
Am frühen Morgen hat es die Sonne schwer, eine Lücke zwischen den Wolken zu finden und den über dem Wasser liegenden Dunst zu vertreiben. Ein kleines Schiff tuckert langsam die Weser entlang. Regelmäßig streift die „Hafenamt 1“ durch ein Revier, das von Schifffahrt und Hafenumschlag lebt.
Hunderte Menschen sind hier jeden Tag zu Gange. Die Häfen sind der einzige Stadtteil Bremens, in dem es so gut wie keine Anwohner gibt. Genau 126 weist die Statistik aus, die wenigen Wohnungen finden sich unter Adressen, die die maritime Lage verraten: Kap-Hoorn-Straße, Louis-Krage-Straße, Schiffbauerweg.
Lange Zeit war der Hafenkapitän als städtischer Beamter auch die oberste und einzige Autorität dieses Stadtteils. Aber auch das ist mittlerweile Geschichte, die Aufgaben wurden auf mehrere Behörden verteilt. „Wir kümmern uns nur noch um die Nutzer des Hafens“, sagt Hafenkapitän Andreas Mai.
Die Barkasse hat die Oslebshauser Schleuse passiert, den Zugang zu den Industriehäfen, und fährt langsam an der Kaimauer entlang. Aufgereiht sitzen dort einige Angler und halten ihre Ruten übers Wasser. Das Auftauchen des Schiffes stört ihre stoische Ruhe. Denn wer im Hafenrevier angeln will, braucht eine Erlaubnis.
Dafür ist das Stadtbremische Hafenamt noch zuständig und zur Zeit herrscht Ärger um die richtigen Plätze. „Da gibt es Klärungsbedarf“, sagt Mai.
Die Angler sind weit und breit die einzigen Besucher dieses ausgedehnten Industriegebietes.
Wer hier nicht arbeitet, verirrt sich kaum einmal hierher. Alle Straßen führen in gehörigem Abstand vorbei, fast nirgendwo gibt es den direkten Blick auf die Umschlagsanlagen, und die Zeiten, als ein Großteil der Bremer direkt und indirekt mit dem Hafen zu tun hatte, sind ohnehin längst vorbei.
Dabei sind die sechs Becken noch heute für die bremische Wirtschaft extrem wichtig: Jährlich werden hier bis zu sieben Millionen Tonnen Güter umgeschlagen, rund 2000 Schiffe laufen die verschiedenen Kajen an. 50 Unternehmen mit mehr als 3000 Beschäftigten werkeln hier und zahlen gut 20 Millionen Euro Steuern in die Staatskasse.
Jubiläum für die Industriehäfen
In wenigen Wochen feiern die Industriehäfen ihren 100. Geburtstag. Sie sind damit das älteste noch funktionsfähige Hafengebiet der Stadt Bremen. Eng ist es hier geworden, seit die Schiffe immer größer werden. Massige Frachter bringen Kohle und holen Stahl, laden Kisten, Kästen, Ballen und Container.
Liegt eines dieser Schiffe an der Kaje, kommt ein anderes kaum noch vorbei. Daher greift der Bremer Senat auch in kargen Zeiten noch einmal tief in die Kasse. Pünktlich zum Jubiläum werden etliche Millionen spendiert, um den Tiefgang im Hafen zu erhöhen und die Zufahrten zu den einzelnen Hafenbecken zu verbreitern.
Die Wirtschaft hatte dies seit Jahren gefordert und eine Initiative Stadtbremische Häfen (ISH) gegründet, um die öffentliche Aufmerksamkeit stärker auf sich zu lenken. Bei der Rundfahrt auf der „Hafenamt 1“ ist das rege Treiben zu beobachten. Nicht immer ist dabei der Hafenkapitän, oberste Autorität im Revier, an Bord. „Dafür fehlt einfach die Zeit.“
Doch die Mitarbeiter des Amtes kontrollieren regelmäßig den Zustand von Schuppen und Kajen. Und sie sind Ansprechpartner und Weisungsbefugte gegenüber den unterschiedlichen Akteuren der Wirtschaft. „Wir regeln alles, was den Hafenbetrieb und die Schifffahrt betrifft“, erklärt Mai. Von der Zuweisung von Liegeplätzen über die Kontrolle von Vorschriften bis hin zur Gefahrenabwehr.
Genauso muss zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen vermittelt werden. Zwischen den Unternehmen und den Einwohnern, die auch außerhalb des eigentlichen Hafengebiets immer mal wieder über Lärm, Gestank oder sonstige Belästigungen klagen.
