
Im Blockland schmiegt sich der größte Teil der Häuser an den gut 15 Kilometer langen Deich, der gemeinsam mit der Wümme durch die Landschaft mäandert. Hier sieht man noch traditionelle Landwirtschaft, hier stehen alte Bauernhäuser, einst errichtet im Fachwerk-Stil und mit einem Dach aus Reet versehen, wie es am Wümme-Ufer wächst.
Das Blockland ist eine einzigartige Kulturlandschaft, in der die Zeit jedoch keineswegs still steht. Ganz im Gegenteil, denn parallel zum Generationenwechsel auf den Höfen hat das Blockland in den vergangenen Jahren einen gewaltigen strukturellen Umbruch erlebt.
Seit 1996 kommen Feriengäste
Schon lange haben Tagesausflügler das Quartier entdeckt. An sonnigen Tagen strömen sie zu Hauff ins Blockland, zu Fuß, auf dem Rad oder auf Inline-Skates, erkunden sie Bremens dörflichsten Stadtteil.
Doch seit ein paar Jahren mischen sich unter die Anwohner und Ausflügler auch richtige Feriengäste, die sich für Tage oder gar Wochen im Blockland einquartieren. Und dafür ist unter anderem Landwirt Bernhard Kaemena verantwortlich – denn er war der erste, der auf Feriengäste gesetzt hat.
Nach jahrelangen Diskussionen über zu niedrige Milchpreise und Gedankenspielen über die Zukunft der Landwirtschaft im Blockland stand der heute 53-Jährige irgendwann im Jahr 1996 am Deich und blickte aufs Land. „Ich habe mich gefragt, ob Menschen im Blockland Urlaub machen würden“, sagt Kaemena.
Hier, in dieser Landschaft, die er auch nach so vielen Jahren noch als „sensationell“ bezeichnet. Seine Antwort: „Ja. Ich denke schon.“ Und er sollte recht behalten. Das Blockland wurde zum Ferienparadies.
Wer Bremens Vorgarten in seiner ganzen Pracht erleben will, der sollte Zeit mitbringen, denn das Leben läuft hier ruhiger ab als im Rest der Stadt. Man kennt sich, und selbst wenn nicht, so grüßt man sich dennoch. „Wer hier oben auf dem Deich mit dem Grüßen aufhört, der kann schon mal seine Sachen packen“, sagt Friedhelm Blanke lachend.
Die meisten „hier oben auf dem Deich“ kennt er tatsächlich, denn der 53-Jährige ist seit 1991 Chef der Freiwilligen Feuerwehr Blockland. Und dort Mitglied zu sein, beziehungsweise ein Familienmitglied in der Wehr zu haben, ist im Blockland schon fast Ehrensache.
So hebt Blanke immer wieder die Hand, winkt Nachbarn, Touristen wie Ausflüglern und lächelt selbst, wenn ihm mal wieder viel zu schnell jemand auf dem Fahrrad entgegen rast. „Lieber einmal zu viel grüßen als zu wenig“, sagt er. Doch manchmal ist selbst ihm nicht nach einer freundlichen Geste, denn „manchmal muss man hier ganz schön aufpassen. Einige Radfahrer fahren ganz hier schön rücksichtslos.“
Im Blockland vereinen sich Landschaftsschutz und Naturschutz mit Freizeitnutzung. Das Gebiet ist ein Naherholungs-Refugium geworden, die Asphaltpiste auf dem Deich ein Dorado für Inline-Skater und Rennradfahrer.
Eine Tour über den 15 Kilometer langen Deich beginnt für viele Tagesausflügler und insbesondere Inline-Skater im Oberblockland bei Kuhsiel, denn der Parkplatz neben dem Restaurant bietet zumindest ein paar der zur Hochsaison sehr begehrten Stellplätze.
Vor dort geht es auf dem Deich durch die prachtvolle Kulturlandschaft. Das Blockland ist flaches Marschland, das ohne die Deiche zwei mal täglich überschwemmt werden würde. Der Tidenhub der Wümme beträgt inzwischen über drei Meter, und das hat durchaus Folgen, sagt Blanke: „Hier rutschen einige Häuser Richtung Wümme“ – was tatsächlich gut zu erkennen ist.
