
Für Alexander Press ist es heute schon die vierte Stadtführung: "Wenn ich gleich was über den Roland erzähle, bin ich noch im falschen Film." Wir stehen nicht auf Bremer Marktplatz, sondern vor dem Supermarkt am Ulrichsplatz: mitten im Viertel, aber nicht typisch Viertel. Die Straßenbahnlinie 3 fährt hinter uns, bremst, fährt an und bremst wieder. Auf dem Ostertorsteinweg haben Fußgänger Vorrang.
Heimelig wird es erst in den engen Gassen, als wir auf der gepflasterten Fahrbahn der Wulwesstraße gehen, vorbei am Vasmerkreuz zu den Bars und Restaurants "Auf den Häfen". Die Gastronomen im Viertel hätten Gäste verloren, erzählt Press, seitdem es die Flaniermeile "Schlachte" gibt. Sein aktueller Eindruck: "Das Essen an der Schlachte ist schlechter geworden, nun kommen die Leute wieder zurück."
Am Dobben wird es wieder laut. Wir laufen an einem roten Backsteinhaus vorbei: das Haus von Lüder Rutenberg, dem Erfinder des typischen "Bremer Hauses". Ganze Straßenzüge im Viertel entstammen seiner Baumeister-Feder. Auf eigene Rechnung bauen, aber gewinnbringend verkaufen - ein einfaches Geschäftsgeheimnis im 19. Jahrhundert.
Eine solche Straße ist benannt nach Rutenbergs Gattin: Mathildenstraße. Dort dringen aus einer Etage Klarinettenklänge. "Mein ehemaliger Professor wohnt da hinten", sagt Press und will damit wohl sagen, dass sich junge Leute hier kein denkmalgeschütztes Haus leisten können. "Steht der Asphalt auch unter Denkmalschutz?", wird er gefragt. Tatsächlich müssten einige Schlaglöcher in der Mathildenstraße dringend ausgebessert werden.
Seit neun Jahren macht Alexander Press Stadtführungen. Man merkt dem 30-Jährigen an, dass er in Bremen studiert hat. Was die Kneipenszene im Viertel angeht, kennt er sich bestens aus: "Die Happy Hour ist ziemlich kurz, zwischen 21 und 22 Uhr." - "Viele Anwohner beschweren sich, dass die Sperrstunde nach Mitternacht nicht eingehalten wird." - "In der Capri Bar hängt ein Bild von Lassie und eins von Jesus. Beide helfen einem."
Von den Bars im Bermudadreieck laufen wir die Wielandstraße hinunter zu den Damen in der Helenenstraße. Was normalerweise eine Ehre ist, ist hier ein Racheakt: Die Helenenstraße ist benannt nach dem Vornamen einer Witwe, die sich weigerte, ihr Grundstück zu verkaufen. Bis heute ist Bremens kleine "Rotlichtmeile" deshalb eine Sackgasse.
An der Sielwallkreuzung erfahren wir von Alexander Press, dass das Frühstück im "Piano" gut und günstig sein soll, und dass das "Schweinske" an der Ecke es nur zwei Jahre ausgehalten hat. Zu groß seien die Proteste gegen die Restaurant-Kette gewesen.
Im Viertel entlud sich der Frust der Bürger auch schon früher an vermeintlichen Kleinigkeiten. So zum Beispiel 1968, als die Straßenbahn-Einzelkarte von 60 auf 70 Pfennig erhöht wurde und dies zu Sitzblockaden und Steinewürfen führte.
Über den Kultclub "Lila Eule", das Kulturzentrum Lagerhaus und das "Wohnzimmer" - Bremens Szenecafé mit "Sperrmüll-Sesseln und nachgemachter Tapete aus den Siebzigern" (Zitat Press) - wandern wir zum Wiener Hof. Er steht für ein Ensemble aus Mietshäusern im Wiener Jugendstil. Die traditionelle Protestkultur im Viertel hat hier Denkmalpflege betrieben: Einst sollten die Häuser abgerissen werden. Ausgerechnet Hausbesetzer haben das 1970 verhindert. Heute spiegelt die Architektur in der Weberstraße das Gemeinschaftsgefühl im Viertel wider.
Ein Lebensgefühl, das Bremer kennen und schätzen. Sie erfahren in der Stadtführung durch das Viertel wenig Neues. Zugezogene hingegen lernen mit Alexander Press die gemütliche und alternative Seite der Stadt kennen - und werden sich als neue Bremer zuhause fühlen.
Infos zu Führungen durch das "Viertel" mit Alexander Press gibt es bei "Rosige Zeiten", Telefon0 42 98 / 40 30 05.














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