
Herr Seidel, Bremen hat in seiner Innenstadt eine Einzelhandelsquote von 16 Prozent gemessen an der gesamten Einzelhandelsfläche in der Stadt. Experten halten das für viel zu wenig, Sie auch?
Uwe Seidel: Ja, auf jeden Fall, selbst wenn man die spezifische Stadtstruktur und das Siedlungsgefüge berücksichtigt. Mittelfristig ist aus unserer Sicht ein Innenstadtanteil von etwa 25 bis 30 Prozent an der Gesamtverkaufsfläche anzustreben. Das macht deutlich, dass es eher eines großen Wurfs bedarf als nur kleiner Schritte.
Hätte die Politik früher gegensteuern müssen, insbesondere, was die Märkte auf der grünen Wiese betrifft?
Auch aus heutiger Sicht war es richtig, auf Bremer Territorium Projekte zu realisieren, die das raumordnerische Ungleichgewicht zwischen dem niedersächsischen Umland und Bremen selbst vermindern. Insofern ist zum Beispiel der Weserpark auch heute ein sinnvoller "Pfropfen" gegen die Nachfrageabflüsse ins niedersächsische Umland und damit auch zu Dodenhof. Auch kann man Bremen nicht vorwerfen, man hätte nichts gegen den Ochtumpark unternommen.Was denn zum Beispiel?Unser Haus hat im Auftrag des Bremer Bauressorts systematisch analysiert, welche Flächenentwicklung in der Nachbargemeinde Stuhr stattgefunden hat, wie stark diese zulasten der Bremer Nebenzentren und der Innenstadt wirkt und welche für Bremen unheilvollen Perspektiven der Ochtumpark als Fabrikverkaufsstandort auch künftig hat.
Und die Waterfront?
Die Wiederbelebung der Waterfront, die dank Primark als Mekka der Jugendlichen in ganz Norddeutschland gilt, unterstützt heute die Ausstrahlung von Bremen ins Umland und hat – soweit wir das überschauen können – keine gravierenden Lücken in den innerstädtischen Handel gerissen. Vielleicht auch deshalb, weil die Waterfront in einer Zeit ohne City-Center Formate und Betreiber aufgenommen hat, die bislang in Bremen nicht vertreten waren.
Konkret plant die Stadt seit Jahren im Bereich des Angarikirchhofs ein wie auch immer geartetes City-Center. Ergebnis bisher ist, dass dort Monopoly gespielt wird. Die Häuser wechseln schnell ihre Besitzer, es wird spekuliert. Eine zwangsläufige Entwicklung oder mangelndes Geschick der Planer?
Uns steht es nicht zu, das gewählte Verfahren zu bewerten, auch unser Büro hatte ein Angebot für die fachliche Begleitung zur Erarbeitung der sogenannten "Bremer Lösung" abgegeben. Auf der anderen Seite überrascht uns nicht, dass ein ‚Run‘ auf die Immobilien und Grundstücke eingesetzt hat, als erkennbar war, welche Lösung und welche Areale die Stadt präferiert. Wir erkennen aber auch an, dass Bremen angesichts der Haushaltslage und der Dimension des Gesamtvorhabens nicht in einen Zwischenerwerb der Grundstücke einsteigen wollte und konnte – nur so hätte man den Prozess klar steuern können.
Die CDU hat vor einigen Wochen ein alternatives Konzept vorgelegt. Sie will für ein City-Center das Parkhaus Mitte abreißen. Ansgari (mehr am Rand) oder Parkhaus Mitte (mittendrin). Was meinen Sie?
Wir befürchten, dass durch die isolierte Entwicklung des Grundstückes Parkhaus Mitte kein großer Wurf gelingen kann. Insofern würden wir eine Gesamtentwicklung des Areals zwischen Parkhaus Am Brill und Parkhaus Mitte vorziehen. Nur so lässt sich auch ein leistungsfähiges Flächenkonzept, eine Tiefgaragenlösung und die Verknüpfung der einzelnen Baukörper bewerkstelligen. Mit anderen Worten: Wir raten von einer isolierten Einzellösung ab, davon gibt es schon genug.
