
Enno Kutzner kennt das Geschäft mit den Altfahrzeugen. Neben Essen sei Bremen der größte Gebrauchtwagen-Handelsplatz in Deutschland – jedenfalls, wenn es um den Export nach Afrika und in arabische Länder geht, sagt der Kontaktpolizist. Das Geschäft sei fest in libanesischer Hand. Die Erklärung: „Während des Bürgerkriegs im Libanon sind viele Menschen aus diesem Land geflüchtet. Sie leben jetzt überall auf der Welt. Sie kennen sich untereinander, denn es sind weit verzweigte Familien. Deshalb haben die Libanesen in Bremen weltweit gute Kontakte.“ Ein deutscher Händler könne solche Geschäfte nicht abwickeln, weil ihm ähnliche Verbindungen fehlten. Und so hätten die libanesischen Autohändler nur das gemacht, was jeder Unternehmer tut: Sie haben eine Nische entdeckt und besetzt.
Kutzner sagt von sich, er kenne fast jeden libanesischen Gebrauchtwagenhändler in Bremen. Der Grund: Er ist als Kontaktpolizist nicht nur für Strom und Seehausen zuständig, sondern auch für die Autohandelsplätze. Sie konzentrierten sich über viele Jahre an der Carl-Francke-Straße. Heute sei ein Platz an der Senator-Apelt-Straße zu finden, zwei weitere an der Richard-Dunkel-Straße hinter Real und an der Industriestraße. An der Warturmer Heerstraße liegt zudem ein Platz, auf dem Autos für den Export nach Afrika gesammelt werden.
Nach deutschen Maßstäben herrsche auf den Plätzen ein großes Durcheinander. Doch das täusche, betont der Polizist. „Da ist durchaus System drin, die Händler haben das Geschäft sehr wohl geordnet.“ Einem Westeuropäer sei diese Ordnung allerdings fremd – deshalb dauere es etwas, bis er sie durchschaue.
Wenn Kutzner von den libanesischen Autohändlern erzählt, sagt er zwar auch: „Natürlich gibt es da schwarze Schafe.“ Aber die gebe es in jeder Branche. Auch die Schießerei auf einem Platz in der Carl-Francke-Straße, bei der im Jahr 2000 ein libanesischer Autohändler starb, erwähnt der Beamte natürlich. Insgesamt, sagt Kutzner aber, habe er als Polizist keine Probleme mit den Händlern. Gebe es etwas zu regeln, dann rufe er die Betroffenen an – und die Sache werde erledigt.
Was die Geschäfte der Händler angeht, klingt Respekt bei dem Polizisten durch. Kein einziges der Autos, sagt er, sei über einen Kredit finanziert. Und dabei gebe es auf den Plätzen reihenweise Autos, die mehrere Tausend Euro wert seien. Jeder Kauf, jeder Verkauf werde bar abgewickelt. Die Händler seien risikobereit, sie wüssten genau, für welche Summe sie einen Wagen weiterverkaufen können. Sie machten auch dann ein Geschäft, wenn die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis nur bei 50 Euro liege. Und: Der Händler, der als erster auf die Idee mit den Visitenkarten kam, sei heute „ein gemachter Mann“.
Die Frage, welche Autos aufgekauft werden, lasse sich nicht pauschal beantworten, sagt Kutzner. „Das hängt von der Entwicklung in den Abnehmerländern ab.“ Derzeit würden sehr viele Fahrzeuge nach Libyen verschifft. Außerdem verfolgten die Händler ganz genau, was sich in Syrien tut. Sobald das dortige Regime stürzt, da ist sich Kutzner sicher, entstehe ein ganz neuer Markt. „Das wird von einem Tag auf den anderen einen unglaublichen Run geben.“ Viele Exporte gingen zudem über Land nach Osteuropa – etwa nach Polen, Litauen, Weißrussland oder nach Bulgarien. Die Fahrzeuge, die dagegen praktisch nur noch Schrottwert haben, landeten meist in Afrika – denn dort gebe es keinerlei Einfuhrbeschränkungen.
Vor der Schiffsreise nach Afrika wird bei den Fahrzeugen alles abgebaut, was nicht niet- und nagelfest ist, und im Inneren des Wagens verstaut. Dann werden die Türen zugeschweißt. Der Sprit wird abgesaugt, mehr als ein paar Liter bleiben nicht im Tank. Das ist nötig, weil die Fahrzeuge in Afrika zunächst auf riesige Abstellplätze kommen und die Gefahr groß ist, dass dort alles abgeschraubt wird, was sich verkaufen lässt, erklärt Kutzner.
Nach Angaben des Bremer Zolls ist der Export von Gebrauchtwagen nach Afrika über die Bremer Häfen mit der Weltwirtschaftskrise und der „Abwrackprämie“ zusammengebrochen. Davor, sagt Zollsprecher Frank Presch, hätten den Industriehafen jedes Jahr vier bis fünf Schiffe mit bis zu 1000 Fahrzeugen verlassen. Mittlerweile ziehe die Ausfuhr langsam wieder an. Enno Kutzner schätzt: Zu Spitzenzeiten sind allein über die Bremer und Hamburger Häfen 3000 Gebrauchte im Monat ausgeführt worden. Den Export über den Landweg mitgerechnet, seien damals von den Bremer Händlern monatlich wohl um die 10 000 Fahrzeuge weiterverkauft worden. Um Autos aufzukaufen, seien die Händler im ganzen Nordwesten unterwegs. Derzeit, fügt Kutzner hinzu, würden insgesamt pro Monat „vielleicht noch 1500 bis 2000“ Gebrauchtwagen aus Bremen exportiert.
Wer sein Auto an einen sogenannten Kärtchenhändler verkaufen will, sollte sich vorher darüber informieren, was sein Wagen noch wert ist, rät der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC). Denn in der Regel versuchten die Händler, den Preis so weit wie möglich zu drücken, sagt Dirk Matthies aus der Verkehrsabteilung des ADAC Weser-Ems. Außerdem sollte man das Auto vor dem Verkauf abmelden und auf einem schriftlichen Kaufvertrag bestehen, so Matthies. Wem es nur darum gehe, die Kosten für die Verschrottung zu sparen, der könne seinen Wagen auch zu seinem angestammten Händler bringen. Denn seit 2007 seien sämtliche Hersteller und damit auch ihre Vertragshändler verpflichtet, Altautos ihrer Marke kostenfrei zurückzunehmen – auch dann, wenn der Wagen woanders erworben wurde




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