
Die Tour beginnt mit einem Rätsel. Wer nach oben schaut, zur Giebelspitze der alten Kirche St- Johann im Schnoor, entdeckt ein Kreuz. Symbol des Christentums, des Neuen Testaments. Darunter ein sechseckiger Stern, auch als Davidstern bekannt. Symbol des Alten Testaments und des Judentums.
Warum wurde er nicht abgenommen in der Zeit von 1933 bis 1945, als die Nationalsozialisten an der Macht waren? Auf dem alten Foto, das Christine Holzner-Rabe zeigt, ist er jedenfalls noch gut zu erkennen. Das Jahr der Aufnahme: 1942 – mitten im Krieg. Die Kirche mit dem Stern steht vorne, im Hintergrund zerbombte Häuser. „Es gibt keine Antwort darauf, warum der Stern von den Nazis nicht entfernt wurde“, sagt Holzner-Rabe. „Toleranz kann es nicht gewesen sein – so etwas kannten die Nazis nicht.“ Die Nazionalsozialisten pervertierten den Davidstern zu einem „Judenstern“, zwangen ab 1941 auch Bremer Juden, einen aufgenähten gelben Stern wie zur Brandmarkung zu tragen.
Feuerwehr durfte Brand nicht löschen
Durch die kleinen, verwinkelten Schnoor-Gässchen geht die Tour weiter zur Kolpingstraße. An einer Hauswand, fast unscheinbar, eine kleine Gedenktafel. Holzner-Rabe bleibt stehen: "In dieser Straße haben die die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 eine Synagoge niedergebrannt", sagt sie. Der damalige Bürgermeister Heinrich Böhmcker habe der Feuerwehr verboten, den Brand zu löschen. Holzner-Rabe erzählt diese Ungeheuerlichkeit in einem ruhigen Ton. Nicht, weil sie gefühlskalt ist. Nicht, weil sie ihren Job und diese Tour bereits seit Jahren macht. Vielmehr ist es ihr wichtig ist, die Greueltaten der Nazis auf den Zuhörer wirken zu lassen; den Teilnehmern – oft Schulklassen – so sachlich wie möglich und damit auch schonungslos die Verbrechen der Nazis aufzuzeigen. „Das Thema geht nicht spurlos an mir vorüber“, sagt Holzner-Rabe. „Es ist deprimierend, was Menschen imstande sind, anderen Menschen anzutun.“
Die Tour geht weiter. Ein paar Gassen weiter, an der Dechanatstraße vor dem Landherrenamt, steht ein wuchtiger, schwarzer Stein. Ganz schlicht nennt ein kleiner Gedenktext Namen, weist auf die Ermordung von Bremer Juden in der Reichspogromnacht hin. Holzner-Rabe schaut kurz in ihre Unterlagen und beginnt zu erzählen: vom Arzt Adolf Goldberg aus Bremen-Nord, der mit seiner Frau einfach so erschossen wurde. Von der 56-jährigen Selma Swinitzki, die von einem SA-Mann getötet wurde, weil sie sich weigerte, den Aufenthaltsort ihres Mannes und ihrer Kinder zu verraten. Es sind genau diese Namen auf dem Gedenkstein, denen die Tourleiterin ein Gesicht und eine Geschichte gibt. „Ich individualisiere“, sagt sie. „Auf den ersten Blick sind die Verbrechen lange her und abstrakt. Ich möchte das konkret machen, von den Menschen erzählen und von ihren Schicksalen.“
Holzner-Rabe führt an der Böttcherstraße vorbei zum Marktplatz. Roland, Rathaus – gibt es hier auch Spuren aus der NS-Zeit? Die Gästeführerin zeigt mit dem Finger auf das Dach des Karstadt-Kaufhauses: Früher ein beliebter Treffpunkt für Gegner des NS-Regimes, erzählt sie. Vom Dach konnten sie gezielt Flugblätter, die zum Widerstand aufforderten, herunterwerfen und sich danach im Einkaufstrubel vor Verfolgern verstecken. Sogar Gesche Gottfrieds Spuckstein am Domshof hat etwas mit dieser Thematik zu tun: Im Jahr 1931 – die Nazis waren staatlich noch nicht etabliert – schlich sich ein NS-Gegner nachts zum Stein, ritzte an ihm herum und verwandelte das Kreuz in ein Hakenkreuz. Wer jetzt im Vorbeigehen auf den Stein spuckte, spuckte automatisch auf das Hakenkreuz und damit auf das Symbol der Nationalsozialisten.
In Stein gemeißelte Ideologie
Tourleiterin Holzner-Rabe geht zur Altmannshöhe in den Wallanlagen. Kein Ort in Bremen symbolisiert so deutlich, wie schwer es auch heute noch für eine Stadt ist, mit ihrer braunen Vergangenheit umzugehen. In die steinerne Ringmauer des Kriegerdenkmals sind Namen eingraviert: Namen von Bremer Soldaten, die auf den Schlachtfeldern Europas im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen. Pompös weihten es die Nazis 1935 ein, erhöhten die Zahl der Toten für Propagandazwecke von 6915 auf 10.000. Davor eine Skulptur: eine Mutter mit zwei Kindern. Das Baby an der Brust der mütterlichen Gebärmaschine, ganz wie es sich die Nazis vorstellen. Der kleine Junge an ihrer Hand wirkt muskulös und grimmig. Die Faust hat dieser kleine Soldat in spe erhoben, sein Blick geht stur geradeaus zum Soldatenmal. Es scheint, als wolle er die toten deutschen Soldaten mit aller Härte rächen. In Stein gemeißelte Ideologie der Nazis.
Und nach dem Krieg? Holzner-Rabe lächelt. „Es herrschte viel Unsicherheit. Die große Frage war: Wie soll man mit den Spuren dieser schrecklichen Epoche umgehen?“ Die Steinstaue sei nicht entfernt, sondern umgestellt worden, erzählt sie. Um den symbolischen Blickkontakt des Jungen zum Mahnmal zu brechen. Das Mahnmal selbst, der steinerne, halboffene Ring, wurde durch ein Gitter geschlossen. Um die Gefahr zu bannen, dass Rechtsradikale den Platz für Feiern nutzen. Auch habe der Senat entschieden, von außen Pflanzen hochwachsen zu lassen. „Der Gedanke war: Vielleicht kann die Natur irgendwann die Wunden der Vergangenheit unkenntlicher machen“, sagt Holzner-Rabe.
 
Verschwinden werden diese Wunden nie. Holzner-Rabe ist davon überzeugt, dass sie auch gar nicht ganz verschwinden sollen. Ganz wichtig seien diese noch sichtbaren Zeichen der Bremer Nazi-Herrschaft. „Wir brauchen Kenntnis der Vergangenheit“, sagt sie. „Nur so können wir die Gegenwart richtig begreifen und die Zukunft gestalten.“
Stattreisen führt bei der Führung „Bremen unterm Hakenkreuz“ durch den Schnoor, zur Böttcherstraße, über den Marktplatz, zur Altmannshöhe in den Wallanlagen und zum Gerichtsgebäude an der Domsheide. Die Führung dauert anderthalb bis zwei Stunden, die nächste findet am 3. September um 15 Uhr statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Teilnahme kostet sieben Euro pro Person (ermäßigt: sechs Euro), Treffpunkt ist an der Kirche St. Johann im Schnoor.



























































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