Wie groß sollte das City-Center sein?
Mindestens 20000 bis 25000 Quadratmeter, sonst strahlt es nicht genügend in die Region aus. Denn letztlich wollen gerade die Verbraucher aus dem Umland mit einer entsprechenden Angebotsvielfalt der bremischen Innenstadt davon überzeugt werden, am Ochtumpark oder an Dodenhof vorbei in die Bremer City zu kommen.
Wünschen Sie sich für Bremen so etwas wie die ECE‘s zum Beispiel in Oldenburg, Braunschweig und Hannover? Oder würde aus Ihrer Sicht zur Bremer City eher etwas Heterogenes passen, viele Kraftzentren, ein Passagengeflecht oder Ähnliches?
Die Beschaffenheit eines City-Centers sollte im Ergebnis dafür sorgen, dass ein signifikanter Flächenschub der Innenstadt zugutekommt, die Reichweite des Innenstadteinzelhandels zunimmt und die Einzelhandelszentralität von Bremen gerade in den innenstadtrelevanten Branchen deutlich ansteigt. Um diese Ziele zu erreichen, braucht man ein modernes Shoppingcenter. Wir können uns dabei durchaus eine Lösung wie beim Projekt "Milaneo" im Stuttgarter Europaviertel vorstellen, bei dem drei klar erkennbare Baukörper um einen prägenden, attraktiven Platz gruppiert sind und dabei intern wie extern gut vernetzt sind.
Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang die Rundläufe. Die Geschäfte am Wall sind wie abgeschnitten, die Wasserlage der Stadt schlecht ausgenutzt, und hinter den 1-A-Lagen zum Beispiel in der Obernstraße tun sich wenige Meter weiter extrem schlechte Lagen auf.
Die bisherigen Versuche Bremens, zum Beispiel einen Rundlauf über die Achse Knochenhauerstraße zu etablieren, sind nicht richtig geglückt. Nach wie vor prägend ist das "Konsumenten-L", bestehend aus Obernstraße und Sögetraße. Insofern sind wir aber zuversichtlich, dass mit dem City-Center ein Anker etabliert werden kann, der einen künftigen Rundlauf begünstigt.
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, mit neuen Einkaufsflächen auch Wohnen in die City zu holen?
Im Zeitalter des demografischen Wandels und der Rückorientierung auf die Innenstadt als Wohnstandort sind alle Bemühungen zu begrüßen, Wohnen in die Innenstadt zu holen. Als Bestandteil eines Shoppingcenters ist Wohnen dennoch weder selbstverständlich noch konfliktfrei. Gerade die Banken tun sich schwer, Projekte mit Teileigentum zu finanzieren.
Und für wie wichtig erachten Sie heute noch die Auto-Anbindung einer City?
Auch wenn die Bremer Innenstadt über eine leistungsfähige Erschließung im öffentlichen Nahverkehr verfügt, wird auch künftig mehr als die Hälfte des Einzelhandelsumsatzes der Innenstadt von Autokunden abhängig sein. Gerade die Verbraucher aus dem Umland sind in der Regel auf den Pkw angewiesen. Insofern kommt auch ein künftiges City-Center nicht ohne eine leistungsfähige Tiefgarage mit Pkw-Stellplätzen aus. Empirische Befragungen zeigen uns immer wieder, dass die Verbraucher bis ins hohe Lebensalter hinein nicht auf individuelle Mobilität verzichten wollen und sie diese als Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ansehen.
Zur Person: Uwe Seidel, Jahrgang 1969, ist Diplomkaufmann und hat sich auf Stadtentwicklung und Handel spezialisiert. Seit 2003 arbeitet er im Beratungsunternehmen Dr. Lademann & Partner. Seit 2006 ist er dort Gesellschafter.






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