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WESER-KURIER-Interview mit dem neuen Chef der Jacobs University Peitgen: "Die Idee der Uni begeistert mich"

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Heinz-Otto Peitgen (links) wird an der Jacobs University Nachfolger von Joachim Treusch.
Heinz-Otto Peitgen (links) wird an der Jacobs University Nachfolger von Joachim Treusch.

Herr Peitgen, warum sind Sie von der Findungskommission ausgewählt worden? Weil Sie ein hervorragender Mathematiker sind? Weil Sie ein erfolgreicher Wissenschaftsmanager sind? Oder weil Sie viele reiche Leute kennen?

Heinz-Otto Peitgen:Ich glaube, meine langjährige persönliche Zuwendung zur Jacobs University hat die größte Rolle gespielt. Mein Engagement hat im Oktober 1997 begonnen. Ich war von Beginn an eingebunden in die Universitätsgründung. Was letztlich den Ausschlag gegeben hat? Da müssen Sie andere fragen.

Joachim Treusch:Ich habe nicht der Findungskommission angehört. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich mit dem Ergebnis außerordentlich zufrieden bin. Ich halte die Wahl Heinz-Otto Peitgens für eine Ideallösung.

Na schön, anders gefragt: Herr Treusch, was muss Ihr Nachfolger mitbringen?

Treusch:Er muss offene Augen haben und über den Tellerrand alles Fachspezifischen hinaus blicken. Er muss vorbehaltlos mit den Menschen hier, Menschen aus 110 Nationen, und ihren Kulturen umgehen. Und er muss in der internationalen Wissenschaft einen Namen haben, der den Exzellenzanspruch dieser Universität überzeugend nach außen trägt

Aber um die Zukunft der Privat-Uni zu sichern, muss der neue Präsident doch auch Geldquellen auftun.

Peitgen:Das stimmt. Dabei ist es sicher hilfreich, auch auf Netzwerke jenseits der Wissenschaftsszene zurückgreifen zu können. Solche Kontakte habe ich in den vielen Jahren meiner wissenschaftlichen und unternehmerischen Tätigkeit aufgebaut und gepflegt. Und ich bin fest davon überzeugt, dass man Spender und Sponsoren nur gewinnen kann, wenn man von der Idee dieser Universität nicht nur überzeugt, sondern wirklich begeistert ist. Das bin ich.

Was wird der neue Präsident mit und in der Jacobs University tun?

 

Peitgen:Das Erbe von Joachim Treusch fortführen. Ende der 90er-Jahre wurde hier in Bremen ein gewaltiges Bildungsexperiment gewagt. Heute kann man sagen, es ist geglückt. Diesen Erfolg haben sich meine Vorgänger, die Studenten, Professoren und Mitarbeiter konsequent erarbeitet. Sie haben in ihren Zielen nie nachgelassen, auch nicht, wenn es schwierig wurde. Die Werte der Jacobs University, die seit der Gründung gelten, werde auch ich eisern verteidigen.

Welche beispielsweise?

Peitgen:Dazu gehört sicher die Verknüpfung der Fächer, der inter- und multidisziplinäre Grundsatz in Lehre und Forschung. Dazu zählt aber auch, dass die Studenten nach ihren Leistungen und nicht nach ihrer Finanzkraft ausgewählt werden. Viele Jacobs-Studenten sind Stipendiaten und kommen aus bildungsfernen und finanziell schwachen Verhältnissen. Diese besondere Vielfalt prägt den Campus. Ich komme selber nicht aus einer Bildungsfamilie und bin Nutznießer der Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Das werde ich nie vergessen. An der Jacobs University studiert die Leistungs-, aber nicht die Finanz-Elite. Dieser Wert ist für mich auch in Zukunft unverhandelbar.

Auch wenn die finanziellen Schwierigkeiten noch so groß werden?

Peitgen:Auch wenn die finanziellen Schwierigkeiten noch so groß werden.

Sie wollen nicht alles umkrempeln, verstanden. Aber es gibt doch sicher irgendetwas . . . sagen wir . . . Eigenes?

Treusch:Dass Heinz-Otto Peitgen und ich ähnlich denken und handeln , ist ja kein Zufall. Uns verbindet dieselbe Vision, die auch die Vision der Gründungsväter ist, zu denen Heinz-Otto Peitgen ja gehört. Sie galt und gilt bis heute als Richtschnur. Ich freue mich aber auch auf jeden neuen Akzent, der gesetzt wird, weil die Universität von einer solchen Dynamik lebt.

