
"Zum Glück ist noch alles gut gegangen", sagt Sonja Lachmann. In vier Wochen kann die 32-jährige Bremerin ihre beiden Söhne Damian und Ryan wohl endlich nach Hause bringen. Zurzeit befinden sich die Zwillinge noch in einem Krankenhaus in Hannover, Sonja Lachmann weicht nur selten von ihrer Seite. "Kein Wunder, bei dieser Geschichte", sagt sie.
Begonnen hat sie am 5. April. Mit Verdacht auf eine Schwangerschaftsvergiftung ist die 32-Jährige in das Klinikum Links der Weser (LDW) eingeliefert worden. In der Nacht, gegen 23 Uhr, erlitt die bereits zuvor als Risikoschwangere eingestufte Frau einen Blasensprung, zehn Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Möglichst schnell müssten jetzt die Geburt eingeleitet und die Kinder auf der neonatologischen Intensivstation versorgt werden. Zu Sonja Lachmanns Entsetzen war das aber nicht möglich: "Man sagte mir, dass auf der Intensivstation kein Platz wäre."

Ihren Schilderungen zufolge wurde daraufhin hektisch in anderen Kliniken mit einer neonatologischen Station nachgefragt. Das Ergebnis: Auch Oldenburg und Hamburg waren voll. Das Henriettenstift in Hannover hatte noch Kapazitäten frei. "Gegen 24 Uhr bin ich dann mit einem Rettungswagen nach Hannover transportiert worden", erzählt die 32-Jährige. Begleitet von zwei Sanitätern.
"Die Ärzte in Hannover waren schockiert", so Sonja Lachmann. Es sei unverantwortlich, eine Risikoschwangere in der 29. Woche nach einem Blasensprung eineinhalb Stunden ohne Notarzt-Begleitung auf eine ,Sightseeing-Tour’ durch Norddeutschland zu schicken, sagten sie." Die Ärzte in dem Hannoveraner Krankenhaus hätten ihr klar gesagt: Bei einer Geburt im Rettungswagen hätten die Frühchen keine Überlebenschancen gehabt.
Wenige Stunden später sind Damian und Ryan per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt worden. Eine weitere Komplikation hatte sich ergeben, sodass laut Sonja Lachmann jede weitere Minute für die Kinder lebensgefährlich geworden wäre. "Das war für mich ein einziger Horror", sagt die 32-Jährige, die den Schock immer noch nicht verdaut hat. "So etwas darf nie wieder passieren."
Der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) räumt ein: "Wir sind nicht glücklich mit dieser Situation, das ist nicht optimal gelaufen", betonte Sprecherin Karen Matiszick auf Nachfrage. "Grundsätzlich wäre es besser gewesen, wenn ein Arzt nach Hannover mitgefahren wäre. Die Entscheidung, die junge Frau nach Hannover zu verlegen, war nach Aussage der Ärzte aber medizinisch vertretbar."
Grund dafür sei, dass es nach dem Blasensprung keine Anzeichen für Wehen gegeben habe. Vor dem Transport im Rettungswagen habe man der Patientin zudem wehenhemmende Medikamente gegeben, sodass nach Einschätzung des diensthabenden Oberarztes eine Geburt während des Transports nicht gedroht hätte. Matiszick: "Hätte es daran Zweifel gegeben, wäre die Patientin nach Aussage der Ärzte im Klinikum Links der Weser geblieben. Das sind immer Einzelfall-Entscheidungen."
Grundsätzlich sei eine Verlegung vor der Geburt aber immer sicherer für Mutter und Kind. Notwendig sei die Verlegung von Sonja Lachmann geworden, weil eine andere Hochrisikoschwangere kurz zuvor ebenfalls Zwillinge zur Welt gebracht habe. Matiszick: "Damit gab es plötzlich keinen Platz mehr auf der Intensivstation."
Genau hier sieht die Bremer Gynäkologin Christiane König, die Sonja Lachmann während ihrer Schwangerschaft betreut hat, das Grundproblem. "Es ist nicht nachvollziehbar, warum nach dem Keimausbruch auf der Frühgeborenen-Intensivstation im Klinikum Mitte gleich die ganze Geburtshilfe geschlossen wurde", sagt sie. "Ohne darüber nachzudenken, was die Schließung einer so großen Station und auch der Neonatologie für die Versorgung bedeuten." Situationen wie die von Sonja Lachmann, in denen Risikoschwangere nicht mehr angemessen versorgt werden könnten, seien da programmiert.
Den Vorwurf richtet die Frauenärztin an die Gesundheitsbehörde. "Unser Berufsverband hat schon mehrmals versucht, mit der Senatorin über Probleme bei der Versorgung zu sprechen, auch vor dem Keimskandal. Eine Reaktion gab es bisher aber nicht. Leider muss immer erst etwas geschehen." Auch Sonja Lachmann hat gemeinsam mit ihrer Mutter Brunhilde einen Brief an Senatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) geschrieben. "Ich will verhindern, dass anderen Frauen so etwas auch passieren kann", sagt sie.




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