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Interview mit dem Bremer Mediziner Eberhard Greiser "Bahnlärm betrifft die Hälfte aller Bremer"

Gleislärm in der City: Hartger Holm-Grünberg steht mit seinen Söhnen Anton und Lukas vor der Fußgängerschranke am Güterb
Gleislärm in der City: Hartger Holm-Grünberg steht mit seinen Söhnen Anton und Lukas vor der Fußgängerschranke am Güterb

Wie sich Lärm auf den Menschen auswirkt, hat der Bremer Mediziner und Epidemiologen Professor Eberhard Greiser vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen schon oft untersucht, zuletzt im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn. Jetzt bereitet er im Auftrag des Umweltbundesamtes eine Studie über Bremen vor. Mit ihm sprach Liane Janz im Vorfeld der Untersuchung.

Professor Greiser, Sie untersuchen unter anderem Lärm und seine Auswirkungen auf Menschen. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie dabei gekommen?

Eberhard Greiser: Lärm macht krank. Wir haben im Auftrag des Umweltbundesamtes zwei große epidemiologische Studien im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn durchgeführt. Dabei konnten wir die Daten von mehr als einer Million Versicherten von acht gesetzlichen Krankenkassen mit adressgenauen Daten von Fluglärm, Straßenverkehrslärm und Schienenlärm verbinden. Was im Wesentlichen dabei herauskam, war, dass Fluglärm, vor allem in der Nacht, zu einem stark erhöhten Risiko für Herz- und Kreislaufkrankheiten führen kann. Und dass von Fluglärm belastete Menschen viel häufiger von ihren Ärzten Herzmittel, Schlaf- und Beruhigungsmittel verordnet bekamen. Bei Frauen war diese Erhöhungen stärker ausgeprägt als bei Männern. Lärmschutz scheint das Erkrankungsrisiko etwas zu senken. Heute gehen alle seriösen Wissenschaftler davon aus, dass ein Zusammenhang zwischen nächtlichem Fluglärm und Herz- und Kreislauferkrankungen besteht.

Kann man Fluglärm mit Bahnlärm vergleichen?

Das kann man durchaus, weil der Schienenlärm eine ähnliche Struktur hat wie Fluglärm. Er tritt plötzlich mit einem starken Lärmanstieg auf. Bahnlärm hat dadurch ein höheres Aufweckpotenzial in der Nacht und eine höhere Störwirkung am Tage. Wobei man zwischen Personen- und Güterverkehr unterscheiden muss. Der meiste Lärm geht von Güterzügen aus. Das Fatale dabei ist, dass Güterzüge vor allem in der Nacht fahren.

Der Güterverkehr ist auch in Bremen Thema. Kennen Sie die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Bürgerinitiativen, Stadtteilpolitik und der Bahn?

Nein, das habe ich bis jetzt nicht verfolgt. Aber wir führen gegenwärtig, wieder im Auftrag des Umweltbundesamtes und mit Unterstützung der Gesundheitssenatorin, eine epidemiologische Studie in Bremen durch.

Worum geht es dabei?

Wir wollen den Einfluss von Bahnlärm, Fluglärm und Lärm von Autobahnen auf die Bremer Bevölkerung untersuchen. Im Moment verhandeln wir noch mit Datenschützern, weil wir dafür natürlich die Krankendaten der Bremer brauchen.

Welche Daten sind das genau?

Im ersten Teil werten wir Daten des Bremer Krebsregisters und des Bremer Mortalitätsindexes aus und bringen sie mit gesammelten Lärmdaten zusammen. Im zweiten Schritt wollen wir Daten der Krankenkassen und Krankenhausentlassungsdiagnosen untersuchen und feststellen, ob es einen Zusammenhang zwischen einem Wohnort nahe einer Lärmquelle und Herz-Kreislauf-Krankheiten, psychischen Erkrankungen und Krebs gibt.

Wie viele Daten brauchen Sie dafür?

Wir untersuchen die Daten von so vielen Menschen wie möglich, die in den Jahren 1998 bis 2010 zwischen 30 und 84 Jahre alt waren.

Was passiert dann?

Die Daten werden anonymisiert, bevor wir sie untersuchen. Es interessiert nicht, ob Herr Meier aus der Hackfeldstraße in Schwachhausen einen Herzinfarkt bekommen hat. Wir müssen nur wissen, wie viele Menschen in welchem Alter einen Infarkt erlitten haben und welchem Lärm sie vorher ausgesetzt waren.

Wann beginnen Ihre Untersuchungen?

Sie haben schon begonnen. Wir können heute zum Beispiel bereits sagen, dass die Hälfte aller Bremerinnen und Bremer von Bahnlärm betroffen ist, weil die Berechnung der Lärmwerte für alle Wohnhäuser in Bremen schon durchgeführt wurde. Ich hoffe, dass wir innerhalb der nächsten vier Wochen das Okay von den Datenschützern erhalten, damit wir dann die Krankheitsdaten bekommen können. Das ist etwas kompliziert, weil wir Daten von regionalen und überregionalen Krankenkassen haben möchten. Für die einen ist der Datenschutzbeauftragte des Landes Bremen zuständig, für die anderen der Datenschutzbeauftragte des Bundes. Wenn wir dann alles haben, werden wir den Sommer über mit den Auswertungen beschäftigt sein. Das wird ein gutes Stück Arbeit. Wir sind weniger als zehn Leute, die sich damit befassen.

Und wann können Sie Ergebnisse vorweisen?

Wenn alles klappt, wie geplant, können wir gegen Ende des Jahres mit den Ergebnissen rechnen. Dann können wir auch darstellen, wie sich Schienenlärm, Fluglärm und der Lärm von Autobahnen im Einzelnen und in Kombination in Bremen darstellen.

Inwiefern könnte Ihre Studie in den Verhandlungen zum Lärmschutz an der Schiene relevant sein?

Schienenlärm, vor allem nächtlicher Schienenlärm, ist etwas, das unbedingt einer Veränderung bedarf. Man muss den verantwortlichen Politikern zeigen, welche gesundheitlichen Auswirkungen der Lärm hat und welche sozialen Kosten damit einhergehen.

Haben Sie Hoffnung, dass die Politik dann eingreift?

Die Verkehrspolitiker, die in dieser Sache etwas machen können, werden sich erst dann bewegen, wenn man ihnen genau vorrechnet, wie viele Tote es jährlich durch Lärm gibt. Insofern können handfeste Untersuchungen des Lärms schon etwas bewirken.



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