März 2010.Oaktree Capital Management (OCM) zeigt erstmals Interesse an der Bremer Reederei Beluga Shipping. Der Bremer Weltmarktführer in der Schwergutschifffahrt ist für den US-Finanzinvestor offenbar ein interessantes Anlageobjekt. Und Niels Stolberg, damals Alleingesellschafter der Reederei, braucht dringend frisches Kapital, um seine geplanten Schiffsneubauten zu finanzieren. Denn wegen der globalen Finanzkrise vergeben die Banken, wenn überhaupt, Kredite nur noch zögerlich und gegen höhere Eigenkapitalquoten. Und das über Jahre bewährte deutsche KG-Modell, bei dem Emissionshäuser Geld von Anlegern für die Schiffsfinanzierung einsammeln, kommt gerade zum Erliegen. Von den vertraulichen Gesprächen erfährt die Öffentlichkeit nichts.
30. Juni 2010.Die Wirtschaftsprüfer von PriceWaterhouseCooper (PWC) stellen nach Informationen unserer Zeitung bei der Prüfung der Unternehmensbilanz 2009 fest, dass Beluga in naher Zukunft den Zahlungsverpflichtungen nicht mehr vollständig nachkommen kann, das "Fortführungsprinzip" (going concern) für das Unternehmen wäre damit verletzt. Erst nach Gesprächen mit Oaktree und der Erstellung eines Finanzierungsplans wird dann doch ein uneingeschränktes Testat erteilt. Beluga selbst gibt einen Umsatz von 415 Millionen Euro und einen Gewinn von 20 Millionen Euro als Bilanzzahlen für 2009 an.
22. Juli 2010.Stolberg verkündet nun erstmals öffentlich den Einstieg von Oaktree bei Beluga. Er spricht von einer Kapitalzufuhr in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages. Im Gegenzug habe der US-Investor Anteile an der von Stolberg gegründeten Unternehmensgruppe erhalten. Stolberg spricht von 25 Prozent. "Ich behalte aber das Steuer fest in der Hand", betont er gewohnt selbstbewusst.
3. August 2010.Beluga hat offenbar einen ersten Liquiditätsengpass. Oaktree stellt unbestätigten Informationen zufolge ein hochverzinstes Überbrückungsdarlehen in Höhe von 20 Millionen Euro zur Verfügung, das von Beluga zurückgezahlt werden muss. Im Handelsregister wird der US-Investor erstmals über seine Luxemburger Gesellschaft OCM Luxembourg Beluga Holdings als Gesellschafter aufgeführt. Der Oaktree-Anteil liegt danach bei 10000 Euro, das sind zehn Prozent des Stammkapitals der Firmenholding Beluga Group. 90 Prozent hält da noch Stolberg.
17. September 2010.Stolberg kündigt in dieser Zeitung an, Beluga wolle bis zum Jahresende mit der US-Reederei Intermarine einen kleineren Konkurrenten übernehmen. Oaktree sei angeblich bereit, die Fusion zu finanzieren. Intermarine dementiert eine mögliche Fusion.
29. Oktober 2010.Sieben Monate hat die eingehende Prüfung (Due Diligance) Belugas im Auftrag von Oaktree durch ein Team von Wirtschaftsprüfern und Anwälten der international agierenden Kanzlei Freshfields-Bruckhaus-Deringer gedauert und etliche Millionen gekostet. Offenbar ist das Ergebnis aber zufriedenstellend: Am 29. Oktober kommt es zum sogenannten Closing, der Vertragsunterzeichnung zwischen Stolberg und Oaktree. Nach Recherchen dieser Zeitung stellt Oaktree insgesamt 175 Millionen Euro an Kapital zur Verfügung. 9,5 Millionen Euro zahlt der Investor angeblich ins Eigenkapital des Unternehmens und bekommt dafür 37,5 Prozent der Anteile, Stolberg hält noch knapp über 60 Prozent an Beluga. Weitere 165,5 Millionen sollen als hochverzinstes Darlehen gewährt worden sein, wovon etwa 125 Millionen für die Finanzierung von Schiffsneubauten einschließlich des Offshore-Errichterschiffes bestimmt sind. Als gänzlich neuer Gesellschafter der Beluga-Gruppe taucht die Schawei-Holding der Brauerei-Familie Schadeberg (Krombacher) auf. Sie hält seither einen eher kleinen Anteil von 2,1 Prozent.
