
Die Lok ist alt, der Lack ist ab, und das sprichwörtlich. Er ist abgestoßen, Metall schimmert durch, Spuren einer Nacht, die sich im schwäbischen Göppingen in das Gedächtnis der Modelleisenbahner eingebrannt hat. Es war die Nacht zum 18. Januar 2005, die Nacht, in der die historischen Modell-Eisenbahnen gestohlen wurden, die Prototypen und Einzelstücke wie das 120 Jahre alte "Storchenbein", die allererste Märklin-Lok. Ein Millionenschaden. Der Fall konnte zwar aufgeklärt und die Beute zurück ins Märklin-Museum gebracht werden, doch die Schäden an den Eisenbahnen sind nicht zu übersehen. "Alles nur, weil die Einbrecher sich nicht die Mühe gemacht haben, ihre Beute ordentlich zu verstauen", sagt Eric-Michael Peschel. Ärgerlich findet der Märklin-Sprecher das, ein Frevel geradezu, so geht man mit Modelleisenbahnen nicht um.
Die Geschichte des "Mythos Modellbahn" beginnt 1784 mit dem englischen Ingenieur William Murdock und dem miniaturisierten Versuchsmodell eines gleislosen Dampfwagens - einem Modell das sich noch sehr an der Technik des Vorbilds orientiert hat. Danach kamen unterschiedliche Mini-Bahnen auf den Markt, betrieben mit Strom, mit Dampf, mit Uhrwerken. 1891 legten die Gebrüder Märklin den Grundstein zu dem, was sich in den Jahrzehnten darauf zu einer Spielzeuglegende entwickeln sollte. Sie entwickelten das Storchenbein, eine Modelleisenbahn, die mit einem Uhrwerk betrieben wurde und selbstständig auf einer Schienenanlage in Form einer Acht fahren konnte.
Lok und Tender wurden ein Renner, die Modelleisenbahn ein Welterfolg - nicht zuletzt auch, weil die verschiedenen Hersteller im Laufe der Jahre auf Drängen der Märklin-Führung ihre Spurweiten vereinheitlicht haben, womit die unterschiedlichen Bahnen kombinierbar wurden. Der Siegeszug der Modelleisenbahnen war damit nicht mehr aufzuhalten, inzwischen erzielen Unikate und Liebhaberstücke auf Auktionen Höchstpreise im fünfstelligen Euro-Bereich, und Jahr für Jahr liegen neue Loks und Schienen auf den Gabentischen.
Eine Modelleisenbahn ist für viele Jungen eine Station auf dem Weg zum Erwachsenwerden. "Viele Kunden sind junge Eltern, Mitte 20, erstes Kind, mit dem gemeinsam eine Bahn aufgebaut wird", sagt Peschel. Die Rollenverteilung ist meist klassisch. "Die Männer übernehmen die Technik, die Frauen die Gestaltung." Doch immer mehr Frauen reicht das nicht, sie wollen lieber selber an den Steuerpulten sitzen, sagt Peschel, sie wollen ihre eigenen Züge durch Miniaturlandschaften steuern. Und so gibt es in der Modelleisenbahner-Gesellschaft inzwischen sehr aktive Frauen-Vereine.
Der typische Kunde ist älter als 40
Aber dennoch, sagt der Märklin-Sprecher, wenn man ganz ehrlich ist, ist die Eisenbahn noch immer ein Männer-Hobby und der typische Modelleisenbahner ein Mann ab 40 Jahren aufwärts, gutsituiert und technikbegeistert. Fernsehmoderator Günther Jauch gehört dazu, oder Horst Seehofer, der unlängst einem Journalisten des "Spiegel" von der Modellbahn im Keller seines Ferienhauses in Schamhaupten erzählte: Den Bonner Bahnhof hat der bayrische Ministerpräsident nachgebaut, sogar der Bundeskanzlerin einen Platz gegeben. Er hat ein Porträtfoto Merkels klein kopiert, es auf eine Plastikfigur geklebt und sie in eine Diesellok gesetzt. Nun dreht sie ihre Runden immer dann, wenn Seehofer es will.
Basteln, etwas Schaffen, eine komplette Landschaft entwerfen, so, wie Seehofer es gemacht hat, darum geht es jedem, der eine Modelleisenbahn hat, sagt Peschel. "Eine Modelleisenbahn ist etwas zum Anfassen, sie hat etwas Sinnliches, und deswegen wird sich die Modellbahn auch in Zukunft gegen die Konkurrenz der Videospiele behaupten", ist sich der Märklin-Sprecher sicher. Doch dafür müssen die Hersteller ihren Kunden immer wieder etwas Neues bieten, Sondermodelle und Sammlerstücke - wie den "Big Boy" zum Beispiel.
Das Original ist eine 548 Tonnen schwere Lokomotive, die Anfang der 40er-Jahre gebaut wurde, um Güterzüge durch die Rocky Mountains zu ziehen. Rund eine halbe Million Euro kann es kosten, eine Lokomotive wie den Big Boy ins Mini-Format zu bringen. "Wir haben dafür extra ein Team nach Amerika geschickt", sagt Peschel. Jeden Millimeter des "großen Jungen", wie die Lok übersetzt heißt, haben seine Kollegen fotografiert, Baupläne studiert, umgerechnet, sogar die Geräusche haben sie aufgenommen. Sie haben sie digitalisiert und auf kleine Computerchips gebannt, die in den Big Boy eingebaut werden.
