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Keim-Skandal am Klinikum Bremen-Mitte Jürgens-Pieper lehnt Verantwortung ab

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Bremen. Als sie am 1. November 2011 von dem Keimausbruch im Klinikum Bremen-Mitte mit drei toten Frühchen informiert wurde, habe sie "zügig und stringent" gehandelt, sagte Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) gestern im Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime". Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin sei eingeschaltet und die Öffentlichkeit informiert worden. Seit diesem Tag arbeite sie daran mit, das Krankenhaus so aufzustellen, dass ähnliche Keimausbrüche künftig mit einem professionellen Hygienemanagement bearbeitet würden.

Das Medienaufgebot bei der 31. Ausschuss-Sitzung war riesig. Ab 14 Uhr stellte sich die Senatorin als letzte Zeugin der öffentlichen Beweisaufnahme den Abgeordneten. Zentrale Frage dabei war, ob die Senatorin, die gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) ist, politische Verantwortung für Fehler im Hygienemanagement des Klinikums an der St.-Jürgen-Straße trägt. Diese Vorwürfe wies Jürgens-Pieper kategorisch zurück: Persönliche Verantwortung übernehme sie nur für das, was sie selbst tue oder unterlasse, stellte sie klar. "Ich übernehme keine Verantwortung für Probleme, die nicht in meinem Zuständigkeitsbereich liegen, sich meiner unmittelbaren Einwirkungsmöglichkeit entziehen", betonte die Senatorin. Sie habe nicht das Recht, den Klinikleitungen Anweisungen zu erteilen. Für die Arbeit in den vier Geno-Häusern seien die Geschäftsführungen zuständig.

Das Auftreten von Keimausbrüchen bezeichnete Jürgens-Pieper als "unabwendbare Folge der modernen Medizin". Jährlich komme es in Deutschland zu 15000 Todesfällen nach Infektionen mit Antibiotika-resistenten Keimen, besonders gefährdet seien Frühgeborene. "Das Besondere in Bremen ist also nicht der Keimausbruch an sich, sondern die Vermutung, dass schuldhaftes Handeln die Ursache ist", sagte sie.

Die SPD-Politikerin räumte ein, dass es "offenkundige Nachlässigkeiten und Fehler im Hygienemanagement" des Klinikums Mitte gegeben habe und forderte: "Der gesamte Reinigungsstrang sollte noch einmal einer Untersuchung unterzogen werden." Mehrere Gutachten und Begehungsprotokolle auf der geschlossenen Frühgeborenen-Intensivstation hatten gravierende Mängel bei der Desinfektion und Reinigung festgestellt. Jürgens-Pieper kritisierte zudem die Klinik und das Gesundheitsamt, sie hätten die Behörde früher über den Keimausbruch informieren müssen. "In der Rückbetrachtung lässt sich das aber leichter beurteilen", betonte sie.

Trotz der dokumentierten Mängel warnte die Senatorin aber davor, eine "Kausalkette" zu dem tödlichen Keimausbruch herzustellen und Schuldzuweisungen zu erheben. Noch sei nicht einmal klar, ob die Staatsanwaltschaft am Ende ihrer Ermittlungen Anklage erheben oder das Verfahren einstellen werde. Diese richten sich gegen den damaligen Chefarzt, Professor Hans-Iko Huppertz, der Mitte November von Ex-Geno-Chef Diethelm Hansen entlassen worden war. Das Arbeitsgericht hat die fristlose Kündigung inzwischen für unwirksam erklärt.

Jürgens-Pieper bezeichnete die Entlassung gestern als "Kardinalfehler im Krisenmanagement". Hansen habe sie erst nach diesem Schritt informiert. Der frühere Geno-Chef ist seit Ende Februar freigestellt, Jürgens-Pieper begründete dies gestern erneut mit "schleichendem Vertrauensverlust, der sich auf sein Krisenmanagement und die ungenügende Aufklärung des Hygieneskandals in dem Hygieneinstitut der Klinik bezieht".

Sie appellierte, dem Klinikum Mitte eine neue Chance zu geben, die Mitarbeiter seien verzweifelt. "Auch die wirtschaftliche Situation ist inzwischen bedrohlich", sagte sie. Das Krankenhaus habe sechs Millionen Euro weniger eingenommen.

CDU-Ausschuss-Mitglied Rainer Bensch erneuerte am Rande der Sitzung seine Forderung, "die Spitze des Gesundheitsressorts komplett neu zu besetzen". Dies sei "ein Gebot der politischen Hygiene", sagte er. Die "Mängelliste der Senatorin und ihres Staatsrates" sei lang, und das verloren gegangene Vertrauen könne nur durch eine "fachlich kompetente Spitze" wiedergewonnen werden. Bensch: "Für den Keimskandal muss politisch Verantwortung übernommen werden."

Mit der gestrigen Sitzung endet die öffentliche Beweisaufnahme des Untersuchungsausschusses, bei dem insgesamt mehr als 80 Zeugen und Sachverständige gehört wurden. Seinen Abschlussbericht will der Ausschuss voraussichtlich Ende September vorlegen. Die Quelle für den tödlichen Keimausbruch ist bislang nicht gefunden. Laut Experten ist die Chance, dass dies noch gelingen könnte, sehr unwahrscheinlich.



