
Zu Unrecht: Zwar ist die Vahr ein Stadtteil ohne großes Gewerbegebiet, aber auch ein Quartier mit jeder Menge Erholungswert und vielen sozialen Einrichtungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Der Dreh- und Angelpunkt des Stadtteillebens ist seit jeher die Berliner Freiheit: Der Wochenmarkt, die Stadtbibliothek und natürlich das knapp 19000 Quadratmeter große, zweistöckige Einkaufszentrum locken täglich Tausende Kunden auch aus Schwachhausen, Horn-Lehe oder Oberneuland in die Vahr.
Ein wenig Abseits vom großen Einkaufstrubel liegt das Bürgerzentrum Neue Vahr, das 1977 eröffnet wurde. Fast genauso lange hat hier Peter zu Klampen als „Petergoge“, gearbeitet, bis er im Februar 2010 in den Ruhestand ging. „Das Bürgerzentrum ist mein Lebensmittelpunkt gewesen“, sagt der 65-Jährige, der von vielen fälschlicherweise oft für dessen Leiter gehalten worden ist. So sehr ist seine Person mit der Geschichte und den Aktivitäten der Einrichtung verbunden.
Aber auch darüber hinaus ist Peter zu Klampen im Stadtteil bekannt „wie ein bunter Hund“: Die Stadtteilinitiative „AHA! Vahr“, die Quartierszeitung VahrPlan sowie zahlreiche Feste und Veranstaltungen hat er aus der Taufe gehoben und mit organisiert.
Auch die Stadtteilrundfahrt, bei der er Alt- und Neu-Vahraonen durch die vier Ortsteile – Gartenstadt Vahr, Neue Vahr Südwest, Neue Vahr Südost und Neue Vahr Nord – führt, ist seine Idee.
Das höchste Wohnhaus Bremens
Den Höhepunkt jeder Tour bildet – im wahrsten Sinne des Wortes – der Besuch auf dem „Dach des Quartiers“: Das Aalto-Hochhaus ist nicht nur das Wahrzeichen der Vahr, sondern mit seinen 22 Stockwerken auch das höchste Wohnhaus der Hansestadt und steht mittlerweile unter Denkmalschutz.
Von 1959 bis 1961 wurde es nach den Entwürfen des finnischen Architekten Alvar Aalto gebaut. Die insgesamt 189 Wohnungen, die sich wie Tortenstücke in jedem Stockwerk aneinander reihen, gehören zu den begehrtesten in der Vahr – und das obwohl die geräumigsten gerade mal knapp 60 Quadratmeter groß sind.
Aber dank ihrer Ost-West-Ausrichtung kann man auf den kleinen Loggias wunderbar die Nachmittags- und Abendsonne und von weiter oben einen herrlichen Blick über die ganze Hansestadt genießen.
Vom Flachdach aus wird den Besuchern erst so richtig bewusst, wie viel Grün es im Stadtteil gibt. Wie kleine grüne Adern durchziehen Rasenflächen und Gärten die Neue Vahr.
Deren charakteristische Wohnblocks sind inzwischen regelrecht unter den hoch gewachsenen Bäumen verschwunden, von denen es hier angeblich mehr als im Bürgerpark geben soll. „Die Häuser in den einzelnen Bezirken sind eigentlich einheitlich farblich gestaltet“, erklärt Peter zu Klampen die Systematik, nach der der neue Stadtteil vor über einem halben Jahrhundert einmal angelegt worden ist, „aber das ist heute gar nicht mehr zu erkennen.“
Ursprünglich sei die Neue Vahr in fünf Nachbarschaften aufgeteilt worden, erklärt der erfahrene Stadtteilführer. „Jede hatte ursprünglich mal ein kleines Einkaufszentrum für die Dinge des täglichen Gebrauchs, das genau neben dem höchsten Hochhaus im Quartier lag.“ Die meisten davon sind allerdings mittlerweile verschwunden. „Heute sind da oft Videotheken oder Spielhallen drin“, sagt zu Klampen nicht ohne Bedauern.
Das unumstrittene „Herz der Vahr“ ist daher für ihn die Berliner Freiheit. Streng genommen heißt so nicht nur das Einkaufszentrum, sondern auch der Platz zwischen dem Center und dem Aalto-Hochhaus. 1958 erhielt er seinen Namen, der vor allem in der Zeit des Kalten Krieges die Verbundenheit mit der freien Hauptstadt ausdrücken sollte.
Die Minigolf-Anlage, auf die Sven Regeners Roman-Held Frank Lehmann in „Neue Vahr Süd“ Anfang der 80er noch blickte, ist allerdings schon lange an die August-Bebel-Allee in die Neue Vahr Nord umgezogen. Seit 1987 ziert stattdessen der riesige Bronze-Teddy von Thomas Recker die Vahrer Mitte.
