bereits 1907 per Fließband produziert – "lange vor Henry Ford", wie Glenewinkel unterstreicht. Als ein Pionier in Sachen Werbung machte Roselius die Marke sodann mit einem einheitlichen Erscheinungsbild stark – heute würde man sagen: Corporate Identity. Das Logo, ein roter Rettungsring, der den Schutz vor gesundheitlichen Schäden symbolisierte, blieb viele Jahre unverändert. Direkt gegenüber der Hag-Entkoffeinierung befindet sich ein rotes Backsteingebäude mit goldenem Palmenlogo. Auch Kaba, den Plantagentrank, hat Roselius erfunden, aus marktstrategischen Gründen: Als 1928 das Patent für die Entkoffeinierung auslief, "suchte Roselius nach einer neuen Marke mit Alleinstellugsmerkmal, wie wir heute sagen würden", so Glenewinkel.
Kaffee, Schokolade aus der Tube oder in der Dose, für Piloten: 19 Einzelunternehmen gehörten schließlich zum Firmenimperium an der Hagstraße, das Glenewinkel zufolge wie eine eigene kleine Stadt mit eigener Feuerwehr war. Roselius‘ Verhältnis zum Nationalsozialismus war "komplex", so Glenewinkel: Einerseits wehte bei der Hag die goldene Fahne, die das Unternehmen als Musterbetrieb kennzeichnete, andererseits ächtete Adolf Hitler 1936 die Böttcherstraßen-Kultur.
Als Ludwig Roselius 1943 starb, übernahm sein Sohn das Unternehmen. In einer "Nacht-und Nebel-Aktion" verkaufte er es 1979 an den Vorgänger des heutigen Kraft Foods. Seit 1987 wird auf dem Gelände am Holz- und Fabrikenhafen nichts mehr produziert. Damals wurde "die Hag" von der Sirius Facilities aufgekauft, die dort einen modernen Büropark etablieren möchte. 20 Jahre lang allerdings – bis 2007 – lag das Firmengelände daraufhin brach und wurde zu einem Unterschlupf für Obdachlose und Graffiti-Künstler.
In dieser Zeit verschwanden unter anderem auch die Originallampen aus dem 1914/15 erbauten Marmorsaal, der "Kantine des Vorstands", schildert Glenewinkel. Dort endet nach eineinhalb Stunden die spannende Führung, nachdem Glenewinkel ihren Zuhörern unterschiedliche Hag-Produktionsräume gezeigt und sie dabei zum Beispiel auch auf Bremens erste Hochgarage aufmerksam gemacht hat: Sie war ursprünglich für die Hag-Belegschaft errichtet worden und beherbergt heute eine Kartbahn. Rund 700 "Hag-Rentner" gibt es heute noch, die auch schon Ludwig Roselius junior in der Schweiz besucht haben. Wer das Ganze genauer wissen will, der sollte sich für Glenewinkels Führung anmelden.
"Prachtbauten, Pioniergeist und Plantagentrank" heißt es wieder am Sonnabend, 2. Juni, und am 4. November, ab 11 Uhr, nach Anmeldung unter Telefon 3038279. Die Führung kann auch gesondert von Gruppen gebucht werden. In der Reihe "Zeitzeugen: Berufe als Berufung" ist außerdem am kommenden Sonntag, 22. April, Manfred Siebert zu Gast im Hafenmuseum. Der ehemalige Betriebsrat von Kaffee HAG gewährt Einblicke in das Innenleben des Bremer Unternehmens und stellt die beiden Unternehmerpersönlichkeiten Ludwig Roselius senior/junior vor, berichtet über das Produkt Kaffee HAG – und natürlich über die Belegschaft.











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