22. Januar 2011.Der Frachter "Beluga Nomination" wird im Indischen Ozean von Piraten gekapert. Schiff und Besatzung werden bis heute vor Somalias Küste festgehalten. Stolberg kündigt an, seine Schiffe künftig weite Umwege um das Risikogebiet herum fahren zu lassen und künftig bewaffnete Kräfte eines privaten Sicherheitsdienstes zum Schutz der Frachter engagieren zu wollen. Er rechnet ab diesem Zeitpunkt damit, dass Beluga im laufenden Jahr Verluste schreiben wird. Stolberg beziffert die Kosten durch Markteinbrüche, Piraterie und ausgefallene Transporte ins hochwassergeschädigte Australien auf bis zu 60 Millionen Euro. "Das wird ein wirtschaftliches Desaster", sagt er im Interview mit dem WESER-KURIER.
18./19. Februar 2011.Bei Beluga finden Krisengespräche zwischen den Gesellschaftern statt. Ein Gesellschafterbeschluss, vermerkt im Handelsregister, zwingt Stolberg möglicherweise dazu, weitere Anteile an Oaktree abzutreten. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht.
24. Februar 2011.Oaktree stellt beim Bundeskartellamt einen Antrag, die Mehrheit an Beluga übernehmen zu können, dem wenige Tage später stattgegeben wird. Drei Tage zuvor war Emilio Reales, bis dahin zweiter Geschäftsführer neben Stolberg bei der Beluga Group, durch den Oaktree-Vizepräsidenten Roger Iliffe ersetzt worden, Reales wird "beurlaubt". Iliffe hat wie Stolberg die Befugnis, das Unternehmen allein zu vertreten.
1. März 2011.Am Nachmittag des 1. März wird Stolberg von Oaktree-Managern offenbar mit massiven Vorwürfen konfrontiert und des Hauses verwiesen.
2. März 2011. Stolberg legt mit sofortiger Wirkung seinen Aufsichtsratssitz bei Werder Bremen nieder. Er nennt dafür "berufliche Gründe". Zuvor war bekannt geworden, dass Beluga zum Saisonende vorfristig aus dem Sponsoren-Vertrag mit dem Fußball-Bundesligisten aussteigen will.
3. März 2011.Oaktree gibt offiziell bekannt, dass der Reedereichef beurlaubt worden sei. Am Vortag ist bei der Bremer Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Stolberg, einen weiteren Geschäftsführer und fünf leitende Angestellte wegen Betrugverdachts erstattet worden. Die ehemalige Beluga-Führungscrew soll seit 2009 Bilanzen gefälscht und in dreistelliger Höhe Umsätze und Liquiditätsrechnungen falsch dargestellt haben. Der US-Finanzinvestor übernimmt das Management, kündigt einen Restrukturierungsprozess bei Beluga an und gibt bekannt, dass er jetzt 49,5 Prozent der Anteile an der Bremer Schifffahrtsgruppe hält. Die Reederei soll von Oaktree auf ihr Kerngeschäft, die Schwergutschifffahrt, reduziert werden. "Wir übernehmen die Federführung bei der Restrukturierung, um Beluga zu stabilisieren und zu stärken", sagt Hermann Dambach, Deutschland-Chef von Oaktree, im Gespräch mit dieser Zeitung. Konkrete Ergebnisse und mögliche Konsequenzen der Unternehmensprüfung seien aber frühestens Ende März zu erwarten. Am gleichen Tag gibt es ein erstes Krisentreffen mit Beluga-Gläubigern. Oaktree fordert von ihnen Verzicht und droht erstmals offen mit einer möglichen Insolvenz.
