
Selten sind sich Senat und Bürgerschaft so einig gewesen, wie unlängst beim Thema "Häusliche Beziehungsgewalt". Auf einem Fachtag Ende vergangenen Jahres hatte sich zudem Bürgermeister Jens Böhrnsen eindeutig in seiner Rede positioniert: "Es ist die ureigenste Aufgabe des Staates, Schutz zu gewähren." Dem stimmten in der jüngsten Debatte vor Ostern auch Abgeordnete und Senatoren zu. Doch für Tausende von Frauen, die in Bremen leben, scheinen alle politischen Positionspapiere und Absichtserklärungen nichts zu ändern: Sie werden zu Hause weiterhin brutal misshandelt, oft vor den Augen ihrer Kinder, ohne dass sie kostenlose, kompetente Hilfe von außen erfahren. "Keine Großstadt unserer Größe erlaubt sich nichts zu haben", kritisiert Bremens Frauenbeauftragte Ulrike scharf. "Das ist ein Skandal."
Nacht für Nacht müssen Polizeibeamte raus, um angetrunkene, hoch aggressive Männer aus der Wohnung zu verweisen, Frauen ins Krankenhaus und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Ob in Oberneuland oder Oslebshausen: Die Taten werden vertuscht und heruntergespielt, die blauen Flecken mit Make-up zugedeckt. Selbst beste Freundinnen ahnen oft nicht, welch Martyrium Frauen manchmal jahrelang erleiden. "Beziehungsgewalt ist weiterhin stark tabuisiert", sagt Boris Gehrcke. Der Gestalttherapeut arbeitet seit Jahren mit Männern, die in ihren gewalttätigen Wutausbrüchen gegen ihre Partnerinnen eine kurze, rauschhafte Selbstwertsteigerung erfahren. Längst nicht alle Schläger finden das richtig. Bei vielen dominierten anschließend heftige Schuldgefühle und der Vorsatz: "Das passiert mir nie wieder."
Ohne fachlich begleitete Auseinandersetzung mit der eigenen Aggression bleibe es meist ein frommer Wunsch, wissen die Fachleute. Zu ihnen gehört Gehrckes Kollegin, die Psychologin Astrid Schwarz. Sie berät die Opfer häuslicher Gewalt. Gehrke und seine Kollegin sind die einzigen Mitarbeiter des Vereins "Neue Wege". Beide stehen jeweils nur wenige Stunden pro Woche zur Verfügung. Denn: Mehr Stunden würde den Etat des Vereins überfordern. "Neue Wege" ist mit 15 000 Euro jährlich ausgestattet. Dafür muss der Verein die Honorare der beiden Fachleute zahlen und Miete, Strom und die Ausgaben des Büros begleichen. "Dieser Etat ist mehr als lächerlich", hatte Ulrike Hauffe bereits in der Vergangenheit heftig kritisiert. Die Konsequenz sei, dass die einzige unabhängige und kostenlose Beratungsstelle in Bremen seit Jahren nicht mehr auf sich aufmerksam macht, da sie für mehr misshandelte Frauen gar keine Kapazität hat.
So betreut Astrid Schwarz im Schnitt gerade mal 50 Frauen pro Jahr. Angesichts von geschätzt mehreren Tausend Fällen jährlich sei die fachlich anerkannte Arbeit des Vereins kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, so Ulrike Hauffe.
Ab Ende des Jahres wird in Köln mit Mitteln des Bundes für vier Millionen Euro jährlich ein Telefonnotruf eingerichtet, an den sich misshandelte Frauen aus der ganzen Bundesrepublik wenden können. Benötigen die Anruferinnen weitere Unterstützung, verweisen die Beraterinnen auf örtliche Anlaufstellen. "Die Kölner würden die Anruferinnen aus Bremen und dem niedersächsischen Umland alle an den kleinen Verein ’Neue Wege’ verweisen. Dabei haben die jetzt schon keine Kapazitäten mehr", betont Ulrike Hauffe.
Zurzeit sei in Bremen ein typisches Phänomen zu beobachten, so Hauffe: "Die Gewalt, denen Frauen in den eigenen vier Wänden ausgesetzt sind, wird kurzfristig öffentlich diskutiert und dann gerät es wieder völlig ins Abseits." Dabei seien viele der Opfer Kinder. Sie müssten mit ansehen, wie ihre Mütter geschlagen, bespuckt, getreten oder gewürgt würden, wie die Bremer Familienrichterin Sabine Heinke in der Debatte betonte. "Diese Kinder lernen von klein auf, dass Gewalt eine Form von Kommunikation ist." Entscheide sich eine Frau, zu ihrem Partner zurückzukehren, seien die Kinder körperlich und seelisch gefährdet, sobald es zu neuen Gewaltexzessen komme.
In dem 5. Bericht der ressortübergreifenden Arbeitsgruppe "Häusliche Beziehungsgewalt", mit dem sich die Bürgerschaft vor Kurzem beschäftigte, sind sich Fachleute einig, dass der Verein erheblich finanziell gestärkt werden müsste. Außerdem müssten Angebote für Frauen in den Familien- und Quartierszentren in den Stadtteilen verankert werden, damit Migrantinnen oder Frauen mit kleinen Kindern rasche Unterstützung finden könnten. Von zentraler Bedeutung sei darüber hinaus die Einbeziehung der Haus- und Frauenärzte.
Ulrike Hauffe: "Um uns herum gibt es nur Leute, die das richtig und wichtig finden. Aber dann geschieht doch nichts."





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