
Tatsächlich haben die Quartiere so viel zu bieten, dass der alte Spruch „Links der Weser wohnt man nicht“ schon lange nicht mehr gilt – denn die Neustadt zieht immer mehr junge Leute und Studenten an.
Typisch für die Neustadt ist das rasterförmige Straßennetz und eine verdichtete Bau- und Wohnform. Im Norden grenzt der Stadtteil an die Weser, im Süden an die Landesgrenze, im Westen an die Bahn und Bundesstraße und im Osten an den Friedhof Huckelriede.
Mit rund 2800 Einwohnern pro Quadratkilometer kann sich hier niemand in sein Schneckenhäuschen verziehen, der Kontakt zum Nachbarn ist garantiert. Und der kann aus einer ganz anderen Lebenswelt stammen, als man selbst. „Das ist ein absolut heterogener Stadtteil“, versucht Stadtplaner Tom Lecke-Lopatta die Neustadt zu skizzieren.
Mit Ausnahme der sehr wohlhabenden Bürger und Bürgerinnen finden sich in den acht verschiedenen Ortsteilen Alte Neustadt, Hohentor, Neustadt, Südervorstadt, Gartenstadt Süd, Buntentor, Neuenland und Huckelriede alle Schichten wiederfinden.
43386 Menschen lebten 2009 in der Neustadt. Bald jeder Vierte hat einen sogenannten Migrationshintergrund. Der Ausländeranteil liegt mit 15,7 Prozent über dem städtischen Durchschnitt (13,2 Prozent). Den höchsten Anteil von meist türkischstämmigen Bewohnern weist Huckelriede mit 22,4 Prozent aus.
Weltbekannte Firmen
„Hier wohnen Menschen aus allen Herren Ländern“, sagt auch Ortsamtsleiter Klaus-Peter Fischer. Senegalesen, Togoer, Kameruner, Rumänen, Türken, Bulgaren, Jordanier, Libanesen, Italiener leben Tür an Tür mit deutschen Nachbarn. In der Regel ohne viele Probleme.
Die lebendige, umtriebige Zionsgemeinde in der Kornstraße zieht ebenso afrikanische Gläubige an wie St. Jakobi am Kirchweg. Nicht an jeder Ecke in der Neustadt funktioniert das Miteinander so gut wie es Fischer inzwischen in Huckelriede empfindet: „Vertreter der türkischen Gemeinde kommen regelmäßig in den Beirat, notfalls mit Übersetzer.“
In ihrer Moschee in der Kornstraße sei er inzwischen ein „herzlich willkommener Gast“, schwärmt Fischer von einer neuen Offenheit. Der hohe Ausländeranteil in Huckelriede zieht neue Dienstleister an. So haben sich in Huckelriede sowohl ein türkischstämmiger Rechtsanwalt als auch ein türkisch sprechender Zahnarzt niedergelassen. Für Tom Lecke-Lopatta gilt die Faustregel, dass die Besserverdienenden in der Neustadt innen drin wohnen, Problemgruppen eher am Rande.
Dicht an dicht stehen die Zweiräder angekettet vor den Altbremer Häusern. Der 54-Jährige startet seine Tour in der Alten Neustadt, die zur Keimzelle Bremens gehört. Sie wurde als planmäßige Stadterweiterung im 17. Jahrhundert auf der linken Weserseite angelegt und damals mit Befestigungsanlagen umgeben, den heutigen Neustädter Wallanlagen.
Anfang der 90er Jahre war die Alte Neustadt noch Sanierungsgebiet, inzwischen hat sie ihr Gesicht stark verändert. So wurde der Teerhof mit Wohnhäusern bebaut und durch eine zusätzliche Fußgängerbrücke mit der Altstadt verbunden. Die Wohnungen direkt am Wasser sind begehrt.
Seit Mai 2009 ist das letzte unbebaute Stück an der Stirn des Teerhofs mit dem Firmensitz der Beluga Group bebaut. Die große Reederei ist übrigens nicht die einzige Firma von Weltrang, die sich in der Neustadt heimisch fühlt: Hachez, Kraft Foods und InBev Deutschland machen ebenfalls von hier aus Geschäfte.
À propos große Namen: In der Brautstraße 16 schenkte einst Friedrich Ebert in einer Gastwirtschaft als Wirt Bier und Korn aus. Später wurde er dann Reichspräsident. Carl F. W. Borgward begann in der Steinstraße 28 seine Unternehmerkarriere mit der Bremer Kühlerfabrik.