Das gilt auch für den Neustädter Hafen am anderen, dem linken Weserufer. Historischer Grund: Hier wurden vor mehr als 40 Jahren die ersten Container überhaupt umgeschlagen, bevor das Geschäft in den 1970er-Jahren nach Bremerhaven abwanderte. Nicht wenige sagten damals den endgültigen Niedergang der städtischen Häfen voraus.
Und sie behielten zunächst Recht: Der Überseehafen wurde zugeschüttet, dort befindet sich heute der Großmarkt. Der Europahafen schmückt als Wasserfläche die entstehende Überseestadt und taugt allenfalls noch für Sportboote. Der kleine Hohentorshafen spielt schon lange keine Rolle mehr.
Auch in den anderen Hafenbecken, wo einst Schiffe im Doppel- oder sogar Dreifachpäckchen an den Kajen lagern und Tausende Hafenarbeiter auf Sackkarren und dem blanken Rücken Waren in die Schuppen schleppten, ebbte das Leben spürbar ab.
Doch nach dem Einbruch gab es eine Wiedergeburt. Der Neustädter Hafen ist heute einer der größten Umschlagplätze für sogenanntes Stückgut, jährlich laufen hier mehr als 700 Schiffe ein. Und auch hier wieder: „Das weiß kaum jemand“, sagt Reinhard Raab vom Hafenunternehmen BLG.
Neustädter Hafen mit Zukunft
Auf dem 1,1 Millionen Quadratmeter großen Areal hinter dem Lankenauer Höft zwischen Weser und Güterverkehrszentrum wird verladen, was weder in einen Container passt, noch als Massengut geschüttet werden kann wie zum Beispiel Kohle, Erz oder Getreide. Sondern das, was „am Stück“ angehoben wird.
Nur sind es nicht mehr Säcke und Kisten, sondern gewaltige Rohre, Bleche, Stahlteile, Papierrollen und tonnenschwere Anlagenteile. Große Module von bis zu 600 Tonnen Gewicht, die nicht über die Straße rollen könnten, im Hafen aber vormontiert werden und dann per Schiff hinausgehen.
Längst sollte hier auch ein Sammellager für den überquellenden Containerterminal in Bremerhaven entstanden sein, dieses Vorhaben hat die Krise allerdings vorerst gestoppt. Ebenso wie eine direkte Verbindung zum Güterverkehrszentrum, einem der erfolgreichsten Logistik-Standorte in Deutschland.
Überhaupt Bremerhaven. Als die Weser zunehmend versandete und auch Vegesack, erster künstlicher Hafen Deutschlands, nicht mehr genug Tiefgang bot, kauften Bremens Stadtväter dem Königreich Hannover rund 60 Kilometer weserabwärts ein Gebiet ab und ließen ab 1827 einen neuen Hafen bauen.
Schon damals handelte es sich um ein bremisches Projekt. Sehr zum Ärger vieler Bremerhavener ist der Großteil des Hafens bis heute fest in Bremer Hand, also eine Exklave innerhalb der selbstständigen und von einem Oberbürgermeister geführten Stadt Bremerhaven.
Offizieller Titel: Stadtbremisches Überseehafengebiet Bremerhaven. Deshalb war das Hafenamt jahrelang auch das zuständige Ortsamt für alle kommunalen Obliegenheiten. „Die alleinige Verantwortung haben wir inzwischen abgegeben“, sagt Mai, darum kümmerten sich im Verbund jetzt alle Behörden.
Es hatte immer mal Versuche der Bremerhavener gegeben, die Hoheit über diesen Teil ihrer Stadt und über die Steuereinnahmen zu erlangen – bis heute allerdings vergeblich.
Es bleibt ein lohnendes Ziel: Zwar hat auch Bremerhaven, einer der weltweit wichtigsten Häfen für den Umschlag von Containern und Autos, während der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise erhebliche und schmerzhafte Einbrüche beim Güterumschlag verkraften müssen.
Doch die Konjunkturerholung hat schneller als gedacht wiedereingesetzt. Sicher scheint, dass die Rekordwerte aus dem Jahr 2008 (5,6 Millionen Container) vermutlich schon im nächsten Jahr deutlich getoppt werden. Das Wachstum ist allerdings endlich.
Erweiterungsflächen stehen nicht mehr zur Verfügung, im Norden beginnt gleich an der Hafengrenze das geschützte Wattenmeer. Was machen also die Bremer? Sie weichen aus, nach Wilhelmshaven. Noch ein neuer Hafen, der dieses Mal gemeinsam mit Niedersachsen gebaut wird. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.






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