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Dossier zum Hygiene-Skandal

Wie Anfang November bekannt geworden ist, sind im Klinikum Bremen-Mitte mehrere Frühchen am sogenannten ESBL-Keim gestorben. In unserem Online-Dossier sammeln wir die Berichterstattung rund um den Hygiene-Skandal.

Der Abschlussbericht

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Keim-Skandal im Klinikum Bremen-Mitte benennt in seinem Abschlussbericht Fehler auf mehreren Ebenen.

Den kompletten Abschlussbericht lesen Sie hier.

Chronologie: Resistente Keime im Klinikum

30. April 2011: Der multiresistente Keim wird erstmals auf der Intensivstation für frühgeborene Babys entdeckt.

8. August 2011: Ein Frühchen stirbt an der Infektion. Im August und im September wird der Erreger bei weiteren Babys nachgewiesen.

7. September 2011: Die Klinikleitung informiert das Bremer Gesundheitsamt.

16./27. Oktober 2011: Zwei weitere Kinder sterben.

1. November 2011: Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) wird informiert, das Robert-Koch-Institut (RKI) eingeschaltet.

7. November 2011: Die Klinik startet mit der Desinfektion der betroffenen Intensivstation. 15 Babys werden verlegt.

15. November 2011: Der Chefarzt der Kinderklinik wird entlassen.

18. November 2011: Die Bürgerschaft in Bremen setzt einstimmig einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein.

1. Dezember 2011: Die RKI-Experten legen ihren Bericht vor. Sie können nicht mehr feststellen, was die tödliche Infektionswelle auf der Frühchenstation ausgelöst hat.

20. Dezember 2011: Auf der Frühchenstation wurde schlampig dokumentiert, Meldepflichten wurden missachtet. Zu diesem Schluss kommt ein Untersuchungsbericht von Staatsrat Matthias Stauch.

9. Januar 2012: Die Klinik eröffnet die Frühchenstation wieder.

23. Februar 2012: Wieder werden Darmkeime bei Frühchen nachgewiesen.

24. Februar 2012: Für die Station gilt ein Aufnahmestopp, Experten des RKI untersuchen die Vorfälle.

28. Februar 2012: Senatorin Jürgens-Pieper lässt prüfen, ob ein anderes Krankenhaus in Bremen für die Intensivbehandlung von Frühchen hergerichtet werden kann.

29. Februar 2012: Zwei Frühchen sterben an Blutvergiftung.

29. Februar 2012: Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper stellt Geno-Chef Diethelm Hansen von seinen Aufgaben frei

01. März 2012: Der Untersuchungsausschuss kündigt an, seine Arbeit fortzusetzen

02. März 2012: Die Staatsanwaltschaft schickt Gutachter auf de Frühchenstatuin

05. März 2012: Ermittler stellen Akten bei der Geno sicher

06. März 2012: Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper ernennt Jutta Dernedde zur neuen Chefin des Klinikverbundes

08. März 2012: Im Untersuchungsausschuss: Diethelm Hansen weist alle Verantwortung von sich

09. März 2012: Suche nach der Keimquelle wird ausgeweitet: Auch Besucher, Reinigungskräfte und Handwerker werden untersucht

13. März 2012: Hygieneregeln in Brmer Krankenhäusern sollen verschärft werden

14. März 2012: Ein Klebsiella-Keim wird auf einer Handschuhbox nachgewiesen

27. April 2012: Der Klinikverbund stellt einen neuen Krankenhaushygieniker ein

10. Mai 2012: Durch die Schließung der Frühchen-Intensivstation im Klinikum Mitte kommt es zu Versorgungsengpässen

14. Mai 2012: Erneuter Keimausbruch: Das gefährliche Darmbakterium wird bei einem zehn Wochen alten Baby nachgewiesen

22. Mai 2012: Neues Gutachten belegt erhebliche Hygiene-Mängel

22. Mai 2012: Das Arbeitsgericht erklärt die Kündigung des ehemaligen Chefarztes Hans-Iko Huppertz als unwirksam

23. Mai 2012: Gentest belegt, dass der Keim erneut im Klinikum aufgetreten ist

24. Mai 2012: Nach dem erneuten Keimfund verschärft die Klinik die Putzvorschriften

30. Mai 2012: Es wird bekannt, dass die Bakterien im September 2011 auch im Leitungswasser und auf Oberflächen gefunden worden

08. Juni 2012: In einer Dosieranlage für Desinfektionsmittel ist das Erbgut des Keims gefunden worden, an dem drei Frühchen auf der Station gestorben sind. Ein Test soll nun letzte Gewissheit bringen.

12. September 2012: Die Bremer FDP fordert den Rücktritt von Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper. Anlass ist ein Gutachten, in dem der Tod der Frühchen auf Fahrlässigkeit und Fehler im Haus der Gesundheitssenatorin zurückführt wird.

01. Oktober 2012: Zehneinhalb Monate nach seiner Entlassung wegen des Skandals kehrt der Chefarzt der Kinderklinik, Hans-Iko Huppertz, an seinen alten Arbeitsplatz zurück. Das Arbeitsgericht hatte seine fristlose Kündigung aufgehoben.

26. November 2012: Gesundheits- und Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper tritt zurück. Als Begründung gibt sie an, dass ihr weitere Mittel für den Bildungshaushalt nicht genehmigt wurden.

27. November 2012: Der Untersuchungsausschuss berät über seinen Abschlussbericht

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