Ein Stück der Berliner Mauer
Das erste Vahrer Einkaufszentrum entstand hier erst in den 70er Jahren. Anfang des neuen Jahrtausends war seine Zeit allerdings abgelaufen: 2001 wurde ein Teil der Ladenzeilen abgerissen und das neue Center gebaut.
Seitdem trägt das Einkaufszentrum Berliner Freiheit nicht nur das Brandenburger Tor in seinem Logo. In seinem Eingangsbereich steht auch ein Original-Stück der Berliner Mauer, das sich zunächst einige Jahre lang am Flughafen befunden habe, bevor es in die Vahr gekommen sei, erzählt Peter zu Klampen. Trotz des prominenten Ausstellungsortes direkt am großen Haupteingang „gibt es aber noch ganz viele Leute, die es noch nicht gesehen haben“.
Gleiches gilt wohl auch für ein weiteres Gebäude in der Neuen Vahr Südost: Die katholische Kirche St. Raphael an der Kurt-Schumacher-Allee sieht von außen ungewöhnlich aus und ist tatsächlich auch etwas Besonderes.
Anfang der 60er Jahre wurde das Gotteshaus errichtet, das heute wegen seiner ungewöhnlichen Architektur unter Denkmalschutz steht: Im Grundriss ähnelt die Kirche einem Fisch, dem ersten Symbol für die Christen, noch bevor es das Kreuz gab.
Bekannter als die Kirche ist dagegen die ehemalige Lettow-Vorbeck-Kaserne in der Neuen Vahr Südwest, in der seit Ende der 90er Jahre die Polizeiinspektion Ost untergebracht ist.
Südlich davon, mitten in der Gartenstadt, liegt Peter zu Klampens erster Berührungspunkt mit der Vahr: das Freizi an der Bispinger Straße, in dessen Jugendcafé er während des Studiums gearbeitet hat.
Heute leben hier die Einwohner mit dem höchsten Altersdurchschnitt. „Damals war die Vahr für mich noch ein Buch mit sieben Siegeln“, sagt zu Klampen und erzählt, wie er sich einmal mit einer tief gefrorenen Schwarzwälder Kirschtorte im Gepäck verfahren hat. „Ich habe die Straße nicht mehr gefunden. Für mich sah einfach alles gleich aus.“
In den 70er Jahren habe in der Vahr noch regelrechte Aufbruchstimmung geherrscht. Nicht nur Treffpunkte für Kinder und Jugendliche seien rar gewesen, „es fehlte an allen Ecken und Enden“, erinnert sich der 65-Jährige.
Gemeinsam habe man in Initiativen für Freizeiteinrichtungen, bessere Mietverhältnisse, gegen Atomkraft oder die Ansiedlung von Mercedes im Holter Feld gekämpft. „Hier war richtig was los.“
„Nicht nur auf Rosen gebettet“
Auf das enge soziale Netzwerk ist man in der Vahr noch so stolz wie damals. Bei der Stadtteilkonferenz, den Arbeitskreisen und Ausschüssen, bei der Vertreter von so gut wie allen wichtigen Einrichtungen im Stadtteil und der Gewoba mit den Ortspolitikern an einem Tisch sitzen, werden Probleme und Anliegen auf dem kurzen Dienstweg diskutiert. Denn nicht alle Ortsteile sind „auf Rosen gebettet“, wie der langjährige und mittlerweile pensionierte Ortsamtsleiter Werner Mühl zu sagen pflegte.
Vor allem in der Neuen Vahr Nord wohnen viele Menschen mit Migrationshintergrund, außerdem sind viele Bewohner auf Hartz-IV angewiesen. Mit Hilfe des neuen, generationenübergreifenden Familien- und Quartierszentrums an der August-Bebel-Allee sowie Projekten, die aus Förderprogrammen finanziert werden, sollen die sozialen Schieflagen ausgeglichen werden.
Dass bei der Planung, Organisation sowie beim Verteilen der Mittel meist die Einrichtungen unter sich seien, kritisiert Peter zu Klampen. Hier zeige sich der Nachteil der zwar vorbildlichen, aber mittlerweile zu eingespielten Vernetzung.
Zwar würden in der Vahr immer wieder viele gute Projekte auf die Beine gestellt. Aber oft würden die Betroffenen bei den Planungen zu wenig eingebunden: „Man trifft immer die gleichen Leute. Vieles wird heute auf den Foren und zu weit weg von den Bewohnern entschieden“, meint er.





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