
„Das Ergebnis hat uns überrascht“, sagt Professor Rainer Hambrecht, Vorsitzender der „Stiftung Bremer Herzen“. „Dass bereits kurz nach Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes die Zahl der Herzinfarkte so deutlich gesunken ist, damit haben wir nicht gerechnet.“ Der Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie im Klinikum Links der Weser (LDW) blättert durch die aktuelle Statistik, die er in der vergangenen Woche auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim vorgestellt hat. Die Kernbotschaft: Die Zahl schwerer Herzinfarkte ist im kleinsten Bundesland im Zeitraum von 2006 bis 2010 um 16 Prozent gesunken.
Am 1. Januar 2008 hat Bremen das bis heute umstrittene Gesetz zum Schutz von Nichtrauchern eingeführt. Danach darf in Gaststätten ab einer bestimmten Größe, in denen auch Speisen konsumiert werden, sowie in öffentlichen Gebäuden und Krankenhäusern nicht mehr geraucht werden. Es sei denn, es gibt abgeschlossene Raucherbereiche. Jedes der 16 Bundesländer hat ein solches Nichtraucherschutzgesetz, allerdings sind sie unterschiedlich ausgestaltet. Optimal ist dieser Flickenteppich laut Hambrecht nicht: „Aber immerhin haben wir endlich ein Gesetz. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass man noch vor wenigen Jahren beim Essen in einem Restaurant vom Nachbartisch vollgeraucht wurde.“
Und nicht nur das. Auch wer „nur“ mitraucht, setzt sich gesundheitlichen Gefahren aus. Unter anderem steigt das Herzinfarkt-Risiko. Wie sehr, hat jetzt die Studie der „Stiftung Bremer Herzen“, die von dem Bremer Kardiologen im vergangenen Jahr gegründet wurde, im Umkehrschluss belegt. Hambrecht: „Unsere Fragestellung lautete: Gibt es einen Einfluss des Nichtraucherschutzgesetzes in Bremen und dem Umland auf die Häufigkeit schwerer Herzinfarkte? Und wenn ja, wer profitiert davon: Raucher oder Nichtraucher?“.
Jeder zweite Patient ist Raucher
In dem beschriebenen Einzugsgebiet leben rund 800 000 Menschen. Der Statistik zufolge wurden zwischen 2006 und 2010 insgesamt 3545 schwere Herzinfarkte – sogenannte ST Strecken-Hebungsinfarkte (STEMI) – registriert. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 63 Jahren, 72 Prozent waren Männer, 46 Prozent rauchten. Hambrecht: „Dass fast jeder zweite Infarkt-Patient Raucher war, zeigt schon sehr deutlich, dass es ein Hauptrisikofaktor ist. In der gesamten Bevölkerung im Einzugsgebiet liegt die Quote bei rund 20 Prozent.“
Die Auswertung hat folgendes Bild ergeben: Insgesamt ist die Zahl der schweren Infarkte von 65 im Monat auf 55 gesunken, das ist ein Rückgang um 16 Prozent. Bei den Rauchern, die einen Infarkt erlitten, ist die Zahl konstant geblieben. „Das überrascht nicht“, betont Hambrecht. Bei den Nichtrauchern dagegen ist sie von 49 im Monat auf 30 und damit um 26 Prozent gesunken. Verglichen wurden die Zeiträume 2006 bis 2007 und 2008 bis 2010 – also vor und nach Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes. Bei den Nichtrauchern liegt nach den Zahlen das Durchschnittsalter der Herzinfarkt-Patienten bei 69 Jahre. Dies erklärt sich laut Hambrecht damit, dass ältere Menschen häufig auch andere Risikofaktoren für einen Herzinfarkt wie Diabetes, Bluthochdruck und Gefäßerkrankungen haben.
Hambrecht: „Die Statistik hat damit zwei Botschaften: Erstens zeigt sich nach Inkrafttreten des Gesetzes ein signifikanter Rückgang der Infarkte. Und: Am meisten profitieren die Nichtraucher – darunter vor allem Ältere.“
Die Bremer Studie hat auf dem Jahreskongress der Kardiologen deshalb für Aufsehen gesorgt, weil es bislang kaum Untersuchungen zur Auswirkung des Nichtraucherschutzgesetzes in Deutschland gibt. „Für die Auswertung haben wir in Bremen gegenüber anderen Bundesländern einen besonderen Vorteil“, betont Hambrecht. „Es gibt nur dieses eine Herzzentrum am LDW, in dem alle schweren Infarkte versorgt werden. Deshalb können wir so exakte und valide Zahlen liefern.“
Mitte März hatte die Krankenkasse DAK ebenfalls eine Studie vorgelegt, mit ähnlichen Ergebnissen: Sie hatte über fünf Jahre die bundesweiten Krankenhausdaten von mehr als drei Millionen Versicherten ausgewertet. Danach sind seit Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes in den Jahren 2007 und 2008 die Klinikbehandlungen wegen eines Herzinfarkts um acht Prozent gesunken. Stationäre Behandlungen wegen einer Angina pectoris, der Vorstufe des Herzinfarkts, gingen demnach um 13 Prozent zurück. Bereits ein Jahr nach Einführung des Gesetzes konnten laut der Krankenkasse damit 1880 Krankenhausbehandlungen verhindert und Kosten in Höhe von 7,7 Millionen Euro eingespart werden.
Bremer Herztage im Mai
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland die häufigste Todesursache. 2010 waren laut Statistischem Bundesamt allein 41 Prozent der Sterbefälle darauf zurückzuführen. Rund 60 000 Deutsche sterben jedes Jahr an einem Herzinfarkt. Und: Bremen steht in dieser Statistik ganz weit oben, wie der aktuelle Herzbericht für Deutschland ergeben hat.
Die „Stiftung Bremer Herzen“ will die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorantreiben und die Akutversorgung und Nachsorge von Infarkt-Patienten weiter verbessern. Hambrecht: „Die Ursachensuche für die Volkskrankheit führt meistens zum Lebensstil. Dort müssen wir mit der Präventionsarbeit ansetzen.“
Am 11. und 12. Mai wird es erstmals die Bremer Herztage geben – unter anderem mit Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Vorträge und Workshops mit Themen rund um die Herzgesundheit. Informationen zur „Stiftung Bremer Herzen“ gibt es im Internet unter der Adresse www.bremer-herzen.de.




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