Und wie könnte ein solcher Akzent aussehen?

Peitgen:Ich habe natürlich schon darüber nachgedacht, was noch hierher passen würde. Neben der fachlichen Qualifikation ist die Persönlichkeitsbildung die zweite wichtige Säule des Studiums an der Jacobs University. Die perfekte Ergänzung zu der multi- und interdisziplinären Ausbildung, die die Studenten hier bekommen, wäre die Weiterentwicklung der künstlerischen Aktivitäten auf dem Campus. Die bildenden Künste, Theater, Musik können gerade bei jungen Menschen ungeheure Potenziale freilegen und die eigene Entwicklung beflügeln. Da etwas Neues zu schaffen, das ist ein Traum, den ich habe.

Ich hätte auch einen Vorschlag: Die Jacobs University scheint für viele Bremer ein entfernter Satellit zu sein, mit dem sie aber nicht viel anzufangen wissen. Das könnten Sie vielleicht ändern.

Peitgen:Da muss man sicher unterscheiden: In der Bürgerstadt Bremen ist die Jacobs University angekommen und gut aufgenommen worden. In der Tiefe ist es gelungen, die Universität zu etablieren, aber noch nicht in der Breite, da gebe ich Ihnen recht. Auch da möchte ich gerne weiterkommen. Leicht ist das nicht, schon allein aus geografischen Gründen durch unsere Lage im Bremer Norden.

Weiterkommen müssen Sie aber auch bei den Finanzen. Das ist doch vermutlich Ihre größte Sorge.

Peitgen:Da liegen Sie falsch. Denn ich kenne aktuell keine Universität weltweit, die keine finanziellen Sorgen hätte. Das gilt ja auch für die Bremer Universität und die Hochschulen.

Gerade das macht es ja auch nicht leichter – die Einrichtungen konkurrieren um staatliche Förderung.

Treusch:Wir konkurrieren nicht, wir kooperieren miteinander, zum Beispiel in der Exzellenzinitiative. Im Ausbau der Bremer Wissenschaftslandschaft liegt die Zukunft der Universitäten und Hochschulen. Nur gemeinsam können wir beispielsweise finanzielle Förderung vom Bund erwarten.

Und finanzielle Förderung vom Land? Bislang hat Bremen auf seine Haushaltsnotlage verwiesen und nichts versprochen. In der Vergangenheit wurde hier und da gemault, dass eine private Eliteuni nicht gefördert werden könne, solange die staatliche Universität unterfinanziert ist.

Peitgen:Die politisch Verantwortlichen Bremens waren von Anfang an eng in die Universitätsgründung eingebunden. Es war ja nicht von Beginn an klar, ob man das schaffen kann – exzellente internationale Studenten zu finden, Professoren und Geldgeber. Zehn Jahre später liegt jetzt eine Leistungsbilanz auf dem Tisch. Sie wird von der Regierung geprüft. Und dann wird es Ergebnisse geben.

Positive Ergebnisse? In Euro?

Peitgen:Ja, ich bin zuversichtlich, dass das Ergebnis positiv ist.

Das heißt konkret?

Peitgen:Mehr kann ich nicht dazu sagen.

Was sagen Sie dazu, Herr Treusch? Sie werben ja unablässig für Ihre Uni und verweisen auf das Plus für Bremen: Mehreinnahmen durch die Arbeitsplätze, zusätzliche Einwohner sowie Fördergeld von außerhalb. Wird das genug wertgeschätzt?

Treusch:Die Gespräche, die ich in der Vergangenheit geführt habe, stimmen mich positiv. Unsere Leistungsbilanz ist ja auch enorm. Der Wissenschaftsbereich in Bremen hat eine unglaubliche Dynamik. Das ist für unsere Universität gut, das ist für den Wirtschaftsstandort gut, das ist für Bremen gut und auch für Bremens Einwohner.

Wenn die Finanzlage, Herr Peitgen, nicht Ihre größte Sorge ist, was ist es dann?

Peitgen:Natürlich frage ich mich, ob ich dem Amt und den Erwartungen gerecht werden kann. Die Fußstapfen, in die ich trete, sind groß. Die Organisation ist es auch, die Messlatte hängt also hoch. Diese Gedanken kann man schon als Sorge bezeichnen. Aber wir Rheinländer bleiben dabei immer optimistisch.



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