All das passiert im Märklin-Stammsitz. Dort werden sie produziert, die Träume der Modelleisenbahner, in einem aus der Jahrhundertwende stammenden Industriebau an einer Hauptstraße in der 60000-Einwohner-Stadt Göppingen, in dem die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren ihre ganz persönliche Berg- und Talfahrt erlebt haben. 2006 wurde das Unternehmen an die britische Finanzgruppe Kingsbridge Capital verkauft. Märklin schrieb Verluste, Berater zogen Millionen aus dem Unternehmen, 2009 schließlich meldete Kingsbridge Capital Insolvenz für die Modellbahn-Sparte an - kurz vor der Nürnberger Spielwarenmesse, ausgerechnet. Doch unter dem Insolvenzverwalter Michael Pluta kämpfte sich Märklin wieder zurück in die Spur, inzwischen schreibt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen.
Pluta hat sie gerettet, das sagen viele der "Märklianer", die ihre Jobs behalten haben und aus Hunderten Einzelteilen Modelleisenbahner-Träume zusammenstecken und -schrauben. Vieles ist dabei noch reine Handarbeit, und das, obwohl einige der Bauteile nur wenige Millimeter groß sind. Und selbst dort, wo der Roboter die Arbeitsschritte übernimmt, "kontrollieren unsere Mitarbeiter alles noch einmal mit eigenen Augen", sagt Peschel.
"Welthauptstädte der Modellbahn"
In Göppingen haben auch die Designer und Entwickler ihren Arbeitsplatz, Menschen, die immer neue Modelle konzipieren, immer neue Ideen verfolgen. "Im Moment arbeitet diese Abteilung an Loks und Eisenbahnen, mit denen wir 2012 und 2013 auf den Markt kommen", sagt Peschel. Was genau das sein wird? "Das ist natürlich geheim." Ankündigungen wie diese lassen besonders die Herzen der Sammler höherschlagen, die sich in exklusiven Klubs zusammengefunden haben, um ihrem Hobby zu frönen. Menschen, die möglichst keine Lok verpassen wollen, und sei sie noch so teuer. Wer sehen will, wohin eine solche Modelleisenbahn-Leidenschaft führen kann, muss nur einen Blick nach Hamburg oder Berlin werfen, in die beiden Metropolen, die man wohl als "Welthauptstädte des Modelleisenbahn-Wesens" bezeichnen kann. In Berlin hat Stefan Göddeke in seinen "Loxx Miniatur Welten" die Bundeshauptstadt verkleinert, und in Hamburg haben Freddy und Gerrit Braun gleich mehrere Szenerien im Modellbahn-Maßstab nachgebildet.
"Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie Freddy Braun vor 14 Jahren auf einer Messe zu uns kam", sagt Peschel. Ein Verrückter, ein Freak, hat er damals gedacht, "aber auch ein Mann mit einer Vision". Die ersten Lieferungen gingen seinerzeit noch durch den Zoll, denn das Gebäude, das sich die Braun-Zwillinge ausgesucht hatten, um ihr "Miniatur Wunderland" aufzubauen, "lag damals noch im Freihafen", sagt Peschel, "die Hafencity ist erst viel später entstanden". Heute sind die gigantischen Modellbahn-Landschaften in Berlin und Hamburg "für uns so etwas wie ein externer Showroom". Aber sie können dem Nachwuchs natürlich auch Angst machen, "denn das ist schon ein unglaublich hohes Niveau", sagt Peschel. "Als Privatmann kann man da kaum mithalten."
Doch die Zukunft der Modelleisenbahn liegt ohnehin nicht im Großen, im Superlativ, das spiegelt sich auch in den Anlagen wieder, die aktuell in den Fachmagazinen vorgestellt werden, sagt Peschel. Kleine Anlagen, untergebracht in Regalwänden, in Raumteilern und sogar in Schreibtisch-Schubladen - "für Manager, die zwischen ihren Meetings auf andere Gedanken kommen wollen", sagt der Märklin-Sprecher. "Jeder hat irgendwo Platz für eine Eisenbahn."
Es gibt jedoch noch einen anderen Trend: Den zur einfachen Anlage, zum Schienenoval ohne großen Schnickschnack, ohne Zubehör und komplizierte Technik. Die Firmen haben darauf reagiert, sie haben einfache Modellkästen zusammengestellt, eine Art Einsteigerset, das der Modelleisenbahn den Weg in die Kinderzimmer ebnen soll. Mit Erfolg, sagt Peschel, denn bisher sind Zigtausende dieser Sets verkauft. Hübsch verpackt werden sie auf den Gabentischen liegen - und so wird auch in diesem Weihnachtsfest in unzähligen Familien der Grundstein gelegt für die nächste Generation Modelleisenbahner.






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