8. März 2011.Alleiniger Beluga-Chef ist jetzt Oaktree-Vizepräsident Roger Iliffe. Stolberg ist endgültig entmachtet. Er ist laut dem vorerst letzten Eintrag im Bremer Handelsregister zwar noch als Geschäftsführer der Beluga-Holding und der diversen Tochtergesellschaften eingetragen, darf das Unternehmen im operativen Geschäft aber nur noch zusammen "mit einem anderen Geschäftsführer vertreten". Co-Geschäftsführer mit den gleichen Befugnissen wie Stolberg ist Heiko Keppler, wie Iliffe ein Mann von Oaktree.
9. März 2011.Niels Stolberg meldet sich eine Woche nach seinem erzwungenen Ausscheiden aus der von ihm gegründeten Unternehmensgruppe erstmals zu Wort: "Ich werde mich dem Verfahren und den mir gegenüber erhobenen Vorwürfen stellen", sagt er dieser Zeitung. "Ich laufe nicht davon." Zur Sache äußert er sich zunächst nicht. Das werde er mit der Bremer Staatsanwaltschaft klären. Als juristischen Beistand hat er mit Hanns W. Feigen einen der besten Wirtschaftsanwälte Deutschlands verpflichtet. Zu den bekannt gewordenen Vorwürfen gegen seinen Mandanten Stolberg sagt Anwalt Feigen, wer das behaupte, "der kann nicht richtig ticken oder hat zu viel getrunken".
10. März 2011.In einem zweiten Krisentreffen in Hamburg versucht Oaktree erneut, die Gläubiger der Reederei - Banken, Emissionshäuser, Kleinanleger - von einem teilweisen Verzicht auf Forderungen zu überzeugen. Ohne finanzielle Zugeständnisse drohe die Insolvenz, behaupten die Manager von Oaktree. Eine Einigung wird jedoch nicht erzielt. Viele Investoren sperren sich gegen die harten Einschnitte, die auch für sie und ihre Anleger bedrohlich werden könnten, und gründen eine "Interessengemeinschaft Charterschiffe", um in den Verhandlungen gemeinsam Position gegen Oaktree beziehen zu können.
11. März 2011.In Stolbergs Privathäusern auf Spiekeroog und in Bad Zwischenahn tauchen im Auftrag der Staatsanwaltschaft Fahnder auf und beschlagnahmen Unterlagen. Erste Reeder ziehen ihre Schiffe von der angeschlagenen Reederei ab.
14. März 2011.Der Finanzinvestor Oaktree, größter Gesellschafter und Gläubiger bei Beluga, erwirkt wegen offener Forderungen beim Landgericht Aurich einen Vermögens-Sicherungsantrag gegen Stolberg. Damit droht eine Zwangsvollstreckung des Privatvermögens des ehemaligen Reedereichefs, sollte dieser nicht zahlen. Stolberg ist noch Geschäftsführer und Gesellschafter etlicher Firmen in Bremen und auf Spiekeroog, bei denen es keine Oaktree-Beteiligung gibt.
15. März 2011.Große Emissionshäuser wie HCI, Oltmann, Ownership und Bluewater, die zwei Drittel der Beluga-Flotte finanziert und dann ihre Schiffe an die Reederei verchartert (vermietet) haben, folgen dem Beispiel der Oltmann-Gruppe und kündigen wegen ausbleibender Zahlungen mit sofortiger Wirkung ihre Charter- und Bereederungsverträge. Dem einstigen Weltmarktführer Beluga verbleiben jetzt nur noch 20 von einst 72 Schiffen. In Bremen verdichten sich Gerüchte, dass eine Insolvenz angemeldet werden soll.
16. März 2011.Das Oaktree-Management stellt Insolvenzantrag. Betroffen ist zunächst nur eine Tochtergesellschaft. Doch die Reedereisparte "Chartering" betreut das Kerngeschäft, das Chartern und Befrachten von Schiffen. Der Bremer Rechtsanwalt Edgar Grönda wird zum vorläufigen Insolvenzverwalter ernannt. Ob und wie es mit der Unternehmensgruppe weitergeht, ist völlig offen. Seit dem Morgen wird Firmengründer Niels Stolberg erstmals von der Bremer Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen vernommen. Details werden nicht bekannt.




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