Es geht vorbei an windschiefen Häusern, an alten Höfen, Weiden und Naturschutzgebieten. Und immer wieder findet man hier die beliebten Ausflugs- und Gartenlokale, zu denen sich die einstigen Dorfkneipen entwickelt haben. Cafés und kleine Hofläden sind im Laufe der Jahre hinzugekommen, und mitunter muss auch mal ein Stuhl reichen, auf dem Feldfrüchte und selbstgemachte Marmelade gegen einen kleinen Obolus angeboten werden.
Kurve um Kurve schlängelt sich der Deich an der Wümme entlang, vom Oberblockland durch das Niederblockland, weiter bis nach Dammsiel wo die Kleine Wümme auf die Wümme trifft und mit dem Restaurant Dammsiel eines der bekanntesten Ausflugslokale des Blocklandes steht. Wer Glück hat, kann beim Essen und Trinken Sport- und Freizeitkapitänen beim Schleusen zusehen.
Weiter geht es durch Wummensiede, rüber über die Ritterhuder Heerstraße, bis man schließlich am Eingang zum einem gänzlich anderen Blockland steht: Vor den Toren des alte Kirchdorfs Wasserhorst. Hier fließen Hamme und Wümme zusammen, und hier treffen auch Tradition und Moderne aufeinander.
Es geht vorbei an der Wasserhorster Kirche, die auf einem Hügel sechs Meter hoch über dem Ort thront. Erbaut wurde sie Ende des 12. Jahrhundert, ganzjährig trockenen Fußes zu erreichen war sie jedoch erst, als nach 1864 das erste dampfgetriebene Schöpfwerk seinen Dienst aufnahm und die Wassermassen aus dem Blockland in die Lesum umgeleitet.
Rund 120 Jahre später investierte der Bremische Deichverband am rechten Weserufer fünf Millionen Euro, um ein neues, moderne Schöpfwerk mit vier elektrisch betriebenen Pumpen zu bauen.
Einen Rest der Eingangshalle des alten Schöpfwerks und das Siel ließ der Deichverband in Wasserhorst stehen, womit das letzte der Blockland-Dörfer um eine Attraktion reicher ist, die von den Feriengästen angesteuert werden kann, die inzwischen recht zahlreich im Blockland geworden sind. Auch auf der Hofstelle von Feuerwehrchef Blanke.
Neue Nutzung statt Verfall
Elf Kühe hatte seine Familie zuletzt. „Das war damals so die Größe“, erinnert Blanke. Doch dauerhaft warf ein so kleiner Hof nicht genügend Gewinn ab, inzwischen braucht ein Landwirt 60 bis 80 Kühe, um über die Runden zu kommen.
Doch diesen Schritt wollte Blanke nicht gehen, als er nach dem Tod seines Vaters in jungen Jahren die Hofstelle übernahm. Er entschied sich gegen das Leben als Milchbauer, verpachtete das Land und suchte sich einen Job als Fleischer.
Inzwischen arbeitet er beim Deichverband – und als Zimmervermieter, denn irgendwann einmal musste er sich eine ganz entscheidende Frage stellen: „Was machen wir mit den Gebäuden. Gucken wir ihnen weiter beim Verfallen zu, oder nutzen wir sie, machen wir Ferienwohnungen.“ 2003 schließlich entschied er sich für letzteres – und trieb damit den Strukturwechsel im Blockland ein kleines Stückchen voran.
Zwar ist so im Laufe der Jahre die Zahl der Landwirte im Blockland langsam gesunken, gleichwohl blieben die Flächen in der Hand der Blocklander, denn sie werden an Nachbarn verpachtet, die ihre Betriebe entsprechend vergrößern. Und das ist auch gut so, da sind sich Bernhard Kaemena und Friedhelm Blanke einig. Denn ohne Landwirtschaft gäbe es das Blockland nicht mehr, diesen schönen Landstrich, in dem ihre Familien schon seit Generationen leben.
Umziehen kommt für die beiden Blocklander nicht in Frage. Wohin denn auch? Immerhin ist der „schönste Flecken der Stadt“ doch direkt vor seiner Haustür, findet Friedhelm Blanke.
Dafür nimmt er dann auch gerne in Kauf, „dass die Wege hier auch mal ganz schön lang werden können. Von hier sind es in jede Richtung etwas über sieben Kilometer, bis man beim nächsten Arzt oder Supermarkt ist“, sagt er. „Da muss man sich genau überlegen, was man alles einzukaufen hat.“ Und wenn man trotzdem etwas vergisst? „Dann fragt man schnell beim Nachbarn.“





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