Der Ingenieur und Unternehmer entwickelte unter anderem den legendären Goliath-Kleinlieferwagen. Bekannt wie ein bunter Hund ist auch ein anderer Neustädter: Bremens Altbürgermeister Henning Scherf. Der SPD-Politiker wuchs mit sechs Geschwistern in der Neustadt, in der Osterstraße auf. Sein Vater besaß dort eine Drogerie.
Zurück ins Hier und Jetzt: Stadtplanerin Bianca Urban kann eine ganze Reihe von Punkten herunter rattern, die die Neustädter als Belastung empfinden: Allem voran der Fluglärm. Als Planerin weiß sie aber, dass unterm Strich viele Neustädter bei Befragungen eine hohe Wohnzufriedenheit äußern.
Und Urban sieht die großen Chancen, die die Ortsteile in sich bergen. Beispiel Hohentor: Ebenso wie Huckelriede ist der Ortsteil seit Längerem Sanierungsgebiet. Für die ehemalige Schnapsbrennerei Güldenhaus am Ende des Neustadtswalls sagen Bianca Urban und Lecke-Lopatta eine goldene Zukunft voraus.
Ein privater Investor habe das Grundstück gekauft und stehe mit der Hochschule im Gespräch. Hier könnten schon in den nächsten Jahren viele Studenten hinziehen. „Innenstadtnah, direkt am Park, nah an der Hochschule ...“, finden die beiden Stadtplaner viele gute Gründe, warum sich die tote Ecke bald wieder höchst lebendig zeigen könnte.
Wer es gerne dynamisch mag, wird sich auch in der Airport-City wohl fühlen. „Immer, wenn ich hierher komme, steht hier wieder etwas Neues“, sagt Lecke-Lopatta bewundernd. Viele Menschen arbeiten in der Airport-City, doch gewohnt wird woanders. Der Stadtplaner wünscht sich noch mehr Restaurants und Geschäfte für all die Beschäftigten; vermutlich wird er bereits das eine oder andere bei seinem nächsten Besuch vorfinden.
Im Buntentorviertel dagegen kommt nur mühsam Schwung ins Geschäftsleben. Immerhin ist ein alter Schandfleck, ein völlig heruntergekommenes Mehrfamilienhaus am Buntentorsteinweg endlich abgerissen. Neue Akzente setzt das LifeStyle, eine Art Mini-Mall im ehemaligen Bäderparadies und ein Neubau des Martinshofes.
Das finanziell unterlegte Programm „Aktive Stadt- und Ortsteilzentren“ soll der Hauptverkehrsstraße und seinen Anrainern in nächster Zeit weiter auf die Beine helfen. „Es stehen keine großen Summen zur Verfügung, aber das Programm könnte etwas Positives in Gang bringen“, hofft Bianca Urban.
Alles, was eine Großstadt hat
Die Neustadt besitzt alles, was eine größere Stadt auszeichnet: Mehrere Theater, darunter mit dem Schnürschuhprojekt sogar ein Privattheater, das sich mit Jugendstücken ein Renommee geschaffen hat, Galerien, ein Museum für moderne Kunst, Krankenhäuser, Parks, gute Einkaufsmöglichkeiten, viele Firmen, Restaurants, Dienstleister und – eine eigene Drogenszene.
Die Abhängigen sitzen Tag für Tag auf zwei Bänken hinter einem kleinen Kiosk an der Piepe, am Eingang zum Buntentorviertel. Keine Nachbarn, auf die man stolz ist, aber auch keine Gruppe, die Anwohner auf Biegen und Brechen loswerden wollen. „Wir haben eine sehr kreative Polizei im Stadtteil, die den Süchtigen einen klaren Rahmen setzt, oft Präsenz zeigt und das Gespräch sucht“, sagt Klaus-Peter Fischer. Letztlich sei diese Szene ein gutes Beispiel dafür, wie man in der Neustadt mit Menschen umgehe, die eigentlich niemand haben wolle.
Am Ende der Radtour, die nur kurz das beliebte Flüsseviertel mit seinen gepflegten Altbremer Häusern und die eher beschauliche Gartenstadt Süd streift, legt Tom Lecke-Lopatta auf einer Bank am Werdersee eine kurze Pause ein. Ein paar Kinder segeln in winzigen Nussschalen übers Wasser.
Auf der anderen Uferseite rauschen zwei Frauen auf Inlinern elegant in Richtung Innenstadt. 25 Jahre lebt Tom Lecke-Lopatta schon links der Weser. Doch werktags sitzt er meist im Büro. „Das ist richtig schön hier“, stellt er plötzlich fest. Und einen Moment lang klingt es, als wenn in den Augen des umtriebigen Stadtplaners ausnahmsweise mal alles so bleiben darf, wie es ist.






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